ZWEI TAKTIKEN DER SOZIALDEMOKRATIE
IN DER DEMOKRATISCHEN REVOLUTION1
geschrieben Juni— Juli 1905.
Zuerst veröffentlicht als
Brosdbüre in Qenf im Juli 1905.
'Nach dem Text der Broschüre,
verglichen mit dem Manuskript. ■
N. Lenin. Deux tactiques.
Prix : 1 fr. 25 cts. — 1. mk. — iS Ch. — 25 Cent
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ISO?.
Umschlag von W.I. Lenins Broschüre
„Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution"
1905
Verkhmrt
VORWORT
In einem revolutionären Augenblick ist es sehr schwer, mit den Ereig-
nissen Schritt zu halten, die erstaunlich viel neues Material für die Beur-
teilung der taktischen Losungen der revolutionären Parteien liefern. Diese
Broschüre ist vor den Odessaer Ereignissen geschrieben worden.* Wir
haben im „Proletari"2 (Nr. 9, „Die Revolution lehrt") ** schon darauf
hingewiesen, daß sogar jene Sozialdemokraten, die die Theorie vom Auf-
stand als Prozeß geschaffen und die Propaganda für eine provisorische
revolutionäre Regierung verworfen hatten, durch diese Ereignisse gezwun-
gen wurden, faktisch auf die Seite ihrer Opponenten überzugehen oder
mit dem Übergang zu beginnen. Die Revolution lehrt zweifellos mit einer
Schnelligkeit und Gründlichkeit, die in Zeiten der friedlichen politischen
Entwicklung unwahrscheinlich erscheinen. Und sie lehrt, was besonders
wichtig ist, nicht nur die Führer, sondern auch die Massen.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Revolution den Arbeitennassen
in Rußland den Sozialdemokratismus beibringen wird. Die Revolution
wird in der Praxis das Programm und die Taktik der Sozialdemokratie da-
durch bestätigen, daß sie die wahre Natur der verschiedenen Gesellschafts-
klassen enthüllt, daß sie den bürgerlichen Charakter unserer Demokratie
und die wirklichen Bestrebungen der Bauernschaft offenbart, die im bürger-
lich-demokratischen Sinne revolutionär ist, aber nicht die Idee der „Sozia-
lisierung", sondern den neuen Klassenkampf zwischen der bäuerlichen
Bourgeoisie und dem ländlichen Proletariat in ihrem Schoße birgt. Die
* Gemeint ist der Aufstand auf dem Panzerkreuzer „Fürst Potjomkin".
(Fußnote des Verfassers zur Ausgabe von 1907. Die Red.)
** Siehe den vorliegenden Band, S. 139. Die Red.
4
'W. J. Lenin
alten Illusionen der alten Volkstümlerrichtung, die zum Beispiel im Pro-
grammentwurf der „Partei der Sozialrevolutionäre" so deutlich durch-
schimmem, sowohl was die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland und
den Demokratismus unserer „Gesellschaft" betrifft als auch hinsichtlich
der Bedeutung des vollen Sieges des Bauernaufstands — alle diese Illusio-
nen werden von der Revolution erbarmungslos und endgültig zerstreut
werden. Die verschiedenen Klassen werden in der Revolution zum ersten-
mal eine wirkliche politische Feuertaufe erhalten. Diese Klassen werden
aus der Revolution mit einer bestimmten politischen Physiognomie her-
vorgehen, nachdem sie sich nicht nur in den Programmen und taktischen
Losungen ihrer Ideologen, sondern auch in der offenen politischen Aktion
der Massen gezeigt haben werden.
Kein Zweifel, daß die Revolution uns belehren und daß sie die Volks-
massen belehren wird. Doch für die kämpfende politische Partei steht jetzt
die Frage so-. Werden wir die Revolution etwas lehren können? Werden
wir von der Richtigkeit unserer sozialdemokratischen Lehre und von unse-
rer Verbindung mit der einzigen bis zu Ende revolutionären Klasse, dem
Proletariat, so Gebrauch machen können, daß wir der Revolution den pro-
letarischen Stempel auf drücken, die Revolution in der Tat und nicht in
Worten zum wirklich entscheidenden Siege führen und die Wankelmütig-
keit, die Halbschlächtigkeit und den Verrat der demokratischen Bourgeoi-
sie paralysieren?
Auf dieses Ziel müssen wir alle unsere Anstrengungen richten. Ob wir
es erreichen, hängt einerseits von der Richtigkeit unserer Einschätzung der
politischen Lage, von der Richtigkeit unserer taktischen Losungen ab,
anderseits von der Unterstützung dieser Losungen durch die reale Kampf-
kraft der Arbeitermassen. Auf die Festigung und Ausdehnung der Ver-
bindung mit der Masse ist die gesamte übliche, reguläre, laufende Arbeit
aller Organisationen und Gruppen unserer Partei gerichtet: die Propa-
ganda-, Agitations- und Organisationsarbeit. Diese Arbeit ist stets not-
wendig, aber in einem revolutionären Augenblick kann sie weniger denn
je als ausreichend erachtet werden. In einem solchen Augenblick drängt die
Arbeiterklasse instinktiv zur offenen revolutionären Aktion, und wir müs-
sen es verstehen, die Aufgaben dieser Aktion richtig zu stellen, um dann
die Kenntnis dieser Aufgaben und das Verständnis für sie möglichst weit
zu verbreiten. Man darf nicht vergessen, daß sich hinter dem landläufigen
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 5
Pessimismus betreffs unserer Verbindung mit der Masse jetzt besonders
häufig bürgerliche Ideen über die Rolle des Proletariats in der Revolution
verbergen. Wir müssen zweifellos noch viel, sehr viel tun, um die Arbeiter-
klasse zu erziehen und zu organisieren, aber die ganze Frage dreht sich
heute darum, wo der politische Schwerpunkt dieser Erziehung und dieser
Organisation hauptsächlich liegen soll. In den Gewerkschaften und den
legalen Vereinen oder im bewaffneten Aufstand, in der Schaffung einer
revolutionären Armee und einer revolutionären Regierung? Durch das
eine wie durch das andere wird die Arbeiterklasse erzogen und organisiert.
Und das eine wie das andere ist natürlich notwendig. Heute, in der gegen-
wärtigen Revolution, läuft jedoch die ganze Frage darauf hinaus, wo der
Schwerpunkt der Erziehung und der Organisation der Arbeiterklasse lie-
gen wird, im ersten oder im zweiten?
Der Ausgang der Revolution hängt davon ab, ob die Arbeiterklasse als
Handlanger der Bourgeoisie, der in seiner Stoßkraft gegen die Selbstherr-
schaft zwar mächtig, politisch aber ohnmächtig ist, oder als Führer der
Volksrevolution auftreten wird. Die bewußten Vertreter der Bourgeoisie
spüren das sehr wohl. Eben deshalb preist ja die Zeitschrift „Oswobosh-
denije" 3 das Akimowianertum in der Sozialdemokratie, den „Ökonomis-
mus", der heute die Gewerkschaften und die legalen Vereine in den Vor-
dergrund rückt. Eben deshalb begrüßt ja Herr Struve („Oswoboshdenije"
Nr. 72) die prinzipiellen Tendenzen des Akimowianertums in der neuen
„Iskra" *. Und eben deshalb fällt er über die verhaßte revolutionäre Eng-
herzigkeit der Beschlüsse her, die der III. Parteitag der Sozialdemokrati-
schen Arbeiterpartei Rußlands gefaßt hat.
Richtige taktische Losungen der Sozialdemokratie haben jetzt für die
Führung der Massen besonders große Bedeutung. Nichts ist gefährlidier,
als die Bedeutung prinzipienfester taktischer Losungen in revolutionären
Zeiten herabzusetzen. Die „Iskra" zum Beispiel geht in Nr. 104 faktisch
auf die Seite ihrer Opponenten in der Sozialdemokratie über, äußert sich
aber zuglei dt geringschätzig über die Bedeutung der Losungen und takti-
schen Beschlüsse, die dem Leben vorangehen und den Weg zeigen, den
die Bewegung, begleitet von manchen Mißerfolgen, Irrtümern usw., ein-
schlägt. Im Gegenteil, die Ausarbeitung richtiger taktischer Beschlüsse hat
gewaltige Bedeutung für eine Partei, die das Proletariat im Geiste konse-
quent marxistischer Prinzipien führen und nicht bloß hinter den Ereignis-
6
W. 7. Centn
sen einhertrotten will. In den Resolutionen des III. Parteitags der Sozial-
demokratischen Arbeiterpartei Rußlands und der Konferenz des abgespal-
tenen Teils der Partei* haben wir die präzisesten, bestdurchdachten und
vollständigsten Darlegungen der taktischen Auffassungen, nicht wie sie
zufällig von einzelnen Literaten geäußert, sondern wie sie von den verant-
wortlichen Vertretern des sozialdemokratischen Proletariats angenommen
worden sind. Unsere Partei hat allen anderen Parteien voraus, daß sie ein
präzises, von allen angenommenes Programm besitzt. Sie muß für die
anderen Parteien auch darin ein Vorbild sein, daß sie sich zu ihren tak-
tischen Resolutionen streng verhält, im Gegensatz zum Opportunismus der
demokratischen Bourgeoisie, wie er sich im „Oswoboshdenije" äußert, und
zu den revolutionären Phrasen der Sozialrevolutionäre, die erst während
der Revolution auf den Gedanken kamen, mit dem „Entwurf" eines Pro-
gramms hervorzutreten und sich zum erstenmal mit der Frage zu befassen,
ob das, was sich vor ihren Augen abspielt, eine bürgerliche Revolution ist.
Deshalb halten wir es für die dringlichste Aufgabe der revolutionären
Sozialdemokratie, die taktischen Resolutionen des III. Parteitags der So-
zialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands und der Konferenz aufmerk-
sam zu studieren, die in ihnen enthaltenen Abweichungen von den Prin-
zipien des Marxismus festzustellen und sich über die konkreten Aufgaben
des sozialdemokratischen Proletariats in der demokratischen Revolution
klarzuwerden. Dieser Arbeit ist auch die vorliegende Schrift gewidmet.
Die Überprüfung unserer Taktik vom Gesichtspunkt der marxistischen
Prinzipien und der Lehren der Revolution ist auch für denjenigen notwen-
dig, der die Einheitlichkeit der Taktik als Grundlage für die künftige volle
Einigung der ganzen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands real
vorbereiten und sich nicht nur auf Worte der Ermahnung beschränken will.
Juli 1905 hl. Lenin
* Am III. Parteitag der SDAPR (London, Mai 1905) nahmen nur die Bol-
schewiki teil. An der „Konferenz" (Genf, zur selben Zeit) beteiligten sich nur
die Menschewiki, die in der vorliegenden Schrift oft als „Neuiskristen" be-
zeichnet werden, denn sie gaben zwar die „Iskra" weiter heraus, ließen aber
durch den Mund ihres damaligen Gesinnungsgenossen Trotzki erklären, daß
zwischen der alten und der neuen „Iskra" ein Abgrund klafft. (Fußnote des
Verfassers zur Ausgabe von 1907. Die Red.)
7
1. DIE AKTUELLE POLITISCHE FRAGE
In dem revolutionären Augenblick, den wir durchleben, steht die Ein-
berufung einer vom ganzen Volk gewählten konstituierenden Versamm-
lung auf der Tagesordnung. Wie diese Frage zu lösen ist, darüber gehen
die Meinungen auseinander. Drei politische Richtungen treten hervor. Die
zaristische Regierung findet sich mit der Notwendigkeit ab, Volksvertreter
einzuberufen, will aber auf keinen Fall zulassen, daß deren Versammlung
eine vom ganzen Volk gewählte und eine konstituierende Versammlung
ist. Sie scheint, wenn man den Zeitungsmeldungen über die Arbeiten der
Bulyginschen Kommission5 glauben darf, mit einer beratenden Versamm-
lung einverstanden zu sein, die ohne Freiheit der Agitation und auf Grund
eines beschränkten Zensus- oder eines beschränkten ständischen Wahl-
rechts gewählt wird. Das revolutionäre Proletariat, soweit es unter der
Führung der Sozialdemokratie steht, fordert den vollständigen Übergang
der Macht an eine konstituierende Versammlung und erstrebt zu diesem
Zweck nicht nur das allgemeine Wahlrecht und nicht nur die volle Agita-
tionsfreiheit, sondern außerdem den unverzüglichen Sturz der zaristischen
Regierung und ihre Ersetzung durch eine provisorische revolutionäre Re-
gierung. Die liberale Bourgeoisie schließlich, die ihre Wünsche durch den
Mund der Führer der sogenannten „Konstitutionell-Demokratischen Par-
tei" 6 zum Ausdruck bringt, fordert nicht den Sturz der zaristischen Regie-
rung, stellt nicht die Losung einer provisorischen Regierung auf und be-
steht nicht auf realen Garantien dafür, daß die Wahlen vollkommen frei
und korrekt durchgeführt werden und daß die Vertreterversammlung zu
einer tatsächlich vom ganzen Volk gewählten und zu einer tatsächlich kon-
stituierenden Versammlung wird. Im Grunde erstrebt die liberale Bour-
8
W. J. Centn
geoisie, diese einzige ernsthafte soziale Stütze der „Oswoboshdenije"-
Richtung, einen möglichst friedlichen Ausgleich zwischen dem Zaren und
dem revolutionären Volk, und zwar einen solchen Ausgleich, bei dem ihr,
der Bourgeoisie, am meisten, dem revolutionären Volk dagegen, dem Pro-
letariat und der Bauernschaft, am wenigsten Macht zuteil würde.
So ist die politische Lage im gegebenen Augenblick. Das sind die drei
politischen Hauptrichtungen, die den drei sozialen Hauptkräften des heu-
tigen Rußlands entsprechen. Darüber, wie die „Oswoboshdenzen" ihre
Halbschlächtigkeit, d. h. direkter und einfacher gesagt, ihre der Revolution
gegenüber abtrünnige, verräterische Politik mit demokratisch klingenden
Phrasen bemänteln, haben wir im „Proletari" schon des öfteren gespro-
chen (Nr. 3, 4 und 5)*. Betrachten wir nunmehr, wie die Sozialdemokra-
ten den Aufgaben des Augenblicks Rechnung tragen. Ausgezeichnetes Ma-
terial bilden in dieser Hinsicht die beiden Resolutionen, die erst unlängst
vom III. Parteitag derSDAPR und von der „Konferenz" des abgespaltenen
Teils der Partei angenommen wurden. Die Frage, welche dieser beiden
Resolutionen den politischen Augenblick richtiger beurteilt und die Taktik
des revolutionären Proletariats richtiger bestimmt, hat größte Bedeutung,
und jeder Sozialdemokrat, der seine Pflichten als Propagandist, Agitator
und Organisator verantwortungsbewußt erfüllen will, muß sich unter völ-
liger Beiseitelassung von Erwägungen, die nicht zur Sache gehören, mit
allem Ernst über diese Frage Klarheit verschaffen.
Unter der Taktik einer Partei versteht man ihr politisches Verhalten
oder den Charakter, die Richtung, die Methoden ihrer politischen Tätig-
keit. Taktische Resolutionen werden auf einem Parteitag angenommen, um
das politische Verhalten der Partei als Ganzes im Hinblick auf neue Auf-
gaben oder angesichts einer neuen politischen Situation genau festzulegen.
Eine solche neue Situation ist durch die in Rußland begonnene Revolution,
das heißt den vollständigen, entschiedenen und offenen Bruch zwischen der
gigantischen Mehrheit des Volkes und der zaristischen Regierung geschaf-
fen worden. Die neue Frage besteht darin, welches die praktischen Metho-
den sind, eine wirklich vom ganzen Volk gewählte, wirklich konstituierende
Versammlung einzuberufen. (Theoretisch ist die Frage einer solchen Ver-
sammlung sdton längst und vor allen anderen Parteien von der Sozial-
demokratie in ihrem Parteiprogramm offiziell gelöst worden.) Hat das
* Siehe Werke, 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 452 — 460, 477 — 490, russ. Die Red.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdhen Revolution 9
Volk mit der Regierung gebrochen und sind sich die Massen der Not-
wendigkeit, eine neue Ordnung zu errichten, bewußt geworden, so muß die
Partei, die sich das Ziel gesetzt hat, die Regierung zu stürzen, notwen-
digerweise darüber nachdenken, was für eine Regierung an die Stelle der
alten, der zu stürzenden Regierung treten soll. Es taucht die neue Frage
der provisorischen revolutionären Regierung auf. Um diese Frage erschöp-
fend zu beantworten, muß die Partei des klassenbewußten Proletariats
klarstellen: erstens die Bedeutung der provisorischen revolutionären Re-
gierung in der vor sich gehenden Revolution und im gesamten Kampf des
Proletariats überhaupt; zweitens ihr eigenes ‘Verhältnis zur provisorischen
revolutionären Regierung; drittens die genauen Bedingungen für eine Jeil-
nahme der Sozialdemokratie an dieser Regierung; viertens die Bedingun-
gen für einen Drude auf diese Regierung von unten, falls die Sozialdemo-
kratie sich an ihr nicht beteiligt. Nur wenn alle diese Fragen geklärt sind,
wird die politische Haltung der Partei in dieser Beziehung eine prinzipielle,
klare und feste sein.
Betrachten wir nun, wie diese Fragen in der Resolution des III. Par-
teitags der SDAPR gelöst werden. Hier der volle Wortlaut dieser Resolu-
tion:
„ Resolution über die provisorische revolutionäre Regierung.
In der Erwägung,
1. daß sowohl die unmittelbaren Interessen des Proletariats als auch
seine Interessen im Kampf für die sozialistischen Endziele die möglichst
volle politische Freiheit und folglich die Ersetzung der absolutistischen Re-
gierungsform durch die demokratische Republik erfordern;
2. daß die Errichtung der demokratischen Republik in Rußland nur als
Ergebnis eines siegreichen Volksaufstands möglich ist, dessen Organ eine
provisorische revolutionäre Regierung sein wird, die allein fähig ist, die
volle Freiheit der Wahlagitation zu gewährleisten und auf Grund des all-
gemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts eine konstituie-
rende Versammlung einzuberufen, die wirklich denWillen des Volkes zum
Ausdrude bringt ;
3. daß diese demokratische Umwälzung in Rußland bei der gegebenen
ökonomischen Struktur der Gesellschaft die Herrschaft der Bourgeoisie
nidit schwächen, sondern stärken wird, und daß diese in einem bestimm-
ten Augenblick unweigerlich mit allen Mitteln versuchen wird, dem Pro-
2 Lenin, Werke, Bd. 9
10
W. 1. Cenirt
letariat Rußlands möglichst viele Errungenschaften der revolutionären
Periode zu entreißen —
beschließt der III. Parteitag der SDAPR:
a) man muß in der Arbeiterklasse eine konkrete Vorstellung verbreiten
über den wahrscheinlichsten Verlauf der Revolution und über die Not-
wendigkeit, daß in einem bestimmten Augenblick eine provisorisdie revo-
lutionäre Regierung entsteht, von der das Proletariat die Verwirklidiung
aller nächsten politischen und ökonomischen Forderungen unseres Pro-
gramms (Minimalprogramm) verlangen wird;
b) je nach dem Kräfteverhältnis und den anderen Faktoren, die im vor-
aus nicht genau bestimmt werden können, ist die Teilnahme von Bevoll-
mächtigten unserer Partei an der provisorischen revolutionären Regierung
zu dem Zwedc zulässig, alle konterrevolutionären Anschläge schonungslos
zu bekämpfen und die selbständigen Interessen der Arbeiterklasse zu
wahren;
c) die unerläßliche Vorbedingung für eine solche Teilnahme ist die
strenge Kontrolle der Partei über ihre Bevollmächtigten und die unent-
wegte Wahrung der Unabhängigkeit der Sozialdemokratie, die die voll-
ständige sozialistische Umwälzung anstrebt und insofern allen bürger-
lichen Parteien unversöhnlich feindlich gegenübersteht;
d) unabhängig davon, ob eine Teilnahme der Sozialdemokratie an der
provisorischen revolutionären Regierung möglich sein wird, ist in den brei-
testen Schichten des Proletariats der Gedanke zu propagieren, daß das be-
waffnete und von der Sozialdemokratie geführte Proletariat einen ständi-
gen Drude auf die provisorische Regierung ausüben muß, um die revolutio-
nären Errungenschaften zu verteidigen, zu festigen und zu erweitern."
2. WAS SAGT DIE RESOLUTION DES III. PARTEITAGS
DER SDAPR ÜBER DIE
PROVISORISCHE REVOLUTIONÄRE REGIERUNG?
Die Resolution des III. Parteitags der SDAPR ist, wie man aus ihrer
Überschrift sieht, voll und ganz der Frage der provisorischen revolutionä-
ren Regierung gewidmet. Das bedeutet, daß die Teilnahme der Sozial-
demokratie an der provisorischen revolutionären Regierung als eine Teil-
Zwei 7 dktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 1 1
frage mit inbegriffen ist. Anderseits ist nur von der provisorischen revo-
lutionären Regierung und von nichts anderem die Rede; die Frage etwa
„der Eroberung der Macht" schlechthin u. dgl. wird hier also gar nicht
angeschnitten. Hat der Parteitag richtig gehandelt, als er diese und ähnlidie
Fragen ausschloß? Zweifellos hat er richtig gehandelt, denn solche Fragen
werden von der politischen Lage in Rußland keineswegs auf die Tagesord-
nung gesetzt. Im Gegenteil, das ganze Volk hat den Sturz der Selbstherr-
schaft und die Einberufung einer konstituierenden Versammlung auf die
Tagesordnung gesetzt. Auf Parteitagen sind nicht jene Fragen zur Ent-
scheidung zu stellen, die der eine oder andere Literat zu gelegener oder
ungelegener Zeit zur Sprache bringt, sondern jene, die kraft der Bedingun-
gen der gegebenen Lage und infolge des objektiven Ganges der gesell-
schaftlichen Entwicklung ernste politische Bedeutung haben.
Welche Bedeutung hat eine provisorische revolutionäre Regierung in der
jetzigen Revolution und im allgemeinen Kampf des Proletariats? Die Par-
teitagsresolution erläutert das, indem sie gleich eingangs auf die Notwen-
digkeit der „möglichst vollen politischen Freiheit" sowohl vom Gesichts-
punkt der unmittelbaren Interessen des Proletariats als auch vom Gesichts-
punkt der „sozialistischen Endziele" hinweist. Volle politische Freiheit er-
fordert aber, daß die zaristische Selbstherrschaft durch die demokratische
Republik ersetzt wird, wie das schon in unserem Parteiprogramm dar-
gelegt ist. Es ist logisch und prinzipiell notwendig, in der Parteitagsresolu-
tion die Losung der demokratischen Republik zu betonen, denn das Prole-
tariat als Vorkämpfer der Demokratie erstrebt eben die volle Freiheit;
außerdem ist es im gegebenen Augenblick um so zweckmäßiger, sie zu be-
tonen, als bei uns gerade jetzt unter der Flagge des „Demokratismus"
Monarchisten auftreten, nämlich die sog. konstitutionell- „demokratisdie"
oder „Befreiungs"-Partei. Um die Republik zu errichten, ist zweifellos
eine Versammlung der Volksvertreter notwendig, und zwar unbedingt
eine (auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl-
rechts) vom ganzen Volk gewählte und konstituierende Versammlung. Das
wird denn auch weiter in der Resolution des Parteitags gesagt. Doch die
Resolution beschränkt sich nicht darauf. Um eine neue Ordnung zu er-
richten, die „wirklich den Willen des Volkes zum Ausdruck bringt", ge-
nügt es nidrt, die Vertreterversammlung als konstituierende zu bezeichnen.
Diese Versammlung muß auch die Macht und die Kraft haben, „zu konsti-
2*
n
TV. 3. Lenin
tuieren". Aus dieser Erkenntnis heraus besdiränlct sich die Parteitagsreso-
lution nicht auf die formale Losung der „konstituierenden Versammlung",
sondern fügt auch die materiellen Bedingungen hinzu, die es dieser Ver-
sammlung einzig und allein ermöglichen, ihre Aufgabe wirklich zu erfül-
len. En solcher Hinweis auf die Bedingungen, unter denen diese den Wor-
ten nach konstituierende Versammlung in der Tat eine konstituierende
werden kann, ist dringend erforderlich, denn die liberale Bourgeoisie in
Gestalt der konstitutionell-monarchistischen Partei verdreht, wie wir schon
mehrmals nachgewiesen haben, wissentlich die Losung der vom ganzen
Volk gewählten konstituierenden Versammlung und würdigt sie zur leeren
Phrase herab.
Die Resolution des Parteitags besagt, daß einzig und allein eine provi-
sorische revolutionäre Regierung, und zwar eine solche, die das Organ
eines siegreidten Volksaufstands sein wird, die volle Freiheit der Wahl-
agitation gewährleisten und eine Versammlung einberufen kann, die wirk-
lich den Willen des Volkes zum Ausdruck bringt. Ist diese These richtig?
Wer das bestreiten wollte, der müßte behaupten, die zaristische Regierung
brächte es fertig, der Reaktion nicht die Hand zu bieten, sie sei imstande,
bei den Wahlen neutral zu bleiben, sie könne dafür sorgen, daß der Wille
des Volkes wirklich zum Ausdrude kommt. Derartige Behauptungen sind
so unsinnig, daß niemand daran denkt, sie offen zu vertreten, aber ins-
geheim werden sie, unter liberaler Flagge, gerade von unseren Oswobosh-
denzen eingeschmuggelt. Irgend jemand muß die konstituierende Ver-
sammlung einberufen; irgend jemand muß die Freiheit und die korrekte
Durchführung der Wahlen sichern; irgend jemand muß auf diese Ver-
sammlung sämtliche Machtbefugnisse übertragen: Nur eine revolutionäre
Regierung, die das Organ des Aufstands ist, kann den völlig aufrichtigen
Willen und die Kraft haben, alles zu tun, um das zu verwirklichen. Die
zaristische Regierung wird dem unvermeidlidi entgegenwirken. Eine libe-
rale Regierung, die mit dem Zaren ein Kompromiß eingegangen ist und
sich nicht voll und ganz auf den Volksaufstand stützt, wäre weder fähig,
das aufrichtig zu wollen, noch könnte sie es verwirklichen, selbst wenn sie
es noch so aufrichtig wünsdite. Die Parteitagsresolution gibt folglich die
einzig richtige und durchaus konsequente demokratische Losung.
Aber die Bedeutung der provisorischen revolutionären Regierung würde
unvollständig und unrichtig eingeschätzt, wenn man den Klassencharakter
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 13
der demokratischen Umwälzung außer acht ließe. Darum fügt die Resolu-
tion hinzu, daß die Umwälzung die Herrschaft der Bourgeoisie stärken
wird. Das ist bei der gegebenen, d. h. kapitalistischen, ökonomischen
Struktur der Gesellschaft unvermeidlich. Wird aber die Herrschaft der
Bourgeoisie über ein politisch einigermaßen freies Proletariat gestärkt, so
führt das unweigerlich zu einem erbitterten Kampf um die Macht zwischen
ihnen, zu verzweifelten Versuchen der Bourgeoisie, „dem Proletariat die
Errungenschaften der revolutionären Periode zu entreißen". Das Prole-
tariat darf deshalb, während es allen voran und an der Spitze aller für die
Demokratie kämpft, keinen Augenblick lang die im Schoße der bürger-
lichen Demokratie verborgenen neuen Widersprüche und den neuen Kampf
vergessen.
Die Bedeutung der provisorischen revolutionären Regierung ist mithin
in dem von uns untersuchten Teil der Resolution vollauf gewürdigt: so-
wohl in ihrem Verhältnis zum Kampf um die Freiheit und die Republik
als auch in ihrem Verhältnis zur konstituierenden Versammlung und zur
demokratischen Umwälzung, die den Boden für den neuen Klassenkampf
vorbereitet.
Es fragt sich weiter, welche Stellung soll das Proletariat überhaupt
gegenüber der provisorischen revolutionären Regierung einnehmen? Die
Resolution des Parteitags antwortet darauf vor allem mit dem direkten Rat
an die Partei, in der Arbeiterklasse die Überzeugung zu verbreiten, daß
eine provisorische revolutionäre Regierung notwendig ist. Die Arbeiter-
klasse muß sich dieser Notwendigkeit bewußt werden. Während die
„demokratische" Bourgeoisie die Frage des Sturzes der zaristischen Regie-
rung im dunkeln läßt, müssen wir diese Frage in den Vordergrund rücken
und auf der Notwendigkeit einer provisorischen revolutionären Regierung
bestehen. Nicht genug damit, müssen wir ein Aktionsprogramm dieser Re-
gierung aufstellen, das den objektiven Bedingungen des gegebenen histo-
rischen Augenblicks und den Aufgaben der proletarischen Demokratie ent-
spricht. Dieses Programm ist das ganze Minimalprogramm unserer Partei,
das Programm der nächsten politischen und ökonomischen Umgestaltun-
gen, die einerseits auf dem Boden der jetzigen gesellschaftlich-ökonomi-
schen Verhältnisse vollauf durchführbar und anderseits für den weiteren
Schritt vorwärts, für die Verwirklichung des Sozialismus notwendig
sind.
14
TV. 3. Lenin
Die Resolution schafft somit volle Klarheit über den Charakter und das
Ziel der provisorischen revolutionären Regierung. Ihrer Entstehung und
ihrem grundlegenden Charakter nach muß diese Regierung das Organ des
Volksaufstands sein. Ihrer formellen Bestimmung nach muß sie das Werk-
zeug zur Einberufung einer vom ganzen Volk gewählten konstituierenden
Versammlung sein. Dem Inhalt ihrer Tätigkeit nach muß sie das Minimal-
programm der proletarischen Demokratie verwirklichen, das allein geeig-
net ist, die Interessen des Volkes, das sich gegen die Selbstherrschaft er-
hoben hat, zu sichern.
Man könnte einwenden, daß die provisorische Regierung, eben weil sie
provisorisch ist, kein positives Programm durchführen kann, das noch
nicht vom ganzen Volk gebilligt ist. Ein solcher Einwand wäre bloß ein
Sophismus von Reaktionären und „Selbstherrschaftlern". Von der Durch-
führung eines positiven Programms Abstand nehmen hieße die aus den
Zeiten der Leibeigensdiaft stammenden Zustände der verrotteten Selbst-
herrschaft dulden. Solche Zustände dulden könnte nur eine Regierung von
Verrätern an der Revolution, nicht aber eine Regierung, die das Organ des
Volksaufstands ist. Es wäre doch ein Hohn, wenn jemand unter dem Vor-
wand, es sei noch fraglich, ob die konstituierende Versammlung die Ver-
sammlungsfreiheit anerkenne, Vorschlägen würde, so lange auf die prak-
tische Verwirklichung der Versammlungsfreiheit zu verzichten, bis die An-
erkennung dieser Freiheit durdi die konstituierende Versammlung erfolgt
ist! Ein ebensolcher Hohn ist der Einwand gegen die unverzügliche Ver-
wirklichung des Minimalprogramms durch die provisorische revolutionäre
Regierung.
Es sei schließlich noch bemerkt, daß die Resolution, indem sie der provi-
sorischen revolutionären Regierung die Verwirklichung des Minimalpro-
gramms zur Aufgabe macht, eben dadurch die unsinnigen, halbanarchisti-
schen Ideen von der unmittelbaren V erwirklichung des Maximalprogramms,
von der Eroberung der Macht zum Zweck der sozialistischen Umwälzung
ausschaltet. Der Grad der ökonomischen Entwicklung Rußlands (die ob-
jektive Bedingung) und der Grad des Klassenbewußtseins und der Organi-
siertheit der breiten Massen des Proletariats (die subjektive Bedingung,
die mit der objektiven unlöslich verbunden ist) machen eine sofortige voll-
ständige Befreiung der Arbeiterklasse unmöglich. Nur ganz unwissende
Leute können den bürgerlichen Charakter der vor sich gehenden demokra-
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 15
tischen Umwälzung ignorieren; nur ganz naive Optimisten können ver-
gessen, wie wenig die Masse der Arbeiter bisher von den Zielen des Sozia-
lismus und den Mitteln zu seiner Verwirklichung weiß. Und wir sind doch
alle überzeugt, daß die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter
selbst sein kann. Ohne Klassenbewußtsein und ohne Organisiertheit der
Massen, ohne ihre Schulung und Erziehung durch den offenen Klassen-
kampf gegen die gesamte Bourgeoisie kann von der sozialistischen Revolu-
tion keine Rede sein. Und als Antwort auf die anarchistischen Einwände,
daß wir angeblich die sozialistische Umwälzung hinausschieben, werden
wir sagen : Wir schieben sie nicht hinaus, sondern machen den ersten Schritt
zu ihr auf die einzig mögliche Weise und auf dem einzig richtigen Wege,
nämlich auf dem Wege der demokratischen Republik. Wer auf einem
anderen Weg als dem des politischen Demokratismus zum Sozialismus
kommen will, der gelangt unvermeidlich zu Schlußfolgerungen, die sowohl
im ökonomischen als auch im politischen Sinne absurd und reaktionär sind.
Sollten uns manche Arbeiter im entsprechenden Augenblick fragen, wes-
halb wir denn nicht das Maximalprogramm verwirklichen, so werden wir
ihnen mit dem Hinweis darauf antworten, wie fremd die demokratisch
gestimmten Volksmassen dem Sozialismus noch gegenüberstehen, wie un-
entwidcelt die Klassengegensätze, wie unorganisiert die Proletarier noch
sind. Organisiert erst einmal Hunderttausende Arbeiter in ganz Rußland,
weckt unter den Millionen die Sympathie für euer Programm! Versucht
das zu tun, beschränkt euch nicht auf tönende, aber hohle anarchistische
Phrasen — und ihr werdet sofort sehen, daß die Verwirklichung dieser
Organisation, daß die Verbreitung dieser sozialistischen Aufklärung von
der möglichst vollständigen Verwirklichung der demokratischen Umgestal-
tungen abhängig ist.
Gehen wir weiter. Ist einmal die Bedeutung der provisorischen revolu-
tionären Regierung und das Verhältnis des Proletariats zu ihr klargestellt,
so taucht folgende Frage auf: Ist unsere Teilnahme an dieser Regierung
(die Aktion von oben) zulässig und unter welchen Bedingungen? Wie
muß unsere Aktion von unten beschaffen sein? Die Resolution gibt prä-
zise Antworten auf diese beiden Fragen. Sie erklärt entschieden, daß die
Teilnahme der Sozialdemokratie an einer provisorischen revolutionären
Regierung (in der Epoche der demokratischen Umwälzung, in der Epoche
des Kampfes für die Republik) prinzipiell zulässig ist. Mit dieser Erklä-
16
IV. 7. £enin
rang grenzen wir uns unwiderruflich sowohl von den Anarchisten ab, die
diese Frage prinzipiell negativ beantworten, als auch von den Nachtrab-
politiken! der Sozialdemokratie (vom Schlage Martynows und der Neu-
iskristen), die uns mit der Perspektive einer Lage sdbredken wollten, in der
sich diese Teilnahme für uns als notwendig erweisen könnte. Mit dieser
Erklärung hat der III. Parteitag der SDAPR unwiderruflich den Gedan-
ken der neuen „Iskra" verworfen, daß die Teilnahme der Sozialdemokra-
ten an einer provisorischen revolutionären Regierung eine Spielart des
Millerandismus7 und prinzipiell unzulässig sei, weil sie eine Sanktionie-
rung der bürgerlichen Ordnung bedeute usw.
Es versteht sich jedoch von selbst, daß die Frage der prinzipiellen Zu-
lässigkeit noch nicht die Frage der praktischen Zweckmäßigkeit entsdieidet.
Unter welchen Bedingungen ist diese vom Parteitag anerkannte neue
Form des Kampfes, des Kampfes „von oben", zweckmäßig? Selbstver-
ständlich besteht jetzt keine Möglichkeit, über die konkreten Bedingungen
wie das Kräfteverhältnis usw. zu sprechen, und die Resolution lehnt es
natürlich ab, diese Bedingungen im voraus zu bestimmen. Kein vernünf-
tiger Mensch wird es auf sich nehmen, im gegenwärtigen Augenblidc über
die uns interessierende Frage irgend etwas vorauszusagen. Charakter und
Ziel unserer Teilnahme können und müssen festgelegt werden. Die Reso-
lution tut das auch, indem sie auf zwei Ziele der Teilnahme hinweist:
1 . auf die schonungslose Bekämpfung konterrevolutionärer Anschläge und
2. auf die Wahrung der selbständigen Interessen der Arbeiterklasse. In
einer Zeit, da die liberalen Bourgeois eifrig von der Mentalität der Reak-
tion zu reden beginnen (siehe den äußerst aufschlußreichen „Offenen
Brief" des Herrn Struve in Nr. 71 des „Oswoboshdenije") und das revo-
lutionäre Volk einzuschüchtern und zur Nachgiebigkeit gegenüber der
Selbstherrschaft zu bewegen suchen — in einer solchen Zeit ist es für die
Partei des Proletariats besonders angebracht, an die Aufgabe des wirk-
lichen Krieges gegen die Konterrevolution zu erinnern. Die großen Fragen
der politischen Freiheit und des Klassenkampfes werden letzten Endes nur
durch Gewalt entschieden, und wir müssen für die Vorbereitung, für die
Organisierung dieser Gewalt und für ihre aktive, nicht nur defensive, son-
dern auch offensive Anwendung Sorge tragen. Die lange Epoche der poli-
tischen Reaktion, die seit der Pariser Kommune in Europa fast ununter-
brochen herrscht, hat uns zu sehr mit dem Gedanken der Aktion nur „von
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 17
unten." vertraut gemacht, hat uns zu sehr an den Anblick nur defensiver
Kämpfe gewöhnt. Wir sind jetzt zweifellos in eine neue Epoche eingetre-
ten ; die Periode der politischen Erschütterungen und Revolutionen hat be-
gonnen. In einer solchen Periode, wie Rußland sie jetzt durchlebt, ist es
nicht statthaft, sich auf die alte Schablone zu beschränken. Man muß die
Idee der Aktion von oben propagieren, man muß sich auf die energischsten
Angriffsaktionen vorbereiten, man muß die Bedingungen und Formen sol-
cher Aktionen studieren. Die Parteitagsresolution stellt zwei dieser Be-
dingungen in den V ordergrund : Die eine bezieht sich auf die formale Seite
der Teilnahme der Sozialdemokratie an der provisorischen revolutionären
Regierung (strenge Kontrolle der Partei über ihre Bevollmächtigten), die
andere betrifftunmittelbar den Charakter dieserTeilnahme (keinen Augen-
blick lang die Ziele der vollständigen sozialistischen Umwälzung aus dem
Auge verlieren).
Nachdem die Resolution die Politik der Partei bei der Aktion „von
oben" — diesem neuen, bislang fast unbekannten Kampfmittel — somit all-
seitig klargestellt hat, sieht sie auch den Fall vor, daß es uns nicht gelingt,
von oben zu handeln. Auf die provisorische revolutionäre Regierung von
unten her einzuwirken, sind wir unter allen Umständen verpflichtet. Um
einen solchen Druck von unten ausüben zu können, muß das Proletariat
bewaffnet sein — denn im revolutionären Augenblick treiben die Dinge
besonders schnell zum offenen Bürgerkrieg — und unter der Führung der
Sozialdemokratie stehen. Das Ziel seines bewaffneten Drucks ist, „die
revolutionären Errungenschaften zu verteidigen, zu festigen und zu er-
weitern", d. h. jene Errungenschaften, die vom Standpunkt der proletari-
schen Interessen in der Verwirklichung unseres ganzen Minimalprogramms
bestehen müssen.
Damit wollen wir die kurze Analyse der Resolution des III. Parteitags
über die provisorische revolutionäre Regierung abschließen. Wie der Leser
sieht, schafft diese Resolution Klarheit über die Bedeutung der neuen Frage,
über die Stellung der Partei des Proletariats zu dieser Frage und über die
Politik der Partei sowohl innerhalb als auch außerhalb der provisorischen
revolutionären Regierung.
Sehen wir uns jetzt die entsprechende Resolution der „Konferenz" an.
18
TV. 7. Lenin
3. WAS IST „DER ENTSCHEIDENDE SIEG DER REVOLUTION
UBER DEN ZARISMUS"?
Die Resolution der „Konferenz" behandelt „die Eroberung der Tviadht
und die Teilnahme an der promsorisdhen Regierung" * Schon hinter dieser
Fragestellung verbirgt sich Konfusion, wie wir gezeigt haben. Einerseits
wird die Frage eingeengt: Es ist nur die Rede von unserer Teilnahme an
der provisorischen Regierung und nicht überhaupt von den Aufgaben der
Partei in bezug auf die provisorische revolutionäre Regierung. Anderseits
werden zwei völlig verschiedenartige Dinge durcheinandergeworfen: Die
Frage unserer Teilnahme in einem bestimmten Stadium der demokratischen
Umwälzung und die Frage der sozialistischen Umwälzung. In Wirklichkeit
ist die „Eroberung der Macht" durch die Sozialdemokratie eben die sozia-
listische Umwälzung und kann nichts anderes sein, wenn man diese Worte
in ihrem direkten und landläufigen Sinne gebraucht. Sollen sie jedoch im
Sinne der Eroberung der Macht nicht für die sozialistische, sondern für die
demokratische Umwälzung verstanden werden, welchen Sinn hat es dann,
nicht nur von der Teilnahme an der provisorisdien revolutionären Regie-
rung, sondern auch von der „Eroberung der Macht" schlechthin zu reden?
Offenbar wußten unsere „Konferenzler" selbst nicht recht, wovon sie
eigentlich reden sollen: von der demokratischen oder von der sozialisti-
schen Umwälzung. Wer die Literatur über diese Frage verfolgt hat, der
weiß, daß den Anfang mit dieser Konfusion Gen. Martynow in seinen be-
rühmten „Zwei Diktaturen" gemacht hat. Die Neuiskristen erinnern sich
nicht gern daran, wie die Frage (bereits vor dem 9. Januar) in diesem
Musterelaborat der Nachtrabpolitik gestellt worden ist, aber sein ideolo-
gischer Einfluß auf die Konferenz unterliegt keinem Zweifel.
Doch lassen wir die Überschrift der Resolution beiseite. Ihr Inhalt zeigt
uns Fehler, die unvergleichlich tiefer und ernster sind. Hier der erste Teil:
„Der entscheidende Sieg der Revolution über den Zarismus kann ge-
kennzeichnet sein entweder durch die Errichtung einer aus einem sieg-
reichen Volksaufstand hervorgegangenen provisorischen Regierung oder
* Den vollen Wortlaut dieser Resolution kann der Leser aus den Zitaten
rekonstruieren, die auf S. 400, 403, 407, 431 und 433 dieses Sammelbands
angeführt sind. (Fußnote des Verfassers zur Ausgabe von 1907. Siehe den vor-
liegenden Band, S. 18/19, 25, 31, 67 und 71. Die Red.)
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdhen Revolution 19
durch die revolutionäre Initiative dieser oder jener Vertretungskörper-
schaft, die unter dem unmittelbaren revolutionären Druck des Volkes be-
schließt, eine vom ganzen Volk gewählte konstituierende Versammlung zu
organisieren."
Man sagt uns also, der entscheidende Sieg der Revolution über den Za-
rismus könne sowohl ein siegreicher Aufstand sein als auch ... der Be-
schluß einer Vertretungskörperschaft, eine konstituierende Versammlung
zu organisieren! Was? Wie? Der entscheidende Sieg könnte gekennzeich-
net sein durch den „Beschluß", eine konstituierende Versammlung zu or-
ganisieren?? Und ein solcher „Sieg" wird der Errichtung einer provisori-
schen Regierung gleichgestellt, die „aus einem siegreichen Volksaufstand
hervorgegangen" ist!! Die Konferenz hat nicht gemerkt, daß der siegreidhe
Volksaufstand und die Errichtung einer provisorischen Regierung in der
Tat den Sieg der Revolution bedeuten, während der „Beschluß", eine kon-
stituierende Versammlung zu organisieren, nur in Worten den Sieg der
Revolution bedeutet.
Die Konferenz der Menschewiki, der Neuiskristen, ist in denselben
Fehler verfallen, in den die Liberalen, die Oswoboshdenzen, ständig ver-
fallen. Die Oswoboshdenzen dreschen Phrasen über die „konstituierende"
Versammlung, schließen verschämt die Augen vor der Tatsache, daß die
Macht in den Händen des Zaren bleibt, und vergessen dabei, daß man zur
„Konstituierung" die Kraft haben muß, zu konstituieren. Die Konferenz
hat auch vergessen, daß von dem „Beschluß" gleichviel welcher Vertreter
bis zur Verwirklichung dieses Beschlusses ein weiter Weg ist. Die Kon-
ferenz hat auch vergessen, daß, solange die Macht in den Händen des
Zaren bleibt, alle beliebigen Beschlüsse gleichviel welcher Vertreter ein
ebenso leeres und erbärmliches Geschwätz bleiben werden, wie es die „Be-
schlüsse" des in der Geschichte der deutschen Revolution von 1848 so be-
rühmten Frankfurter Parlaments geblieben sind. Karl Marx, der Vertreter
des revolutionären Proletariats, hat in seiner „Neuen Rheinischen Zei-
tung" 8 die Frankfurter liberalen „Oswoboshdenzen" eben deshalb mit so
schonungslosem Sarkasmus gegeißelt, weil sie schöne Worte redeten, aller-
lei demokratische „Beschlüsse" faßten, allerlei Freiheiten „konstituierten",
in Wirklichkeit aber die Macht in den Händen des Königs ließen und kei-
nen bewaffneten Kampf gegen die Streitkräfte organisierten, die dem
König zur Verfügung standen. Und während die Frankfurter Oswobosh-
20
W. 1 Lenin
denzen schwatzten, gewann der König Zeit, seine militärischen Kräfte
zu stärken, und die Konterrevolution schlug, gestützt auf die reale Macht,
die Demokraten mitsamt ihren herrlichen „Beschlüssen" aufs Haupt.
Die Konferenz hat dem entscheidenden Sieg etwas gleichgesetzt, wofür
gerade die entsdieidende Voraussetzung des Sieges fehlt Wie konnten
Sozialdemokraten, die das republikanische Programm unserer Partei an-
erkennen, in diesen Fehler verfallen? Um diese seltsame Erscheinung zu
verstehen, muß man sich der Resolution des III. Parteitags über den ab-
gespaltenen Teil der Partei zuwenden.* In dieser Resolution wird darauf
* Hier der volle Wortlaut dieser Resolution: „Der Parteitag stellt fest, daß
sich in der SDAPR seit ihrem Kampf gegen den 'Ökonomismus bis auf den heu-
tigen Tag Schattierungen erhalten haben, die dem Ökonomismus in verschie-
denem Grade und in verschiedener Beziehung verwandt und durch die all-
gemeine Tendenz gekennzeichnet sind, die Bedeutung der Elemente der Bewußt-
heit im proletarischen Kampf herabzusetzen und sie den Elementen der Spon-
taneität unterzuordnen. Die Repräsentanten dieser Schattierungen vertreten
in der Organisationsfrage theoretisch das der planmäßigen Ausgestaltung der
Parteiarbeit widersprechende Prinzip der Organisation als Prozeß, während sie
in der Praxis in sehr vielen Fällen ein System der Abweichungen von der Par-
teidisziplin durchführen und in anderen Fällen die gegenwärtig einzig mög-
lichen Grundlagen der Parteibindung dadurch zu untergraben suchen, daß sie
ohne Rüdesicht auf die objektiven Bedingungen der russischen Wirklichkeit
eine weitgehende Anwendung des Prinzips der Wählbarkeit predigen, wobei
sie sich an den am wenigsten bewußten Teil der Partei wenden. In taktischen
Fragen zeigen sie das Bestreben, das Ausmaß der Parteiarbeit einzuengen, in-
dem sie sich dagegen aussprechen, daß die Taktik der Partei gegenüber den
bürgerlich-liberalen Parteien völlig unabhängig ist, daß die Übernahme der
organisierenden Rolle im Volksaufstand durch unsere Partei möglich und wün-
schenswert ist und daß unsere Partei unter bestimmten Bedingungen an einer
provisorischen demokratisch-revolutionären Regierung teilnimmt.
Der Parteitag fordert alle Parteimitglieder auf, gegen derartige teilweise
Abweichungen von den Prinzipien der revolutionären Sozialdemokratie allent-
halben einen energischen ideologischen Kampf zu führen, vertritt aber gleich-
zeitig die Meinung, daß die Zugehörigkeit von Personen, die sich solchen Auf-
fassungen mehr oder weniger anschließen, zu den Parteiorganisationen statt-
haft ist, vorausgesetzt, daß sie die Parteitage und das Parteistatut anerkennen
und sich voll und ganz der Parteidisziplin fügen." (Fußnote des Verfassers zur
Ausgabe von 1907. Die 'Red.')
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 21
hingewiesen, daß in unserer Partei verschiedene, „dem Ökonomismus
verwandte" Strömungen weiterleben. Unsere Konferenzler (fürwahr,
nicht umsonst stehen sie unter der ideologischen Führung Martynows)
urteilen über die Revolution ganz in demselben Geiste, wie die Ökono-
misten über den politischen Kampf oder den Achtstundentag geurteilt
haben. Die Ökonomisten setzten immer gleich die „Theorie der Stadien"
in Bewegung: 1. Kampf um Rechte; 2. politische Agitation; 3. politischer
Kampf — oder: 1. Zehnstundentag; 2. Neunstundentag; 3. Achtstunden-
tag. Welche Ergebnisse diese „Taktik als Prozeß" zeitigte, ist allen zur
Genüge bekannt. Jetzt kommt man uns mit dem Vorschlag, auch die
Revolution im voraus fein säuberlich in Stadien einzuteilen: 1. der Zar
beruft eine Vertretungskörperschaft ein; 2. diese Vertretungskörperschaft
„beschließt" unter dem Drude des „Volkes", eine konstituierende Ver-
sammlung zu organisieren; 3. ...über das dritte Stadium sind sich die
Menschewiki noch nicht einig geworden; sie haben vergessen, daß der
revolutionäre Druck des Volkes auf den konterrevolutionären Druck des
Zarismus stößt und daß infolgedessen entweder der „Beschluß" unver-
wirklicht bleibt oder die Sache wiederum durch den Sieg oder die Nieder-
lage des Volksaufstands entschieden wird. Die Resolution der Konferenz
ähnelt aufs Haar folgendem Gedankengang der Ökonomisten: Der ent-
scheidende Sieg der Arbeiter kann entweder durch die revolutionäre Ver-
wirklichung des Achtstundentags oder durch die Gewährung des Zehn-
stundentags und durch den „Beschluß", zum Neunstundentag überzu-
gehen, gekennzeichnet sein... Haargenau dasselbe!
Man kann uns vielleicht entgegnen, daß die Verfasser der Resolution
nicht die Absicht hatten, den Sieg des Aufstands dem „Beschluß" einer
vom Zaren einberufenen Vertretungskörperschaft gleidbzusetzen, und
daß sie lediglich die Taktik der Partei für den einen und den anderen Fall
vorausbestimmen wollten. Darauf antworten wir: 1. Der Wortlaut der
Resolution bezeichnet klar und eindeutig den Beschluß einer Vertretungs-
körperschaft als „entscheidenden Sieg der Revolution über den Zarismus".
Vielleicht ist das die Folge einer nachlässigen Redigierung, die man auf
Grund der Protokolle korrigieren könnte, solange sie aber nicht korrigiert
ist, kann diese Fassung nur einen Sinn haben, und der ist ganz im 5 eist
des „Oswobosbdenije" . 2. Der den Oswoboshdenzen entsprechende Ge-
dankengang, in den die Verfasser der Resolution verfallen sind, tritt in
22
“W. 7. Lenin
anderen Publikationen der Neuiskristen noch unvergleichlich plastischer
zutage. Zum Beispiel im Organ des Tifliser Komitees, dem „Sozialdemo-
krat"9 (in georgischer Sprache; von der „Iskra" in Nr. 100 über den
grünen Klee gelobt), versteigt sich der Verfasser des Artikels „Der Semski
Sobor und unsere Taktik" schlankweg zu der Behauptung, daß die „Tak-
tik", „die den Semski Sobor" (von dessen Einberufung wir, das wollen
wir hinzufügen, noch nichts Genaues wissen !) „zum Mittelpunkt unserer
Aktion macht", „für uns vorteilhafter“ sei als die „Taktik" des bewaff-
neten Aufstands und der Errichtung einer provisorischen revolutionären
Regierung. Wir werden später noch auf diesen Artikel zurückkommen.
3. Man kann nichts dagegen haben, wenn die Taktik der Partei im vor-
hinein erörtert wird sowohl für den Fall des Sieges der Revolution als
auch für den Fall ihrer Niederlage, sowohl für den Fall des erfolgreichen
Aufstands als auch für den Fall, daß der Aufstand nicht zu einem ernst-
haften Faktor werden kann. Es ist möglich, daß es der zaristischen Regie-
rung gelingen wird, eine Vertretungskörperschaft einzuberufen, um mit
der liberalen Bourgeoisie handelseins zu werden. Die Resolution des
III. Parteitags, die das berücksichtigt, spricht direkt von „Heuchelpolitik",
von „Pseudodemokratismus" und von „karikaturistischen Formen einer
Volksvertretung in der Art des sogenannten Semski Sobor".* Aber die
* Hier der Wortlaut dieser Resolution über das Verhalten zur Taktik der
Regierung am Vorabend des Umsturzes:
„In der Erwägung, daß die Regierung zum Zweck der Selbsterhaltung in der
gegenwärtigen revolutionären Periode die üblichen Repressalien, die vorwie-
gend gegen die klassenbewußten Elemente des Proletariats gerichtet sind, ver-
schärft und zugleich 1. versucht, durch Zugeständnisse und Reformverspre-
chungen die Arbeiterklasse politisch zu demoralisieren und sie damit vom revolu-
tionären Kampf abzulenken; 2. zu dem gleichen Zweck ihre Heuchelpolitik der
Zugeständnisse in pseudodemokratische Formen kleidet, angefangen mit der
Aufforderung an die Arbeiter, ihre Vertreter in Kommissionen und Beratungen
zu entsenden, und bis zur Schaffung von karikaturistischen Formen einer Volks-
vertretung in der Art des sogenannten Semski Sobor; 3. sogenannte Schwarz-
hundertschaften organisiert und überhaupt alle reaktionären, unaufgeklärten
oder durch Religions- und Rassenhaß verblendeten Elemente des Volkes gegen
die Revolution aufhetzt —
beschließt der III. Parteitag der SDAPR, alle Parteiorganisationen aufzu-
fordern:
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdben Revolution 23
Sache ist eben die, daß das nicht in der Resolution über die provisorische
revolutionäre Regierung gesagt wird, denn mit der provisorischen revo-
lutionären Regierung hat das nichts zu tun. In diesem Fall wird das Pro-
blem des Aufstands und der Errichtung einer provisorischen revolutio-
nären Regierung zurückgestellt, modifiziert usw. Dodh es handelt sich
jetzt nicht darum, daß allerlei Kombinationen möglich sind, daß ebenso
Sieg wie Niederlage, ebenso direkte Wege wie Umwege möglich sind —
es handelt sich darum, daß es für einen Sozialdemokraten unstatthaft ist,
in die Vorstellungen der Arbeiter über den wirklich revolutionären Weg
Verwirrung hineinzutragen, daß es unstatthaft ist, im Geiste des „Oswo-
boshdenije" als entscheidenden Sieg etwas zu bezeichnen, wofür die grund-
legende Voraussetzung des Sieges fehlt. Es ist möglich, daß wir auch den
Achtstundentag nicht sofort, sondern nur auf einem langen Umweg er-
halten werden, aber was soll man von einem Menschen sagen, der eine
solche Ohnmacht, eine solche Schwäche des Proletariats, bei der es nicht
imstande sein wird, die Verschleppung, den Aufschub, den Kuhhandel,
den Verrat und die Reaktion zu verhindern, als einen Sieg der Arbeiter
bezeichnet? Es ist möglich, daß die russische Revolution mit einer „kon-
stitutionellen Fehlgeburt" endet, wie der „Wperjod" * einmal sagte, aber
kann das etwa als Rechtfertigung für einen Sozialdemokraten dienen, der
a) die reaktionären Ziele der Regierungszugeständnisse zu entlarven, in
der Propaganda und Agitation einerseits hervorzuheben, daß sie erzwungen
wurden, und anderseits zu betonen, daß es der Selbstherrschaft absolut un-
möglich ist, Reformen zu gewähren, die das Proletariat zufriedenstellen;
b) die Wahlagitation auszunutzen, um den Arbeitern den wahren Sinn sol-
cher Maßnahmen der Regierung klarzumachen und sie davon zu überzeugen,
daß es für das Proletariat notwendig ist, daß auf revolutionärem Wege eine
konstituierende Versammlung auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten
und geheimen Wahlrechts einberufen wird;
c) das Proletariat zur sofortigen, auf revolutionärem Wege erfolgenden Ver-
wirklichung des Achtstundentags und anderer auf der Tagesordnung stehender
Forderungen der Arbeiterklasse zu organisieren ;
d) den bewaffneten Widerstand gegen die Aktionen der Schwarzhunderter
und überhaupt aller von der Regierung angeleiteten reaktionären Elemente zu
organisieren." (Fußnote des Verfassers zur Ausgabe von 1907. Die Red.)
* Die Genfer Zeitung „Wperjod" [Vorwärts] erschien ab Januar 1905 als
Organ des bolschewistischen Teils der Partei. Von Januar bis Mai kamen
24
IV. 1 Lenin
am Vorabend des entscheidenden Kampfes diese Fehlgeburt als einen
„entscheidenden Sieg über den Zarismus" bezeichnen würde? Im schlimm-
sten Falle ist es möglich, daß wir nicht nur keine Republik erkämpfen
werden, sondern daß auch die Verfassung eine illusorische, eine „Schi-
powsche"10 sein wird, aber wäre deshalb etwa die Vertuschung unserer
republikanischen Losung durch einen Sozialdemokraten verzeihlich?
Bis zur Vertuschung dieser Losung haben sich die Neuiskristen freilich
noch nicht verstiegen. Aber bis zu welchem Grad bei ihnen der revolutio-
näre Geist verflogen ist, bis zu welchem Grad die lebensfremde Räso-
niererei ihrem Blick die augenblicklichen Kampfaufgaben entzogen hat,
ersieht man besonders anschaulich daraus, daß sie in ihrer Resolution aus-
gerechnet vergessen haben, von der Republik zu sprechen! Unglaublich,
aber wahr. Alle Losungen der Sozialdemokratie sind in den verschiedenen
Resolutionen der Konferenz bestätigt, wiederholt, erläutert und detail-
liert, es wurde nicht einmal vergessen, daß die Arbeiter in den Betrieben
Obleute und Delegierte wählen sollen — nur in der Resolution über die
provisorische revolutionäre Regierung fand sidi keine Gelegenheit, die
Republik zu erwähnen. Vom „Sieg" des Volksaufstands, von der Errich-
tung einer provisorischen Regierung sprechen und nicht auf den Zusam-
menhang dieser „Schritte" und Akte mit der Erkämpfung der Republik
hinweisen — das heißt eine Resolution schreiben, nicht um den Kampf des
Proletariats zu leiten, sondern um hinter der proletarischen Bewegung
einherzutrotten.
Fazit: Der erste Teil der Resolution hat 1. absolut keine Klarheit dar-
über geschaffen, welche Bedeutung der provisorischen revolutionären Re-
gierung im Kampf um die Republik und für die Gewährleistung einer
wirklich vom ganzen Volk gewählten und wirklich konstituierenden Ver-
sammlung zukommt, und hat 2. direkte Verwirrung in das demokratische
Bewußtsein des Proletariats hineingetragen, weil er eine Sachlage, bei der
gerade die grundlegende Voraussetzung für einen wirklichen Sieg noch fehlt,
dem entscheidenden Sieg der Revolution über den Zarismus gleichsetzt.
18 Nummern heraus. Vom Mai an erschien als Zentralorgan der SDAPR auf
Beschluß des III. Parteitags der SDAPR statt des „Wperjod" der „Proletari".
(Der III. Parteitag fand im Mai in London statt; die Menschewiki hielten sidi
davon fern und veranstalteten ihre eigene „Konferenz" in Genf.) (Fußnote des
Verfassers zur Ausgabe von 1907. Die Red.)
Zwei ‘Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 25
4. DIE LIQUIDIERUNG DER MONARCHISCHEN
STAATSORDNUNG UND DIE REPUBLIK
Gehen wir zum nächsten Teil der Resolution über.-
. . Sowohl in dem einen als auch in dem anderen Fall wird ein solcher
Sieg als Ausgangspunkt für eine neue Phase der revolutionären Epoche
dienen.
Die Aufgabe, die dieser neuen Phase durch die objektiven Bedingungen
der gesellschaftlichen Entwicklung mit elementarer Gewalt gestellt wird,
ist die endgültige Liquidierung des ganzen ständisch-monarchischen Re-
gimes im Prozeß des beiderseitigen Kampfes zwischen den Elementen der
politisch befreiten bürgerlichen Gesellschaft um die Verwirklichung ihrer
sozialen Interessen und um den unmittelbaren Besitz der Macht.
Eine provisorische Regierung, die es übernähme, die Aufgaben dieser
ihrem historischen Charakter nach bürgerlichen Revolution zu verwirk-
lichen, müßte daher den beiderseitigen Kampf zwischen den gegensätz-
lichen Klassen der sich befreienden Nation regulieren und nicht nur die
revolutionäre Entwicklung vorwärtstreiben, sondern auch gegen jene ihrer
Faktoren kämpfen, welche die Grundlagen der kapitalistischen Ordnung
bedrohen."
Verweilen wir bei diesem Teil, der einen selbständigen Abschnitt der
Resolution bildet. Der Grundgedanke der von uns zitierten Betrachtungen
fällt mit demjenigen zusammen, der in Punkt 3 der Parteitagsresolution
dargelegt ist. Vergleicht man indes diesen Abschnitt der beiden Resolutio-
nen, so springt sofort folgender fundamentale Unterschied zwischen ihnen
ins Auge. Die Parteitagsresolution charakterisiert mit wenigen Worten die
geseüschaftlidi-ökonomische Grundlage der Revolution, verlegt dann die
ganze Aufmerksamkeit auf den scharf umrissenen Kampf der Klassen um
bestimmte Errungenschaften und rückt die Kampfaufgaben des Proleta-
riats in den Vordergrund. Die Konferenzresolution bringt eine lang-
atmige, nebelhafte und verworrene Beschreibung der gesellschaftlich-öko-
nomischen Grundlagen der Revolution, spricht sehr unklar vom Kampf
für bestimmte Errungensdiaften und läßt die Kampfaufgaben des Prole-
tariats völlig außer acht. Die Konferenzresolution spricht von der Liqui-
dierung der alten Ordnung im Prozeß des beiderseitigen Kampfes zwi-
schen den Elementen der Gesellschaft. Die Parteitagsresolution sagt, daß
3 Lenin, Werke, Bd.9
26
W. 3. £enin
wir, die Partei des Proletariats, diese Liquidierung vornehmen müssen,
daß eine wirkliche Liquidierung nur durch die Errichtung der demokra-
tischen Republik erfolgen kann, daß wir diese Republik erkämpfen müs-
sen, daß wir für sie und für die volle Freiheit nicht nur gegen die Selbst-
herrschaft, sondern auch gegen die Bourgeoisie kämpfen werden, sobald
sie versuchen wird (und sie wird es unbedingt versuchen), uns unsere
Errungenschaften zu entreißen. Die Parteitagsresolution ruft eine be-
stimmte Klasse zum Kampf auf für ein genau bestimmtes nächstes Ziel.
Die Konferenzresolution stellt Betrachtungen an über den beiderseitigen
Kampf verschiedener Kräfte. Die eine Resolution spiegelt die Mentalität
des aktiven Kampfes, die andere die des passiven Zuschauens wider; die
eine ist durchdrungen von dem Ruf zu lebendiger Tätigkeit, die andere
von unlebendiger Räsoniererei. Beide Resolutionen erklären, daß die' vor
sich gehende Umwälzung für uns nur der erste Schritt ist, dem der zweite
folgen wird. Aber die eine Resolution zieht daraus den Schluß, daß wir
diesen ersten Schritt um so schneller zurücklegen müssen, ihn um so
rascher beenden, die Republik erkämpfen, die Konterrevolution scho-
nungslos zertreten und die Basis für den zweiten Schritt schaffen müssen.
Die andere Resolution hingegen erschöpft sich sozusagen in weitschwei-
figen Schilderungen dieses ersten Schrittes und (man verzeihe den vul-
gären Ausdrude) verzapft endlos Weisheiten darüber. Die Parteitags-
resolution nimmt die alten, ewig neuen Gedanken des Marxismus (über
den bürgerlichen Charakter der demokratischen Umwälzung) als Ein-
leitung oder Prämisse für die Schlußfolgerungen über die fortschrittlichen
Aufgaben der fortschrittlichen Klasse, die sowohl für die demokratische
als auch für die sozialistische Umwälzung kämpft. Die Konferenzresölu-
tion kommt über die Einleitung nicht hinaus, zerkaut sie und klügelt dar-
über.
Dieser Unterschied ist ganz genau derselbe Unterschied, der die rus-
sischen Marxisten von jeher in zwei Flügel trennt: einen räsonierenden
und einen kämpfenden Flügel in den vergangenen Zeiten des legalen
Marxismus, einen ökonomistischen und einen politischen Flügel in der
Epoche der beginnenden Massenbewegung. Aus der richtigen marxisti-
schen Prämisse von den tiefen ökonomischen Wurzeln des Klassenkamp-
fes im allgemeinen und des politischen Kampfes im besonderen zogen die
Ökonomisten den originellen Schluß, daß man dem politischen Kampf
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 27
den Rücken kehren, seine Entwicklung hintanhalten, sein Ausmaß ein-
engen und seine Aufgaben herabsetzen müsse. Der politische Flügel da-
gegen zog aus denselben Prämissen einen anderen Schluß, nämlich: Je
tiefer jetzt die Wurzeln unseres Kampfes reichen, um so umfassender,
kühner, entschlossener und mit um so mehr Initiative müssen wir diesen
Kampf führen. In einer anderen Situation, in einer modifizierten Form
haben wir jetzt denselben Streit vor uns. Aus den Prämissen, daß eine
demokratische Umwälzung noch keineswegs eine sozialistische ist, daß sie
bei weitem nicht nur die Besitzlosen allein „interessiert" und daß ihre
tiefsten Wurzeln in den unabwendbaren Erfordernissen und Bedürfnissen
der gesamten bürgerlichen Gesellschaft als Ganzes liegen — aus diesen
Prämissen ziehen wir den Schluß, daß die fortgeschrittenste Klasse ihre
demokratischen Aufgaben desto kühner stellen und desto schärfer bis zu
Ende aussprechen muß, daß- sie die unmittelbare Losung der Republik
aufstellen und die Idee von der Notwendigkeit einer provisorischen revo-
lutionären Regierung, von der Notwendigkeit, die Konterrevolution scho-
nungslos zu zertreten, propagieren muß. Unsere Opponenten aber, die
Neuiskristen, ziehen aus denselben Prämissen den Schluß, daß man die
demokratischen Schlußfolgerungen nicht bis zu Ende aussprechen solle;
daß man unter den praktischen Losungen die Losung der Republik nicht
aufzustellen brauche, daß es statthaft sei, die Idee von der Notwendig-
keit einer provisorischen revolutionären Regierung nicht zu propagie-
ren, daß man auch einen Beschluß über die Einberufung einer konsti-
tuierenden Versammlung als entscheidenden Sieg bezeichnen könne und
daß man die Aufgabe des Kampfes gegen die Konterrevolution nicht
als unsere aktive Aufgabe zu stellen brauche, sondern in dem nebel-
haften (und, wie wir gleich sehen werden, falsch formulierten) Flinweis
auf den „Prozeß des beiderseitigen Kampfes" untergehen lassen dürfe.
Das ist nicht die Sprache von Politikern, das ist eher die Sprache von
Archivräten !
Und je aufmerksamer man sich die einzelnen Formulierungen der neu-
iskristischen Resolution ansieht, um so anschaulicher treten ihre hier er-
wähnten Haupteigentümlichkeiten hervor. Da redet man uns z. B. vom
„Prozeß des beiderseitigen Kampfes zwischen den Elementen der poli-
tisch befreiten bürgerlichen Gesellschaft". Eingedenk des Themas, über
das diese Resolution geschrieben wurde (die provisorische revolutionäre
28
IV. 1 Lenin
Regierung), müssen wir verwundert fragen: Wenn schon vom Prozeß des
beiderseitigen Kampfes gesprochen wird, wie kann man dann von den
Elementen schweigen, die die bürgerliche Gesellschaft politisch unter-
jochen? Glauben etwa die KonfeTenzler, nachdem sie den Sieg der Revo-
lution vorausgesetzt haben, wären diese Elemente schon verschwunden?
Ein derartiger Gedanke wäre überhaupt absurd und in diesem Fall von
äußerster politischer Naivität und politischer Kurzsichtigkeit. Nadi dem
Sieg der Revolution über die Konterrevolution wird die Konterrevolution
nicht verschwinden, sondern im Gegenteil unweigerlich einen neuen und
noch erbitterteren Kampf beginnen. Widmen wir unsere Resolution der
Untersuchung, welche Aufgaben aus dem Sieg der Revolution erwachsen,
so müssen wir den Aufgaben der Abwehr des konterrevolutionären An-
sturms größte Beachtung schenken (wie das in der Parteitagsresolution
auch geschehen ist) und dürfen diese nächsten, dringenden, aktuellen poli-
tischen Aufgaben einer kämpfenden Partei nicht untergehen lassen in all-
gemeinen Betrachtungen darüber, was nach der jetzigen revolutionären
Epodie geschehen wird, was dann geschehen wird, wenn die „politisch
befreite Gesellschaft" schon eine vollendete Tatsache ist. Ebenso wie die
Ökonomisten mit Hinweisen auf allgemeine Wahrheiten über die Unter-
ordnung der Politik unter die Ökonomik ihre Verständnislosigkeit für
die aktuellen politischen Aufgaben verdeckt haben, so verdecken die Neu-
iskristen mit ihren Hinweisen auf allgemeine Wahrheiten über den Kampf
innerhalb der politisdi befreiten Gesellschaft ihre Verständnislosigkeit für
die aktuellen revolutionären Aufgaben der politischen Befreiung dieser
Gesellschaft.
Nehmt den Ausdruck „die endgültige Liquidierung des ganzen stän-
disch-monarchischen Regimes". Auf russisch heißt die endgültige Liqui-
dierung der monarchischen Staatsordnung die Errichtung der demokrati-
schen Republik. Doch unserem wackeren Martynow und seinen Ver-
ehrern scheint ein solcher Ausdruck allzu einfach und klar zu sein. Sie
wollen unbedingt „vertiefen" und „recht klug" schnacken. Heraus kom-
men dabei einerseits lächerliche Anstrengungen, tiefsinnig zu sein. Und
anderseits ergibt sich statt einer Losung eine Beschreibung, statt eines muti-
gen Rufes zum Vorwärtsschreiten eine Art melancholischen Rückblicks. Als
hätten wir nicht lebendige Mens dien vor uns, die jetzt gleich, sofort für
die Republik kämpfen wollen, sondern vertrocknete Mumien, die diese
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 29
Frage sab specie aetemitatis* unter dem Gesichtspunkt des Plusquam-
perfektums** betrachten.
Gehen wir weiter: . .Eine provisorische Regierung, die es übernähme,
die Aufgaben dieser... bürgerlichen Revolution zu verwirklichen..."
Hier zeigt sich sofort, daß unsere Konferenzler die konkrete Frage über-
sehen haben, die sidi vor den politischen Führern des Proletariats erhob.
Die konkrete Frage nach der provisorischen revolutionären Regierung ist
aus ihrem Gesichtsfeld entschwunden und durch die Frage nach einer
Reihe von künftigen Regierungen verdeckt worden, die die Aufgaben der
bürgerlichen Revolution schlechthin verwirklichen werden. Wenn ihr die
Frage „historisch" betrachten wollt, so wird euch das Beispiel eines be-
liebigen europäischen Landes zeigen, daß eben eine Reihe von Regierun-
gen, und durchaus nicht „provisorischen", die historisdien Aufgaben der
bürgerlichen Revolution verwirklichte, daß sogar Regierungen, die über
die Revolution gesiegt hatten, dennoch gezwungen waren, die historisdien
Aufgaben dieser besiegten Revolution zu verwirklichen. Aber als „pro-
visorische revolutionäre Regierung" bezeichnet man gar nicht das, wovon
ihr redet. So bezeichnet man eine Regierung der revolutionären Epodie,
die unmittelbar die gestürzte Regierung ablöst und sich auf den Volks-
aufstand, nicht aber auf irgendwelche aus dem Volk hervorgegangene Ver-
tretungskörperschaften stützt. Die provisorische revolutionäre Regierung
ist ein Organ des Kampfes für den sofortigen Sieg der Revolution, für
die sofortige Abwehr konterrevolutionärer Ansdiläge und keineswegs
ein Organ zur Verwirklichung der historischen Aufgaben der bürger-
lichen Revolution schlechthin. Meine Herren, überlassen wir es den künf-
tigen Historikern in einer künftigen „Russkaja Starina"11, zu bestimmen,
welche Aufgaben der bürgerlichen Revolution wir alle zusammen und
welche Aufgaben die eine oder andere Regierung verwirklicht haben. Das
zu tun, wird auch nadi dreißig Jahren noch Zeit sein, jetzt aber müssen
wir Losungen und praktische Weisungen geben für den Kampf um die
Republik und für die energischste Teilnahme des Proletariats an diesem
Kampf.
Aus den erwähnten Gründen sind auch die letzten Sätze des von uns
zitierten Teils der Resolution unbefriedigend. Äußerst unglücklidr oder
* vom Standpunkt der Ewigkeit. Die Red.
** Vorvergangenheit. Die Red.
30
W. 7. Lenin
zumindest ungeschickt ist der Ausdruck, daß die provisorische Regierung
den beiderseitigen Kampf zwischen den gegensätzlichen Klassen zu „re-
gulieren" hätte: Marxisten sollten sich nicht einer solchen liberalen For-
mulierung im Stil der Oswoboshdenzen bedienen, die zu dem Gedanken
verleitet, es wären Regierungen möglich, die nicht als Organ des Klassen-
kampfes, sondern als dessen „Regulator" dienen. . . Die Regierung müßte
„nicht nur die revolutionäre Entwicklung vorwärtstreiben, sondern audi
gegen jene ihrer Faktoren kämpfen, welche die Grundlagen der kapita-
listischen Ordnung bedrohen" . Dieser „Faktor" ist gerade das Proletariat,
in dessen Namen die Resolution spricht! Statt zu zeigen, wie das Prole-
tariat im gegebenen Augenblick „die revolutionäre Entwicklung vorwärts-
treiben" soll (weiter vorantreiben, als die konstitutionalistische Bour-
geoisie gehen möchte), statt ihm zu raten, sidi auf eine bestimmte Art
und Weise zum Kampf gegen die Bourgeoisie vorzubereiten, wenn diese
sidi gegen die Errungenschaften der Revolution wenden wird — statt des-
sen setzt man uns die allgemeine Beschreibung eines Prozesses vor, in der
über die konkreten Aufgaben unserer Tätigkeit nichts gesagt wird. Die
Art, wie die Neuiskristen ihre Gedanken darlegen, erinnert an den Aus-
spruch von Marx (in seinen berühmten „Thesen" über Feuerbach) über
den alten Materialismus, dem die Idee der Dialektik fremd war. Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, sagte Marx,
es kommt aber darauf an, sie zu verändern.12 So können audi die Neu-
iskristen den Prozeß des sich vor ihren Augen abspielenden Kampfes
leidlich beschreiben und erklären, sie sind jedoch völlig außerstande, für
diesen Kampf die richtige Losung zu geben. Eifrige Marsdiierer, aber
schlechte Führer, würdigen sie die materialistische Geschichtsauffassung
dadurch herab, daß sie außer acht lassen, welche wirksame, führende und
leitende Rolle in der Geschichte die Parteien spielen können und müssen,
die die materiellen Bedingungen der Umwälzung erkannt und sidi an die
Spitze der fortgeschrittenen Klassen gestellt haben.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 31
5. WIE SOLL MAN „DIE REVOLUTION
VORWÄRTSTREIBEN"?
Wir bringen einen weiteren Abschnitt der Resolution:
, „Unter diesen Umständen muß die Sozialdemokratie danach streben,
während des ganzen Verlaufs der Revolution eine solche Stellung zu be-
haupten, die ihr am besten die Möglichkeit sichert, die Revolution vor-
wärtszutreiben, ihr im Kampfe gegen die inkonsequente und eigennützige
Politik der bürgerlichen Parteien nicht die Hände bindet und sie davor
bewahrt, in der bürgerlichen Demokratie aufzugehen.
Deshalb darf sich die Sozialdemokratie nicht das Ziel setzen, durch
Bildung einer provisorischen Regierung die Macht zu ergreifen oder die
Macht in einer solchen zu teilen, sie muß vielmehr die Partei der äußer-
sten revolutionären Opposition bleiben."
Der Rat, eine Stellung zu beziehen, die am besten die Möglichkeit
sichert, die Revolution vorwärtszutreiben, gefällt uns ganz außerordent-
lich. Wir hätten nur gewünscht, daß außer diesem guten Rat auch ein
direkter Hinweis vorhanden wäre, wie die Sozialdemokratie gerade jetzt,
in der gegebenen politischen Situation, in den Zeiten der Gerüchte, Mut-
maßungen, Redereien und Projekte über die Einberufung von Volksver-
tretern, die Revolution vorwärtstreiben soll. Kann jetzt jemand die Revo-
lution vorwärtstreiben, der nicht begreift, welche Gefahr die Theorie der
Oswoboshdenzen von einer „Vereinbarung" des Volkes mit dem Zaren
in sich birgt, der den bloßen „Beschluß", eine konstituierende Versamm-
lung einzuberufen, schon als Sieg bezeichnet, der nicht die Aufgabe stellt,
die Idee von der Notwendigkeit einer provisorischen revolutionären Re-
gierung aktiv zu propagieren? der die Losung der demokratischen Repu-
blik außer acht läßt? Solche Leute treiben in Wirklichkeit die Revolution
zurück, weil sie in praktisch-politischer Beziehung auf dem Niveau der
von den Oswoboshdenzen bezogenen Stellung stehengeblieben sind. Was
nützt es, daß sie sich zu einem Programm bekennen, das die Ersetzung der
Selbstherrschaft durch die Republik fordert, wenn in ihrer taktischen Re-
solution, welche die gegenwärtigen und die nächsten Aufgaben der Partei
im revolutionären Augenblick festlegt, die Losung des Kampfes für die
Republik fehlt? Gerade die Stellung der Oswoboshdenzen, die Stellung
der konstitutionellen Bourgeoisie wird doch jetzt faktisch dadurch charak-
32
IV. 1. Zenin
terisieri, daß der Beschluß, eine vom ganzen Volk gewählte konstituierende
Versammlung einzuberufen, als ein entscheidender Sieg angesehen wird,
während man sich über die provisorische revolutionäre Regierung und
über die Republik wohlweislich ausschweigt! Um die Revolution vor-
wä'rtszutreiben, d. h. über jene Grenze hinaus, bis zu der die monarchi-
stische Bourgeoisie sie treibt, muß man aktiv Losungen aufstellen, betonen
und in den Vordergrund rücken, die die „Inkonsequenz" der bürgerlichen
Demokratie aussdhliefien. Solche Losungen gibt es im gegenwärtigen
Zeitpunkt nur zwei-, 1. die provisorisdie revolutionäre Regierung und
2. die Republik; denn die Losung einer vom ganzen Volk gewählten
konstituierenden Versammlung ist von der monarchistischen Bourgeoisie
übernommen worden (siehe das Programm des „Bundes der Befreiung"),
und sie ist übernommen worden eben im Interesse der Eskamotierung
der Revolution, im Interesse der Verhinderung ihres vollen Sieges und
im Interesse des Kuhhandels der Großbourgeoisie mit dem Zarismus.
Und da sehen wir nun, daß die Konferenz von diesen beiden Losungen,
die einzig und allein geeignet sind, die Revolution vorwärtszutreiben, die
Losung der Republik gänzlich vergessen und die Losung der provisori-
schen revolutionären Regierung der Oswoboshdenzen-Losung einer vom
ganzen Volk gewählten konstituierenden Versammlung kurzerhand gleich-
gesetzt hat, indem sie das eine wie das andere einen „entscheidenden Sieg
der Revolution" nannte!!
Jawohl, das ist eine unzweifelhafte Tatsache, und sie wird, das steht
für uns fest, dem künftigen Geschichtsschreiber der russischen Sozial-
demokratie als Markstein dienen. Eine Konferenz von Sozialdemokraten
nimmt im Mai 1905 eine Resolution an, die schöne Worte enthält über
die Notwendigkeit, die demokratische Revolution vorwärtszutreiben,
die sie jedoch in Wirklichkeit zurücktreibt, die in Wirklichkeit nicht
weiter geht als die demokratischen Losungen der monarchistischen Bour-
geoisie.
Die Neuiskristen machen uns gern den Vorwurf, daß wir die Gefahr
eines Aufgehens des Proletariats in der bürgerlichen Demokratie igno-
rieren. Wir möchten den sehen, der es unternähme, diesen Vorwurf an
Hand des Wortlauts der vom III. Parteitag der SDAPR angenommenen
Resolutionen zu beweisen. Wir werden unseren Opponenten erwidern:
Die Sozialdemokratie, die auf dem Boden der bürgerlichen Ges ellschaft
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisieren Revolution 33
tätig ist, kann an der Politik nicht teilnehmen, ohne in diesem oder jenem
Einzelfall mit der bürgerlidren Demokratie in einer Reihe zu gehen. Der
Unterschied zwischen uns und euch ist dabei der, daß wir mit der revo-
lutionären und republikanischen Bourgeoisie in einer Reihe gehen, ohne
uns mit ihr zu verschmelzen, während ihr mit der liberalen und monardhi-
stisdhen Bourgeoisie in einer Reihe geht, ebenfalls ohne euch mit ihr zu
verschmelzen. So sieht die Sadhe aus.
Eure taktischen Losungen, die im Namen der Konferenz ausgegeben
worden sind, stimmen überein mit den Losungen der „konstitutionell-
demokratischen" Partei, d. h. der Partei der monardhistisdoen Bourgeoisie,
und dabei habt ihr diese Übereinstimmung nicht bemerkt, seid eudi ihrer
nicht bewußt geworden und befindet euch somit faktisch im Sdhlepptau
der Oswoboshdenzen.
Unsere taktischen Losungen, die im Namen des III. Parteitags der
SDAPR ausgegeben worden sind, stimmen überein mit den Losungen der
demokratisdi-revolationären und republikanischen Bourgeoisie. Diese
Bourgeoisie und Kleinbourgeoisie hat in Rußland noch keine große Volks-
partei gebildet.* Aber daß es Elemente einer solchen Partei gibt, kann nur
der bezweifeln, der keine Ahnung davon hat, was jetzt in Rußland vor-
geht. Wir beabsichtigen (im Falle eines erfolgreichen Verlaufs der großen
russischen Revolution), nicht nur das von der Sozialdemokratischen Par-
tei organisierte Proletariat zu führen, sondern auch diese Kleinbourgeoisie,
die sehr wohl mit uns in einer Reihe gehen kann.
Die Konferenz ist in ihrer Resolution unbewußt auf das Niveau der
liberalen und monarchistischen Bourgeoisie hinabgesunken. Der Partei-
tag hat durch seine Resolution die Elemente der revolutionären Demo-
kratie, die zu kämpfen vermögen, nicht aber Kuhhandel treiben wollen,
bewußt zu sich emporgehoben.
Soldie Elemente gibt es zumeist unter der Bauernschaft. Ohne einen
ernsten Fehler zu machen, können wir bei der Einteilung der großen Ge-
sellschaftsgruppen nach ihren politischen Tendenzen die revolutionäre
und republikanische Demokratie mit der Masse der Bauernschaft gleidh-
* Die „Sozialrevolutionäre" sind eher eine terroristische Intellektuellen-
gruppe als die Keimform einer solchen Partei, obwohl die objektive Bedeutung
der Tätigkeit dieser Gruppe gerade in der Verwirklichung der Aufgaben der
revolutionären und republikanischen Bourgeoisie besteht.
34
'W.J. Lenin
setzen — selbstverständlich in demselben Sinne, mit denselben Vorbe-
halten und unter denselben stillschweigenden Voraussetzungen, wie man
die Arbeiterklasse mit der Sozialdemokratie gleichsetzen kann. Wir kön-
nen, anders ausgedrückt, unsere Schlußfolgerungen auch so formulieren:
Die Konferenz ist mit ihren gesamtnationalen* politischen Losungen im
revolutionären Augenblick unbewußt auf das Niveau der Masse der Guts-
besitzer hinabgesunken. Der Parteitag hat mit seinen gesamtnationalen
politischen Losungen die Masse der Bauern auf ein revolutionäres Niveau
emporgehoben. Wer uns wegen dieser Schlußfolgerung beschuldigt, daß
wir zu Paradoxen neigen, an den richten wir die Aufforderung, die fol-
gende These zu widerlegen: Wenn wir nicht imstande sein werden, die
Revolution zu Ende zu führen, wenn die Revolution mit einem im Sinne
der Oswoboshdenzen „entscheidenden Sieg" lediglich in der Form einer
vom. Zaren einberuf enen Vertreterversammlung enden wird, die nur zum
Hohn eine konstituierende Versammlung genannt werden könnte — dann
wird das eine Revolution sein, in der das gutsherrliche und großbürger-
liche Element überwiegt. Umgekehrt, wenn uns beschieden ist, eine wirk-
liche große Revolution zu erleben, wenn die Geschichte diesmal keine
„Fehlgeburt" zuläßt, wenn wir die Kraft haben werden, die Revolution zu
Ende zu führen, bis zum entscheidenden Sieg nicht im Sinne der Os wöbosh-
denzen und der Neuiskristen, dann wird das eine Revolution sein, in der
das bäuerliche und proletarische Element überwiegt.
Vielleicht werden manche in der Zulassung des Gedankens an ein sol-
ches Uberwiegen einen Beweis dafür erblicken, daß wir die Überzeugung
vom bürgerlichen Charakter der bevorstehenden Revolution aufgegeben
haben? Bei dem Mißbrauch, der in der „Iskra" mit diesem Begriff getrie-
ben wird, ist das wohl möglich. Deshalb ist es durchaus nicht überflüssig,
bei dieser Frage zu verweilen.
* Wir sprechen nicht von den speziellen Losungen für die Bauernschaft,
denen besondere Resolutionen gewidmet sind.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 35
6. WOHER DROHT DEM PROLETARIAT DIE GEFAHR,
IM KAMPE GEGEN DIE INKONSEQUENTE BOURGEOISIE
MIT GEBUNDENEN HÄNDEN DAZUSTEHEN?
Die Marxisten sind vom bürgerlichen Charakter der russischen Revolu-
tion unbedingt überzeugt. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß jene de-
mokratischen Umgestaltungen der politischen Ordnung und jene sozial-
ökonomischen Umgestaltungen, die für Rußland notwendig geworden sind,
an und für sich nicht nur keine Untergrabung des Kapitalismus, keine
Untergrabung der Herrschaft der Bourgeoisie bedeuten, sondern daß sie
umgekehrt zum erstenmal gründlich den Boden für eine breite und rasche,
europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitalismus säubern,
daß sie zum erstenmal die Herrschaft der Bourgeoisie als Klasse ermög-
lichen werden. Die Sozialrevolutionäre können diese Idee nicht begreifen,
weil sie das Abc der Entwicklungsgesetze der Warenproduktion und der
kapitalistischen Produktion nicht kennen. Sie sehen nicht, daß sogar ein
voller Erfolg des Bauernaufstands, sogar eine Neuaufteilung des ganzen
Grund und Bodens im Interesse der Bauernschaft und gemäß ihren Wün-
schen (eine „schwarze Umteilung" oder etwas in dieser Art) den Kapita-
lismus keineswegs vernichten, sondern im Gegenteil seiner Entwicklung
einen Anstoß geben und die Klassenscheidung der Bauernschaft selbst be-
schleunigen wird. Weil die Sozialrevolutionäre diese Wahrheit nicht be-
greifen, werden sie zu unbewußten Ideologen des Kleinbürgertums. Das
Festhalten an dieser Wahrheit ist für die Sozialdemokratie von größter,
nicht nur theoretischer, sondern auch praktisch-politischer Bedeutung,
denn hieraus ergibt sich für die Partei des Proletariats die Pflicht, in der
gegenwärtigen „allgemein-demokratischen" Bewegung ihre volle Selbstän-
digkeit als Klassenpartei zu wahren.
Aber daraus folgt keineswegs, daß die demokratische (ihrem gesell-
schaftlich-ökonomischen Inhalt nach bürgerliche) Umwälzung für das Pro-
letariat nicht von größtem Interesse wäre. Daraus folgt keineswegs, daß
sich die demokratische Umwälzung nicht sowohl in einer Form vollziehen
könnte, die vorwiegend für den Großkapitalisten, den Finanzmagnaten
und den „aufgeklärten" Gutsbesitzer vorteilhaft ist, als auch in einer
Form, die für den Bauern und den Arbeiter vorteilhaft ist.
36
IV. J. Lenin
Die Weuiskristen mißverstehen von Grund aus Sinn und Bedeutung der
Kategorie : bürgerliche Revolution. Durch ihre Betrachtungen zieht sich
ständig der Gedanke, die bürgerliche Revolution sei eine Revolution, die
nur das bringen könne, was für die Bourgeoisie vorteilhaft ist. Nichts ist
indes irriger als dieser Gedanke. Die bürgerliche Revolution ist eine Revo-
lution, die nicht über den Rahmen der bürgerlichen, d. h. der kapitalisti-
schen, ökonomischen Struktur der Gesellschaft hinausgeht. Die bürger-
liche Revolution bringt die Bedürfnisse der Entwicklung des Kapitalismus
zum Ausdruck und zerstört keineswegs die Grundlagen dieser Entwick-
lung, sondern verbreitert und vertieft sie im Gegenteil. Diese Revolution
bringt daher die Interessen nicht nur der Arbeiterklasse, sondern auch der
gesamten Bourgeoisie zum Ausdruck. Da unter dem Kapitalismus die
Herrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat unvermeidlich ist, kann
man mit vollem Recht sagen, daß die bürgerliche Revolution die Interessen
nicht so sehr des Proletariats als vielmehr der Bourgeoisie zum Ausdruck
bringt. Aber völlig absurd ist der Gedanke, daß die bürgerliche Revolution
die Interessen des Proletariats überhaupt nicht zum Ausdruck bringt. Die-
ser absurde Gedanke läuft entweder auf die althergebrachte Volkstümler-
theorie hinaus, daß die bürgerliche Revolution den Interessen des Prole-
tariats widerspricht und daß wir daher keine bürgerliche politische Freiheit
brauchen. Oder dieser Gedanke läuft auf den Anarchismus hinaus, der
jede Beteiligung des Proletariats an der bürgerlichen Politik, an der bür-
gerlichen Revolution, am bürgerlichen Parlamentarismus verneint. Theo-
retisch bedeutet dieser Gedanke, daß man die elementarsten Grundsätze
des Marxismus vergißt, wonach die Entwicklung des Kapitalismus auf der
Grundlage der Warenproduktion unvermeidlich ist. Der Marxismus lehrt,
daß eine Gesellschaft, die sich auf die Warenproduktion gründet und mit
den zivilisierten kapitalistischen Nationen im Austausch steht, auf einer
bestimmten Entwicklungsstufe unvermeidlich auch selbst den Weg des
Kapitalismus beschreitet. Der Marxismus hat unwiderruflich mit den Phan-
tasien der Volkstümler und der Anarchisten gebrochen, als ob beispiels-
weise Rußland die kapitalistische Entwicklung vermeiden, dem Kapitalis-
mus ausweichen oder ihn überspringen und einen anderen Weg einschla-
gen könne als den Weg des Klassenkampfes auf dem Boden und im
Rahmen eben dieses Kapitalismus.
Alle diese Leitsätze des Marxismus sind mit aller Ausführlichkeit be-
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 37
wiesen und durchgekaut worden, sowohl im allgemeinen als auch im be-
sonderen hinsichtlich Rußlands. Und aus diesen Leitsätzen folgt, daß es
ein reaktionärer Gedanke ist, die Erlösung der Arbeiterklasse in irgend
etwas anderem zu suchen als in der weiteren Entwicklung des Kapitalis-
mus. In solchen Ländern wie Rußland leidet die Arbeiterklasse nicht so
sehr unter dem Kapitalismus als vielmehr unter der ungenügenden Ent-
wicklung des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse ist daher an der breitesten,
freiesten und raschesten Entwicklung des Kapitalismus unbedingt inter-
essiert. Für die Arbeiterklasse ist die Beseitigung aller Überreste der alten
Zeit, die der breiten, freien und raschen Entwicklung des Kapitalismus
hinderlidi sind, unbedingt von Vorteil. Die bürgerliche Revolution ist eben
eine solche 'Umwälzung, die am entschiedensten die Überreste der alten
Zeit, die Überreste der Leibeigenschaft (zu diesen Überresten gehört nicht
nur die Selbstherrschaft, sondern auch die Monarchie) hinwegfegt, die
am vollständigsten die breiteste, freieste und rascheste Entwicklung des
Kapitalismus gewährleistet.
Deshalb ist die bürgerliche Revolution für das Proletariat im höchsten
Qrade vorteilhaft. Die bürgerliche Revolution ist im Interesse des Proleta-
riats unbedingt notwendig. Je vollständiger und entschiedener, je konse-
quenter die bürgerliche Revolution sein wird, desto gesicherter wird der
Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie für den Sozialismus sein.
Nur Leuten, die das Abc des wissenschaftlichen Sozialismus nicht kennen,
kann diese Schlußfolgerung neu oder seltsam, ja paradox erscheinen. Aus
dieser Schlußfolgerung ergibt sich übrigens auch die These, daß in einem
gewissen Sinne die bürgerliche Revolution für das Proletariat vorteilhafter
ist als für die Bourgeoisie. Und zwar unterliegt diese These gerade in
folgendem Sinne keinem Zweifel: Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft,
sich gegen das Proletariat auf einige Überreste der alten Zeit zu stützen,
zum Beispiel auf die Monarchie, auf das stehende Heer u. dgl. m. Für die
Bourgeoisie ist es vorteilhaft, daß die bürgerliche Revolution nicht gar zu
entschieden alle Überreste der alten Zeit hinwegfegt, sondern einige von
ihnen bestehen läßt, daß also diese Revolution nicht völlig konsequent ist,
nidit bis zu Ende geht, nicht entsdiieden und schonungslos ist. Diesen Ge-
danken drücken die Sozialdemokraten oft etwas anders aus, wenn sie
sagen, die Bourgeoisie werde sich selbst untreu, die Bourgeoisie verrate
die Sache der Freiheit, die Bourgeoisie sei unfähig zu einem konsequenten
38
W. 3. Lenin
Demokratismus. Für die Bourgeoisie ist es vorteilhafter, daß sich die not-
wendigen Umgestaltungen in bürgerlich-demokratischer Richtung lang-
samer, allmählicher, vorsichtiger, unentschiedener, auf dem Wege von Re-
formen und nicht auf dem Wege der Revolution vollziehen; daß diese
Umgestaltungen die „ehrwürdigen" Einrichtungen aus der Zeit der Leib-
eigenschaft (wie die Monardüe) möglichst schonen; daß diese Umgestal-
tungen die revolutionäre Aktivität, Initiative und Energie des einfachen
Volkes, d. h. der Bauernschaft und insbesondere der Arbeiter, möglichst
wenig entwickeln, denn sonst wird es den Arbeitern um so leichter fallen,
„das Gewehr von einer Schulter auf die andere zu legen", wie die Fran-
zosen sagen, d. h. die Waffen, mit denen die bürgerliche Revolution sie
ausrüstet, die Freiheit, die sie ihnen gibt, und die demokratischen Ein-
richtungen, die auf dem von der Leibeigenschaft gesäuberten Boden ent-
stehen, gegen die Bourgeoisie selbst zu kehren.
Umgekehrt ist es für die Arbeiterklasse vorteilhafter, daß sich die not-
wendigen Umgestaltungen in bürgerlich-demokratischer Richtung gerade
nicht auf dem Wege von Reformen, sondern auf revolutionärem Wege
vollziehen, denn der Weg der Reformen ist ein Weg der Verschleppung,
der Amtsschimmelei, des qualvoll langsamen Absterbens der faulenden
Teile des Volks Organismus. Unter dieser Fäulnis leiden zuerst und zumeist
das Proletariat und die Bauernschaft. Der revolutionäre Weg ist der Weg
der raschen, für das Proletariat am wenigsten schmerzhaften Operation;
er ist der Weg der direkten Entfernung der faulenden Teile, der Weg der
geringsten Nachgiebigkeit und Nachsicht gegenüber der Monarchie und
den ihr entsprechenden abscheulichen und widerlichen, verfaulten und mit
ihrer Fäulnis die Luft verpestenden Einrichtungen.
Eben deshalb und keineswegs nur aus Zensurrücksichten, nicht nur aus
Angst vor der hohen Obrigkeit vergießt unsere bürgerlich-liberale Presse
Tränen über die Möglichkeit des revolutionären Weges, fürchtet sie die
Revolution, schreckt sie den Zaren mit der Revolution, bemüht sie sich, die
Revolution zu vermeiden, bettelt sie knechtisch und kriecherisch um kläg-
liche Reformen, um den Weg der Reformen zu ebnen. Auf diesem Stand-
punkt stehen nidit nur die „Russkije Wedomosti" [Russische Nachrichten],
„Syn Otetschestwa" [Sohn des Vaterlandes], „Nascha Shisn" [Unser
Leben] und „Naschi Dni" [Unsere Tage], sondern auch das illegale, freie
„Oswoboshdenije". Eben die Lage der Bourgeoisie als Klasse in der kapi-
Zwei Zaktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 39
talistischen Gesellschaft erzeugt unvermeidlich ihre Inkonsequenz in der
demokratischen Umwälzung. Eben die Lage des Proletariats als Klasse
zwingt es, konsequent demokratisch zu sein. Die Bourgeoisie blickt nach
rückwärts, sie fürchtet den demokratischen Fortschritt, der mit der Gefahr
einer Erstarkung des Proletariats droht. Das Proletariat hat nichts zu ver-
lieren als seine Ketten, wird aber mit Hilfe des Demokratismus die ganze
Welt gewinnen. Je konsequenter daher die bürgerliche Revolution in ihren
■demokratischen Umgestaltungen ist, desto weniger beschränkt sie sich auf
das, was ausschließlich für die Bourgeoisie von Vorteil ist. Je konsequenter
die bürgerliche Revolution ist, desto mehr Vorteile sichert sie in der demo-
kratischen Umwälzung dem Proletariat und der Bauernschaft.
Der Marxismus lehrt den Proletarier nicht, sich von der bürgerlichen
Revolution femzuhalten, auf die Teilnahme an ihr zu verzichten, die Füh-
rung in ihr der Bourgeoisie zu überlassen, sondern im Gegenteil, er lehrt
die energischste Teilnahme, den entschlossensten Kampf für den konse-
quenten proletarischen Demokratismus, für die Durchführung der Revo-
lution bis zu Ende. Wir können den bürgerlich-demokratischen Rahmen
der russischen Revolution nicht sprengen, wir können aber diesen Rahmen
gewaltig erweitern, wir können und müssen innerhalb dieses Rahmens für
die Interessen des Proletariats, für seine unmittelbaren Bedürfnisse und
für solche Bedingungen kämpfen, die es ermöglichen, seine Kräfte für den
künftigen vollen Sieg vorzubereiten. Es gibt bürgerliche Demokratie und
bürgerliche Demokratie. Auch der monarchistische Semstwomann, der An-
hänger eines Oberhauses, der das allgemeine Wahlrecht „fordert", aber
insgeheim, in aller Stille, mit dem Zarismus über eine gestutzte Verfas-
sung handelseins wird, ist ein bürgerlicher Demokrat. Und der Bauer, der
mit der Waffe in der Hand gegen die Gutsbesitzer und Beamten zieht und
„naiv-republikanisch" vorschlägt, „den Zaren davonzujagen"*, ist eben-
falls ein bürgerlicher Demokrat. Es gibt solche bürgerlich-demokratischen
Verhältnisse wie in Deutschland und solche wie in England; solche wie in
Österreich und solche wie in Amerika oder in der Schweiz. Der wäre ein
schöner Marxist, der in der Epoche der demokratischen Umwälzung diesen
Unterschied zwischen den Abstufungen des Demokratismus und zwischen
dem verschiedenartigen Charakter der einen oder anderen seiner Formen
* Siehe „Oswoboshdenije" Nr. 71, S. 337, Anm. 2.
40
W. ]. Lenin
übersähe und sich auf das „Klügeln“ darüber beschränken wollte, daß das
ja alles „bürgerliche Revolution" sei und Früchte der „bürgerlichen Revo-
lution" seien.
Zu dieser Sorte Klügler, die mit ihrer Kurzsichtigkeit wichtig tun, ge-
hören aber gerade unsere Neuiskristen. Sie beschränken sich darauf, über ■
den bürgerlichen Charakter der Revolution ausgerechnet dann und dort
Betrachtungen anzustellen, wo man es verstehen muß, einen Unterschied
zwischen der republikanisch-revolutionären und der monarchistisch-libera-
len bürgerlichen Demokratie zu machen, ganz zu schweigen von dem
Unterschied zwischen dem inkonsequenten bürgerlichen und dem konse-
quenten proletarischen Demokratismus. Sie begnügen sich, als wären sie
wirklich zu „Menschen im Futteral" * geworden, mit melancholischen
Redensarten über den „Prozeß des beiderseitigen Kampfes zwischen den
gegensätzlichen Klassen", wenn es darum geht, der gegenwärtigen Revo-
lution eine demokratische Tührung zu geben, die fortschrittlichen demo-
kratischen Losungen zum Unterschied von den verräterischen Losungen
der Herren Struve und Konsorten hervorzuheben und die nächsten Auf-
gaben des wirklidt revolutionären Kampfes des Proletariats und der
Bauernschaft im Untersdiied zum liberalen Maklertum der Gutsbesitzer
und Fabrikanten klipp und klar aufzuzeigen. Der Kern der Frage, den Sie,
meine Herren, übersehen haben, ist jetzt eben der, ob unsere Revolution
mit einem wirklich grandiosen Sieg oder nur mit einem erbärmlichen
Kompromiß absdtließen wird, ob sie bis zur revolutionären demokrati-
schen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft gelangen oder ob ihr
schon bei einer liberalen Schipowschen Verfassung „der Atem ausgehen"
wird!
Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als wichen wir dadurch, daß
wir diese Frage stellen, von unserem Thema völlig ab. Aber so scheint es
nur auf den ersten Blick. In Wirklichkeit liegt gerade in dieser Frage die
Wurzel der prinzipiellen Differenz, die sdion jetzt zwischen der sozial-
demokratischen Taktik des III. Parteitags der Sozialdemokratischen Ar-
beiterpartei Rußlands und der Taktik, die auf der Konferenz der Neu-
iskristen festgelegt wurde, klar hervorgetreten ist. Die letzteren haben
schon heute nicht zwei, sondern drei Schritte zurück gemacht, denn sie
* „Der Mann im Futteral" —Titelheld einer Erzählung von A.P. Tschechow.
Der Tibers.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revoi ution 41
haben bei der Lösung der für die Arbeiterpartei unvergleichlich kompli-
zierteren, sdiwerwiegenderen und lebenswichtigeren Fragen ihrer Taktik
im Augenblick der Revolution die Fehler des Ökonomismus zu neuem
Leben erweckt. Und eben deshalb müssen wir bei der Untersuchung der
gestellten Frage mit aller Aufmerksamkeit zu Werke gehen.
In dem von uns zitierten Teil der neuiskristischen Resolution ist ein
"Hinweis auf die Gefahr enthalten, daß sich die Sozialdemokratie im
Kampf gegen die inkonsequente Politik der Bourgeoisie die Hände binden,
daß sie in der bürgerlichen Demokratie aufgehen könne. Der Gedanke an
diese Gefahr zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze spezifisch
neuiskristische Literatur, dieser Gedanke ist der wahre Kern der ganzen
prinzipiellen Stellung in unserer Parteispaltung (seitdem das Element des
Gezänks in dieser Spaltung vor dem Element der Wendung zum Ökono-
mismus völlig in den Hintergrund getreten ist). Und wir erkennen ohne
alle Umschweife an, daß diese Gefahr wirklich besteht, daß diese Gefahr
gerade jetzt, da sich die russische Revolution stürmisch entfaltet, besonders
ernst geworden ist. Uns allen, den Theoretikern oder — wie ich von mir
lieber sagen würde — den Publizisten der Sozialdemokratie, obliegt die
unaufschiebbare und außerordentlich verantwortliche Aufgabe, zu unter-
suchen, von welcher Seite diese Gefahr in Wirklichkeit droht. Denn die
Quelle unserer Meinungsverschiedenheit liegt nicht in dem Streit darüber,
ob eine solche Gefahr vorhanden ist, sondern in dem Streit darüber, ob sie
durch die sogenannte Nachtrabpolitik der „Minderheit" oder durch den
sogenannten Revolutionarismus der „Mehrheit" hervorgerufen wird.
Um Mißdeutungen und Mißverständnisse zu beseitigen, wollen wir vor
allem bemerken, daß die Gefahr, von der wir sprechen, nicht in der sub-
jektiven, sondern in der objektiven Seite der Sache liegt, nicht in der for-
mellen Stellung, welche die Sozialdemokratie im Kampfe beziehen wird,
sondern im materiellen Ausgang des ganzen gegenwärtigen revolutionären
Kampfes. Nicht das ist die Frage, ob diese oder jene sozialdemokratischen
Gruppen in der bürgerlichen Demokratie aufgehen wollen, ob sie sich des-
sen bewußt sind, daß sie in ihr aufgehen — davon ist gar nidit die Rede.
Wir verdächtigen keinen Sozialdemokraten, einen solchen Wunsch zu
haben, und nicht auf den Wunsch kommt es hier an. Die Frage ist auch
nicht, ob diese oder jene sozialdemokratischen Gruppen ihre formelle
Selbständigkeit, Sonderstellung und Unabhängigkeit gegenüber der bür-
4 Lenin, Werke, Bd. 9
42
IV. J. Lenin
gerlichen Demokratie während des ganzen Verlaufs der Revolution be-
wahren werden. Sie können diese ihre „Selbständigkeit" nicht nur ver-
künden, sondern sie sogar formell bewahren, und nichtsdestoweniger
kann die Sadhe so ausgeben, daß sie im Kampf gegen die Inkonsequenz der
Bourgeoisie mit gebundenen Händen dastehen werden. Als politische
Schlußbilanz der Revolution kann sich herausstellen, daß die Sozialdemo-
kratie trotz ihrer formellen „Selbständigkeit", trotz ihrer vollen organisa-
torischen Sonderstellung als Partei sich in Wirklichkeit nicht als selbstän-
dig erweist, sich nicht als fähig erweist, dem Gang der Ereignisse den
Stempel ihrer proletarischen Selbständigkeit aufzudrücken, sondern sich
als so schwach erweist, daß im großen und ganzen, im Endergebnis, als
Schlußbilanz, ihr „Aufgehen" in der bürgerlichen Demokratie dennoch
zur historischen Tatsache wird.
Eben darin besteht die wirkliche Gefahr. Und nun wollen wir sehen,
von welcher Seite sie droht: Von dem Abweichen der Sozialdemokratie
nach rechts in Gestalt der neuen „Iskra", wie wir glauben, oder von ihrem
Abweichen nach links in Gestalt der „Mehrheit", des „Wperjod" usw.,
wie die Neuiskristen glauben.
Die Lösung dieser Frage wird, wie wir schon gezeigt haben, durch das
objektive Zusammenwirken der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte
bestimmt. Der Charakter dieser Kräfte ist theoretisch durch die marxi-
stische Analyse der russischen Wirklichkeit bestimmt worden und wird
jetzt praktisch durch das offene Auftreten der Gruppen und Klassen im
Verlauf der Revolution bestimmt. Die ganze theoretische Analyse, die
schon lange vor der jetzigen Epoche von den Marxisten vorgenommen
worden ist, wie auch alle praktischen Beobachtungen hinsichtlich der Ent-
wicklung der revolutionären Ereignisse zeigen uns nun, daß die Revolution
in Rußland vom Standpunkt der objektiven Bedingungen auf zweierlei Art
verlaufen und ausgehen kann. Die Umgestaltung der ökonomischen und
politischen Ordnung Rußlands in bürgerlich-demokratischer Richtung ist
unvermeidlich und unabwendbar. Es gibt keine Kraft auf Erden, die eine
solche Umgestaltung verhindern könnte. Aber aus dem Zusammenwirken
der vorhandenen Kräfte, die diese Umgestaltung hervorbringen, können
sich zweierlei Resultate oder zweierlei Formen dieser Umgestaltung er-
geben. Eines von beiden: 1. entweder endet das Ganze mit einem „ent-
scheidenden Sieg der Revolution über den Zarismus" oder 2. die Kräfte
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 43
reichen für einen entscheidenden Sieg nicht aus, und das Ganze endet mit
einem Pakt zwischen dem Zarismus und den „inkonsequentesten" und
„eigennützigsten" Elementen der Bourgeoisie. All die unendliche Mannig-
faltigkeit der Details und Kombinationen, die vorauszusehen niemand im-
stande ist, reduziert sich im großen und ganzen gerade auf die eine oder
die andere dieser zwei Möglichkeiten. .
Betrachten wir nun diese Möglichkeiten, erstens vom Gesichtspunkt
ihrer sozialen Bedeutung und zweitens vom Gesichtspunkt der Lage der
Sozialdemokratie (ihres „Aufgehens" oder ihrer „gebundenen Hände")
bei dem einen und dem anderen Ausgang.
Was ist „ein entscheidender Sieg der Revolution über den Zarismus" ?
Wir haben schon gesehen, daß die Neuiskristen diesen Ausdruck gebrau-
chen, ohne dabei auch nur seine nädistliegende politische Bedeutung zu
verstehen. Noch weniger ist bei ihnen davon etwas zu merken, daß sie
den Klasseninhalt dieses Begriffs verstehen. Wir Marxisten dürfen uns
jedoch in keinem Falle von Worten wie „Revolution" oder „große rus-
sische Revolution" blenden lassen, so wie sich jetzt viele revolutionäre De-
mokraten (vom Schlage Gapons) von ihnen blenden lassen. Wir müssen
uns genau Rechenschaft darüber ablegen, welche realen gesellschaftlichen
Kräfte sich dem „Zarismus" (das ist eine durchaus reale, für alle durch-
aus verständliche Kraft) entgegenstellen und fähig sind, einen „entschei-
denden Sieg" über ihn zu erringen. Die Großbourgeoisie, die Gutsbesitzer,
die Fabrikanten, die „gute Gesellschaft", die hinter den Oswoboshdenzen
steht, können diese Kraft nicht sein. Wir sehen, daß sie einen entscheiden-
den Sieg auch gar nicht wollen. Wir wissen, daß sie infolge ihrer Klassen-
lage zu einem entschlossenen Kampf gegen den Zarismus nicht fähig sind:
das Privateigentum, das Kapital, der Grund und Boden sind ein viel zu
schweres Bleigewicht an ihren Füßen, als daß sie einen entschlossenen
Kampf führen könnten. Sie brauchen viel zu sehr den Zarismus, seine
polizeilich-bürokratischen und militärischen Kräfte, gegen das Proletariat
und die Bauernschaft, als daß sie die Vernichtung des Zarismus anstreben
könnten. Nein, die Kraft, die fähig ist, einen „entscheidenden Sieg über
den Zarismus" zu erringen, kann nur das Volk sein, d. h. das Proletariat
und die Bauernschaft, wenn man die grundlegenden, ausschlaggebenden
Kräfte nimmt und die ländliche und städtische Kleinbourgeoisie (die auch
zum „Volk" gehört) zwischen ihnen aufteilt. Ein „entscheidender Sieg der
4*
44
IV. 7. Lenin
Revolution über den Zarismus" ist die revolutionär-demokratisdbe Dikta-
tur des ‘Proletariats und der Bauernsdhaft. Dieser Schlußfolgerung, auf die
vom „Wperjod" schon längst hingewiesen worden ist, können sich unsere
Neuiskristen nicht entziehen. Es gibt sonst niemanden, der einen entschei-
denden Sieg über den Zarismus erringen könnte.
Und ein solcher Sieg wird eben eine Diktatur sein, d. h., er wird sich
unvermeidlich auf militärische Gewalt, auf die Bewaffnung der Massen,
auf den Aufstand stützen müssen, nicht aber auf diese oder jene, auf „le-
galem", „friedlichem Wege" geschaffene Einrichtungen. Das kann nur eine
Diktatur sein, denn die Verwirklichung der für das Proletariat und die
Bauernschaft unverzüglich und unabweislich notwendigen Umgestaltun-
gen wird den erbitterten Widerstand sowohl der Gutsbesitzer als auch der
Großbourgeoisie und des Zarismus hervorrufen. Ohne Diktatur ist es un-
möglich, diesen Widerstand zu brechen, die konterrevolutionären An-
schläge abzuwehren. Doch selbstverständlich wird das keine sozialistische,
sondern eine demokratische Diktatur sein. Sie wird (ohne eine ganze
Reihe Zwischenstufen der revolutionären Entwicklung) nicht imstande sein,
die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten. Sie wird im besten Fall im-
stande sein, eine radikale Neuverteilung des Grundeigentums zugunsten
der Bauernschaft vorzunehmen, einen konsequenten und vollen Demokra-
tismus bis zur Errichtung der Republik durchzuführen, alle asiatischen
Wesenszüge und Knechtschaftsverhältnisse im Leben nicht nur des Dor-
fes, sondern auch der Fabrik auszumerzen, für eine ernsthafte Verbesse-
rung der Lage der Arbeiter, für die Flebung ihrer Lebenshaltung den
Grund zu legen und schließlich, last but not least*, den revolutionären
Brand nach Europa zu tragen. Ein solcher Sieg wird aus unserer bürger-
lichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen; die demo-
kratische Umwälzung wird über den Rahmen der bürgerlichen gesell-
schaftlich-ökonomischen Verhältnisse nicht unmittelbar hinausgehen; aber
nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künf-
tige Entwicklung sowohl Rußlands als auch der ganzen Welt gigantisch
sein. Nichts wird die revolutionäre Energie des Weltproletariats so sehr
steigern, nichts wird den Weg, der zu seinem vollen Siege führt, so sehr
abkürzen wie dieser entscheidende Sieg der in Rußland begonnenen
Revolution.
* als Letztes, aber nicht Geringstes.
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 45
Inwieweit ein solcher Sieg wahrscheinlich ist, das ist eine andere Frage.
Wir neigen diesbezüglich keineswegs zu unbesonnenem Optimismus, wir
vergessen durchaus nicht die ungeheuren Schwierigkeiten dieser Aufgabe,
aber wenn wir in den Kampf ziehen, müssen wir den Sieg wollen und den
richtigen Weg zu ihm zeigen können. Die Tendenzen, die diesen Sieg her-
beizuführen vermögen, sind unbestreitbar vorhanden. Freilich, unser
sozialdemokratischer Einfluß auf die Masse des Proletariats ist noch
äußerst ungenügend; die revolutionäre Einwirkung auf die Masse der
Bauern ist verschwindend gering; die Zersplitterung, die Rückständigkeit,
die Unwissenheit des Proletariats und besonders der Bauernschaft sind
noch furchtbar groß. Aber die Revolution schweißt rasch zusammen und
klärt rasch auf. Jeder Schritt ihrer Entwicklung rüttelt die Massen auf und
zieht sie mit unwiderstehlicher Kraft gerade auf die Seite des revolutionä-
ren Programms, das allein ihre wirklichen, ureigenen Interessen konse-
quent und vollständig zum Ausdruck bringt.
Ein Gesetz der Mechanik lautet: Die Wirkung ist gleich der Gegenwir-
kung. In der Geschichte hängt die zerstörende Kraft der Revolution in
nicht geringem Maße auch davon ab, wie stark und andauernd die Unter-
drückung der Freiheitsbestrebungen war und wie tief der Widerspruch
zwischen dem vorsintflutlichen „überbau" und den lebendigen Kräften
der gegenwärtigen Epoche ist. Auch die internationale politische Situation
gestaltet sich in vieler Hinsicht für die rassische Revolution so günstig wie
nur möglich. Der Aufstand der Arbeiter und der Bauern hat schon begon-
nen; er ist zersplittert, spontan und schwach, aber er beweist unbestreitbar
und unbedingt das Vorhandensein von Kräften, die zu einem entschlosse-
nen Kampf fähig sind und einem entscheidenden Sieg entgegengehen.
Reichen diese Kräfte nicht aus, so wird es dem Zarismus gelingen, einen
Pakt zu schließen, der denn auch schon von zwei Seiten vorbereitet wird,
sowohl von den Herren Bulygin als auch von den Herren Struve. Dann
wird die Sache mit einer gestutzten Verfassung oder sogar — im aller-
schlimmsten Fall — mit einer Parodie auf eine Verfassung enden. Das wird
auch eine „bürgerliche Revolution" sein, freilich eine Fehlgeburt, ein Zerr-
bild, eine Mißgestalt. Die Sozialdemokratie macht sich keine Illusionen,
sie kennt die verräterische Natur der Bourgeoisie, sie wird den Mut nicht
sinken lassen und ihre beharrliche, geduldige, unentwegte Arbeit an der
Klassenerziehung des Proletariats selbst im allergrauesten Alltag der
46
TV. 1 Lenin
bürgerlich-konstitutionellen „Schipowschen" Glückseligkeit nicht auf geben.
Ein solcher Ausgang gliche mehr oder weniger dem Ausgang fast aller
demokratischen Revolutionen in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts,
und unsere Parteientwicklung beschritte dann einen mühsamen, schweren,
langen, aber bekannten und ausgetretenen Pfad.
Es fragt sich nun, in welchem dieser beiden möglichen Fälle wird die
Sozialdemokratie gegenüber der inkonsequenten und eigennützigen Bour-
geoisie faktisch mit gebundenen Händen dastehen? in der bürgerlichen
Demokratie faktisch „aufgegangen" oder fast aufgegangen sein?
Es genügt, diese Frage klar zu stellen, damit man sie, ohne auch nur
einen Augenblick zu schwanken, beantworten kann.
Gelingt es der Bourgeoisie, die russische Revolution durch einen Pakt
mit dem Zarismus zum Scheitern zu bringen, dann werden der Sozial-
demokratie faktisch eben die Hände gegenüber der inkonsequenten Bour-
geoisie gebunden sein, dann wird die Sozialdemokratie in der bürgerlichen
Demokratie in dem Sinne „aufgegangen" sein, daß es dem Proletariat
nicht gelingen wird, der Revolution seinen klaren Stempel aufzudrücken
und mit dem Zarismus auf proletarische oder, wie Marx einst sagte,
„plebejische Manier" fertig zu werden.
Gelingt der entscheidende Sieg der Revolution, dann werden wir mit
dem Zarismus auf jakobinische oder, wenn ihr wollt, plebejische Manier
fertig werden. „Der ganze französische Terrorismus", schrieb Marx 1848
in der berühmten „Neuen Rheinischen Zeitung", „war nichts als eine
plebejische Manier, mit den Jeinden der Bourgeoisie, dem Absolutismus,
dem Feudalismus und dem Spießbürgertum fertig zu werden" (siehe
Marx5 Nachlaß, herausgegeben von Mehring, Bd. III, S. 211)13. Haben
die Leute, die die sozialdemokratischen russischen Arbeiter mit dem Po-
panz des „Jakobinertums" in der Epoche der demokratischen Revolution
schrecken, jemals über die Bedeutung dieserWorte von Marx nachgedacht?
Die Girondisten der heutigen russischen Sozialdemokratie, die Neu-
iskristen, verschmelzen sich nicht mit den Oswoboshdenzen, erweisen sich
aber kraft des Charakters ihrer Losungen faktisch in deren Nachtrab. Die
Oswoboshdenzen aber, d. h. die Vertreter der liberalen Bourgeoisie, möch-
ten mit der Selbstherrschaft auf sanfte, reformerische Art fertig werden, -
nachgiebig, ohne der Aristokratie, dem Adel, dem Hof weh zu tun,- vor-
sichtig, ohne etwas zu zerbrechen; liebenswürdig und höflich, vornehm
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 47
und in Glacehandschuhen (wie Herr Petrunkewitsch sie sich beim Empfang
der „Volksvertreter" (?) durch Nikolaus den Blutigen von einem Polizei-
schergen ausborgte; siehe „Proletari" Nr. 5*).
Die Jakobiner der heutigen Sozialdemokratie — die Bolschewiki, die
Anhänger des „Wperjod", des Parteitags oder des „Proletari", idi weiß
wirklich nicht, wie ich sagen soll — wollen mit ihren Losungen das revolu-
tionäre und republikanische Kleinbürgertum und besonders die Bauern-
schaft auf das Niveau des konsequenten Demokratismus des Proletariats
heben, das seine Sonderstellung als Klasse dabei voll bewahrt. Sie wollen,
daß das Volk, d. h. das Proletariat und die Bauernschaft, mit der Monar-
chie und der Aristokratie auf „plebejische Manier" fertig wird, indem es
die Feinde der Freiheit schonungslos vernichtet, ihren Widerstand mit Ge-
walt bricht und dem verfluchten Erbe der Leibeigenschaft, des Asiatentums
und der Schändung des Menschen keinerlei Konzession macht.
Das bedeutet natürlich nicht, daß wir unbedingt die Jakobiner von Anno
1793 nachahmen, ihre Ansichten, ihr Programm, ihre Losungen und
Aktionsmethoden übernehmen wollen. Nichts dergleichen. Wir haben nicht
das alte, sondern ein neues Programm — das Minimalprogramm der So-
zialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. Wir haben eine neue Losung:
die revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauern-
schaft. Und wir werden, falls wir den wirklichen Sieg der Revolution
noch erleben, auch neue Aktionsmethoden haben, die dem Charakter und
den Zielen der zur vollen sozialistischen Umwälzung strebenden Par-
tei der Arbeiterklasse entsprechen. Mit unserem Vergleich wollen wir
bloß klarmachen, daß sich die Vertreter der fortgeschrittensten Klasse des
20. Jahrhunderts, des Proletariats, d. h. die Sozialdemokraten, ebenso in
zwei Flügel teilen (einen opportunistischen und einen revolutionären),
wie sich die Vertreter der fortgeschrittensten Klasse des 18. Jahrhunderts,
der Bourgeoisie, in Girondisten und Jakobiner geteilt haben.
Nur im Falle eines vollen Sieges der demokratischen Revolution wird
das Proletariat im Kampf gegen die inkonsequente Bourgeoisie nicht mit
gebundenen Händen dastehen. Nur in diesem Falle wird es in der bürger-
lichen Demokratie nicht „aufgehen", sondern der ganzen Revolution sei-
nen proletarischen, richtiger gesagt, proletarisch-bäuerlichen Stempel auf-
drücken.
* Siehe Werke, 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 491—495, russ. Die Red.
48
W. 7. Cenin
Mit einem Wort: Um im Kampf gegen die inkonsequente bürgerliche
Demokratie nicht mit gebundenen Händen dazustehen, muß das Proleta-
riat genügend klassenbewußt und stark sein, um die Bauernschaft zum
revolutionären Bewußtsein emporzuheben, ihren Ansturm zu leiten und
auf diese Weise den konsequent proletarischen Demokratismus selbständig
durchzuführen.
So steht es mit der von den Neuiskristen so unglücklich gelösten Frage
der Gefahr, im Kampf gegen die inkonsequente Bourgeoisie mit gebunde-
nen Händen dazustehen. Die Bourgeoisie wird stets inkonsequent sein.
Nichts ist naiver und fruchtloser als die Versuche, Bedingungen oder
Punkte aufzustellen*, bei deren Erfüllung es möglich wäre, die bürgerliche
Demokratie für einen nicht heuchlerischen Freund des Volkes zu halten.
Ein konsequenter Kämpfer für die Demokratie kann nur das Proletariat
sein. Ein siegreicher Kämpfer für den Demokratismus kann das Proletariat
nur unter der Bedingung werden, daß sich die Masse der Bauernschaft
seinem revolutionären Kampf anschließt. Reicht die Kraft des Proletariats
dazu nicht aus, dann wird sich die Bourgeoisie an der Spitze der demokra-
tischen Revolution erweisen und ihr einen inkonsequenten und eigennützi-
gen Charakter verleihen. Um das zu verhindern, gibt es kein anderes Mit-
tel als die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft.
Somit kommen wir zu der unzweifelhaften Schlußfolgerung, daß gerade
die neuiskristische Taktik ihrer objektiven Bedeutung nach der bürger-
lichen Demokratie in die Hände arbeitet. Die Propaganda der organisa-
torischen Verschwommenheit, die bis zu Plebisziten, zum Prinzip des
Paktierens und zum Losgelöstsein der Parteiliteratur von der Partei geht,
die Herabsetzung der Aufgaben des bewaffneten Aufstands, die Vermen-
gung der das ganze Volk betreffenden politischen Losungen des revolu-
tionären Proletariats mit denen der monarchistisdren Bourgeoisie, die Ent-
stellung der Bedingungen des „entscheidenden Sieges der Revolution über
den Zarismus" — all dies zusammen ergibt im revolutionären Augenblick
gerade jene Nachtrabpolitik, die das Proletariat irreführt und desorgani-
siert, sein Bewußtsein trübt und die Taktik der Sozialdemokratie herab-
* Wie das Starower in seiner vom III. Parteitag aufgehobenen Resolution14
zu tun versucht hat und wie es die Konferenz in der nicht minder mißglückten
Resolution zu tun versucht.
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 49
würdigt, anstatt den einzigen Weg zum Siege zu zeigen und alle revolu-
tionären und republikanischen Elemente des Volkes um die Losung des
Proletariats zusammenzuschließen.
lim diese Schlußfolgerung, zu der wir auf Grund der Analyse der
Resolution gelangt sind, zu erhärten, wollen wir an dieselbe Frage unter
anderen Gesichtspunkten herangehen. Betrachten wir erstens, wie der
etwas einfältige und offenherzige Menschewik im georgischen „Sozial-
demokrat" die neuiskristische Taktik illustriert. Betrachten wir zweitens,
wer sich in der gegebenen politischen Situation tatsächlich der Losungen
der neuen „Iskra" bedient.
7. DIE TAKTIK DER „AUSSCHALTUNG
DER KONSERVATIVEN AUS DER REGIERUNG"
Der von uns oben erwähnte Artikel im Organ des menschewistischen
Tifliser „Komitees" („Sozialdemokrat" Nr. 1) ist betitelt „Der Semski
Sobor und unsere Taktik". Der Verfasser hat unser Programm noch nicht
ganz vergessen, er stellt die Losung der Republik auf, läßt sich aber über
die Taktik wie folgt aus:
„Zur Erreichung dieses Zieles" (der Republik) „kann man zwei Wege zei-
gen : Entweder man läßt den Semski Sobor, der von der Regierung einberufen
wird, völlig außer acht, stürzt mit der Waffe in der Hand die Regierung, bildet
eine revolutionäre Regierung und beruft eine konstituierende Versammlung ein.
Oder man erklärt den Semski Sobor zum Mittelpunkt unserer Aktion, wirkt
mit der Waffe in der Hand auf seine Zusammensetzung, auf seine Tätigkeit
ein und zwingt ihn mit Gewalt, sich zur konstituierenden Versammlung zu er-
klären, oder beruft durch ihn eine konstituierende Versammlung ein. Diese
zwei Taktiken unterscheiden sich sehr schroff voneinander. Betrachten wir,
welche von ihnen für uns vorteilhafter ist."
So also legen die Neuiskristen in Rußland die Ideen dar, die späterhin
in der von uns analysierten Resolution ihren Niederschlag gefunden haben.
Das wurde, wohlgemerkt, vor Tsushima geschrieben, als das Bulyginsche
„Projekt" noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hatte. Sogar die
Liberalen verloren die Geduld und äußerten ihr Mißtrauen in den Spalten
50
IV. 7. Lenin
der legalen Presse; der neuiskristische Sozialdemokrat aber zeigte sich
vertrauensseliger als die Liberalen. Er erklärt, daß der Semski Sobor „ein-
berufen wird", und vertraut dem Zaren so sehr, daß er vorschlägt, den
noch nicht existierenden Semski Sobor (vielleicht sogar eine „Reichsduma"
oder einen „gesetzberatenden Sobor"?) zum Mittelpunkt unserer Aktion
zu machen. Unser Tifliser, offenherziger und gradliniger als die Verfasser
der von der Konferenz angenommenen Resolution, setzt diese baden
„Taktiken" (die er mit unnachahmlicher Naivität darlegt) nicht einander
gleich, sondern erklärt, daß die zweite „vorteilhafter" sei. Man höre:
„Die erste Taktik. Wie bekannt, ist die bevorstehende Revolution eine bür-
gerliche Revolution, d. h., sie ist auf eine solche Änderung der gegenwärtigen
Ordnung gerichtet, an der (nämlich der Änderung) nicht nur das Proletariat,
sondern auch die ganze bürgerliche Gesellschaft interessiert ist. In Opposition
zur Regierung stehen alle Klassen, selbst die Kapitalisten. Das kämpfende Pro-
letariat und die kämpfende Bourgeoisie gehen in einem gewissen Sinne zusam-
men und greifen die Selbstherrschaft von verschiedenen Seiten gemeinsam an.
Die Regierung ist hier ganz isoliert und genießt keine Sympathie der Gesell-
schaft. Darum ist es sehr leicht, sie zu vernichten. Das gesamte russische Pro-
letariat ist noch nicht so klassenbewußt und organisiert, daß es die Revolution
ganz allein durchführen könnte. Ja, wenn es das tun könnte, würde es keine
bürgerliche, sondern eine proletarische (sozialistische) Revolution durchführen.
Folglich liegt es in unserem Interesse, daß die Regierung ohne Verbündete
bleibt, daß sie nicht imstande ist, die Opposition zu entzweien, daß sie die
Bourgeoisie nicht für sich gewinnen und das Proletariat nicht isolieren kann . .
Es liegt also im Interesse des Proletariats, daß die zaristische Regierung
nicht imstande ist, die Bourgeoisie und das Proletariat zu entzweien! Heißt
das georgische Organ etwa irrtümlicherweise „Sozialdemokrat", sollte es
nicht eher „Oswoboshdenije" heißen? Und man beachte, welch unnach-
ahmliche Philosophie der demokratischen Revolution! Sehen wir hier
nicht ganz deutlich, wie der arme Tifliser durch die räsonierend-nachtrab-
politische Auslegung des Begriffs „bürgerliche Revolution" endgültig aus
dem Konzept gebracht worden ist? Er erörtert die Frage der möglichen
Isoliertheit des Proletariats in der demokratischen Umwälzung und ver-
gißt... vergißt eine Kleinigkeit... die Bauernschaft! Von den möglichen
Verbündeten des Proletariats kennt er die Gutsbesitzer der Semstwos und
findet an ihnen Gefallen, aber er weiß nichts von den Bauern. Und das im
2.wei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 5 1
Kaukasus ! Nun, hatten wir nicht recht, als wir sagten, daß die neue „Iskra"
durch ihre Gedankengänge zur monarchistischen Bourgeoisie hinabsinkt,
anstatt die revolutionäre Bauernschaft als Verbündeten zu sich empor-
zuheben?
„...Andernfalls ist die Niederlage des Proletariats und der Sieg der Regie-
rung unvermeidlich. Und gerade das erstrebt die Selbstherrschaft. Sie wird in
ihrem Semski Sobor zweifellos die Vertreter des Adels, der Semstwos, der
Städte, der Universitäten und ähnlicher bürgerlicher Institutionen auf ihre Seite
ziehen. Sie wird sich bemühen, sie durch kleine Konzessionen zu beschwich-
tigen und auf diese Weise mit sich auszusöhnen. Solcherart gefestigt, wird sie
alle ihre Schläge gegen das isoliert gebliebene arbeitende Volk richten. Unsere
Pflicht ist es, einen solchen unglücklichen Ausgang zu verhüten. Aber kann
man das etwa auf dem ersten Wege tun? Angenommen, wir hätten den Semski
Sobor gar nidit beachtet, sondern selbständig mit der Vorbereitung des Auf-
stands begonnen, und wären eines schönen Tages bewaffnet zum Kampf auf
die Straße gegangen. Und nun haben wir nicht einen Feind, sondern zwei
Feinde vor uns : die Regierung und den Semski Sobor. Während wir uns vor-
bereiteten, gelang es ihnen, handelseinig zu werden, ein Abkommen zu treffen,
eine für sie vorteilhafte Verfassung auszuarbeiten und die Macht unter sich zu
teilen. Das ist eine für die Regierung geradezu vorteilhafte Taktik, und wir
müssen sie aufs energischste ablehnen..."
Das ist wirklich offenherzig! Man muß die „Taktik" der Vorbereitung des
Aufstands entschieden ablehnen, weil die Regierung „währenddessen" ein
Abkommen mit der Bourgeoisie treffen wird! Kann man in der alten Lite-
ratur des eingefleischtesten „Ökonomismus" wohl irgend etwas finden, das
dieser Schändung der revolutionären Sozialdemokratie auch nur annähernd
gleichkäme? Die bald hier, bald dort ausbrechenden Aufstände und Er-
hebungen der Arbeiter und Bauern sind eine Tatsache. Der Semski Sobor
ist eine Bulyginsche Versprechung. Und der „Sozialdemokrat" aus Tiflis
beschließt, die Taktik der Vorbereitung des Aufstands abzulehnen und
auf den „Mittelpunkt der Einwirkung", den Semski Sobor zu warten...
„. . .Die zweite Taktik besteht umgekehrt darin, daß wir den Semski Sobor
unter unsere Aufsicht stellen und ihm keine Möglichkeit geben, nach seinem
Willen zu handeln und mit der Regierung, ein Abkommen zu treffen.*
* Welches ist denn das Mittel, um den Semski-Sobor-Leuten ihren Willen
zu rauben? Etwa ein besonderes Lademuspapier?
51
IV. J. Lenin
Wir unterstützen den Semski Sobor, insofern er gegen die Selbstherrschaft
kämpft, und bekämpfen ihn dann, wenn er sich mit der Selbstherrschaft aus-
söhnt. Durch energische Einmischung und Gewalt entzweien wir die Deputier-
ten untereinander*, die Radikalen gewinnen wir für uns, die Konservativen
schalten wir aus der Regierung aus, und auf diese Weise bringen wir den gan-
zen Semski Sobor auf den revolutionären Weg. Dank einer solchen Taktik
wird die Regierung stets isoliert, die Opposition aber stark bleiben, und damit
erleichtern wir die Errichtung der demokratischen Ordnung."
Ja, ja! Jetzt soll noch jemand sagen, daß wir die Wendung der Neu-
iskristen zum vulgärsten Ebenbild des Ökonomismus übertreiben. Das ist
schon direkt so etwas wie das berühmte Pulver gegen die Fliegen: Man
fange die Fliege, bestreue sie mit dem Pulver, und sie krepiert. Die Depu-
tierten des Semski Sobor mit Qewalt entzweien, „die Konservativen aus
der Regierung ausschalten" — und der ganze Semski Sobor wird den revo-
lutionären Weg beschreiten . . . Ohne jeden „jakobinischen" bewaffneten
Aufstand, von leichter Hand, auf vornehme Art, beinahe parlamentarisdi,
durch „Einwirkung" auf die Mitglieder des Semski Sobor.
Armes Rußland ! Man pflegte von ihm zu sagen, daß es stets altmodische,
von Europa abgelegte Hüte trage. Wir haben noch kein Parlament, selbst
Bulygin hat noch keines versprochen, aber parlamentarischen Kretinis-
mus15 haben wir schon übergenug.
„...Wie soll diese Einmischung erfolgen? Vor allem werden wir fordern,
daß der Semski Sobor auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und ge-
heimen Wahlrechts einberufen wird. Zusammen mit der Ankündigung** einer
solchen Wahlordnung muß die volle Freiheit der Wahlagitation gesetzlich fest-
gelegt werden***, d.h. die Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit, die Unan-
tastbarkeit der Wähler und der zu Wählenden und die Freilassung aller poli-
tischen Häftlinge. Die Wahlen selbst müssen möglichst spät angesetzt werden,
damit wir genug Zeit haben, um das Volk aufzuklären und vorzubereiten. Und
da die Ausarbeitung der Regeln für die Einberufung des Sobor einer Kommis-
* Heiliger Himmel! Da habt ihr sie, die „vertiefte" Taktik! Um auf der
Straße zu kämpfen, reicht die Kraft nicht aus, aber „die Deputierten ent-
zweien" kann man mit „Gewalt". Na hören Sie, werter Tifliser Genosse, Un-
sinn kann man ja reden, aber alles mit Maßen
** In der „Iskra"?
*** Von Nikolaus?
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 53
sion unter dem Vorsitz des Innenministers Bulygin übertragen worden ist,
müssen wir auch auf diese Kommission und ihre Mitglieder einwirken.* Sollte
sich die Bulyginsche Kommission weigern, unseren Forderungen stattzuge-
ben**, und nur den Besitzenden das Recht zugestehen, Deputierte zu wählen,
so müssen wir in diese Wahlen eingreifen und die Wähler auf revolutionärem
Wege dazu bringen, fortschrittliche Kandidaten zu wählen und im Semski So-
bor eine konstituierende Versammlung zu verlangen. Schließlich müssen wir
mit allen erdenklichen Mitteln — Demonstrationen, Streiks und notfalls durch
einen Aufstand — den Semski Sobor dazu bringen, eine konstituierende Ver-
sammlung einzuberufen oder sich als solche zu erklären. Der Verteidiger der
konstituierenden Versammlung muß das bewaffnete Proletariat sein, und
beide*** zusammen werden zur demokratischen Republik vorwärtsschreiten.
Das ist die sozialdemokratische Taktik, und nur sie wird uns den Sieg ver-
bürgen."
Der Leser glaube ja nicht, daß dieser ganze ungeheuerliche Blödsinn
die belanglose Schreibübung irgendeines unverantwortlichen und einfluß-
losen Neuiskristen ist. Nein, das wird im Organ eines ganzen Komitees
der Neuiskristen, des Tifliser Komitees, gesagt. Nicht genug damit, ist die-
ser Blödsinn von der „J skra" direkt gebilligt worden, in deren Nr. 100
wir über diesen „Sozialdemokrat" lesen :
„Die erste Jdummer ist lebendig und talentvoll redigiert. Man merkt
die erfahrene, geschickte Jdand eines Redakteurs und Schriftstellers...
Man kann mit Sicherheit sagen, daß die Zeitung die Aufgabe, die sie sich
gestellt hat, glänzend lösen wird."
Allerdings! Wenn diese Aufgabe darin besteht, jedermann anschaulich
die völlige ideologische Zersetzung des Neuiskrismus vor Augen zu füh-
ren, dann ist sie wirklich „glänzend" gelöst. Das Hinabsinken der Neu-
iskristen zum bürgerlich-liberalen Opportunismus hätte niemand „leben-
diger, talentvoller und geschickter" zum Ausdruck bringen können.
* Das also bedeutet die Taktik der „Ausschaltung der Konservativen aus
der Regierung" !
** Aber das kann doch gar nicht sein bei einer so richtigen und scharfsin-
nigen Taktik unserseits!
*** Das bewaffnete Proletariat und die „aus der Regierung ausgeschalteten"
Konservativen?
54
“W. 1. Lenin
8. DAS OSWOBOSHDENZENTUM
UND DER NEUISKRISMUS
Wenden wir uns nun einer anderen anschaulichen Bestätigung der poli-
tischen Bedeutung des Neuiskrismus zu.
In dem bemerkenswerten, vortrefflichen, äußerst lehrreichen Artikel
„Wie findet man sich selbst" („Oswoboshdenije" Nr. 71) zieht Herr
Struve gegen den „programmatischen Revolutionarismus" unserer extre-
men Parteien zu Felde. Mit mir persönlich ist Herr Struve besonders un-
zufrieden.* Was mich anbelangt, so bin ich mit Herrn Struve überaus
* „Im Vergleich mit dem Revolutionarismus der Herren Lenin und Genossen
erscheint der Revolutionarismus der westeuropäischen Sozialdemokratie Bebels
und sogar Kautskys als Opportunismus, doch selbst diesem schon gemilderten
Revolutionarismus hat die Geschichte den Boden unterspült und weggespült."
Ein sehr zorniger Ausfall. Herr Struve ist jedoch im Irrtum, wenn er meint,
man könne mir, wie einem Verstorbenen, alles in die Schuhe schieben. Es ge-
nügt, wenn ich an Herrn Struve eine Herausforderung richte, die anzunehmen
er nie und nimmer imstande sein wird. Wo und wann habe ich den „Revolutio-
narismus Bebels und Kautskys" als Opportunismus bezeichnet? Wo und wann
habe ich versucht, in der internationalen Sozialdemokratie eine besondere Rich-
tung ins Leben zu rufen, die mit der Richtung Bebels und Kautskys nicht iden-
tisch' wäre? Wo und wann sind zwischen mir einerseits und Bebel und Kautsky
anderseits Meinungsverschiedenheiten zutage getreten, die auch nur annähernd
so ernst wären wie beispielsweise die Meinungsverschiedenheiten zwischen Be-
bel und Kautsky in der Agrarfrage in Breslau?10 Soll Herr Struve versuchen,
auf diese drei Fragen zu antworten.
Den Lesern aber sagen wir: Die liberale Bourgeoisie wendet stets und über-
all den Kunstgriff an, ihren Anhängern in dem betreffenden Lande zu ver-
sichern, daß die Sozialdemokraten dieses Landes die unvernünftigsten Leute,
ihre Genossen im benachbarten Staat aber „Musterknaben" seien. Die deut-
sche Bourgeoisie hat den Bebel und Kautsky die französischen Sozialisten
Hunderte 5Hale als „Musterknaben" vorgehalten. Die französische Bourgeoisie
hat erst unlängst den französischen Sozialisten den „Musterknaben" Bebel vor-
gehalten. Ein alter Trick, Herr Struve ! Nur Kinder und Ignoranten werden auf
diesen Leim kriechen. Die volle Solidarität der internationalen revolutionären
Sozialdemokratie in allen wichtigen Fragen des Programms und der Taktik ist
eine absolut unbestreitbare Tatsache.
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdhen Revolution 55
zufrieden: einen besseren Verbündeten im Kampf gegen den wiederauf -
erstehenden Ökonomismus der Neuiskristen und gegen die völlige Prin-
zipienlosigkeit der „Sozialrevolutionäre" könnte ich mir gar nicht wün-
schen. Auf welche Art und Weise Herr Struve und das „Oswoboshdenije"
praktisch bewiesen haben, daß die im Programmentwurf der Sozialrevo-
lutionäre vorgenommenen „Korrekturen" des Marxismus durch und durch
reaktionär sind, darüber werden wir uns gelegentlich ein andermal unter-
halten. Wie Herr Struve mir jedesmal, wenn er den Neuiskristen prin-
zipiell zustimmte, einen wahren, ehrlichen und treuen Dienst leistete,
darüber haben wir schon wiederholt gesprochen* und wollen es hier noch
einmal sagen.
Der Artikel des Herrn Struve enthält eine ganze Reihe hochinter-
essanter Äußerungen, die wir hier nur nebenbei berühren können. Er
schickt sich an, „gestützt nicht auf den Kampf, sondern auf die Zusam-
menarbeit der Klassen, eine russische Demokratie zu schaffen", wobei die
„sozial privilegierte Intelligenz" (vom Schlage des „kulturell hochstehen-
den Adels", vor dem Herr Struve mit der Grazie eines echt weltmänni-
schen . . . Lakaien seine Reverenzen macht) „das Gewicht ihrer sozialen
Stellung" (das Gewicht des Geldsacks) in diese „klassenlose" Partei mit-
bringen wird. Herr Struve äußert den Wunsch, die Jugend bekannt zu
machen mit der Untauglichkeit der „radikalen Schablone, daß die Bour-
* Erinnern wir den Leser daran, daß der Artikel „Was man nicht tun darf"
(„Iskra" Nr. 52) vom „Oswoboshdenije "mit Pauken und Trompeten als eine
„bedeutungsvolle Wendung" zur Nachgiebigkeit gegenüber den Opportunisten
begrüßt wurde. Die prinzipiellen Tendenzen des Neuiskrismus billigte das
„Oswoboshdenije" ausdrücklich in einer Notiz über die Spaltung unter den
russischen Sozialdemokraten. Anläßlich der Broschüre Trotzkis „Unsere politi-
schen Aufgaben" wies das „Oswoboshdenije" auf die Gleichartigkeit der Gedan-
ken dieses Verfassers mit dem hin, was einst die „Rabotsdieje-Delo"-Leute Kri-
tschewski, Martynow und Akimow gesagt und geschrieben hatten (siehe den
Sonderdruck „Der diensteifrige Liberale", Ausgabe des „Wperjod"). Marty-
nows Broschüre über die zwei Diktaturen wurde vom „Oswoboshdenije" be-
grüßt (siehe die Notiz im „Wperjod" Nr. 9). Schließlich trafen die verspä-
teten Klagen Starowers. über die alte Losung der alten „Iskra" : „Sich zuerst
voneinander abgrenzen, um sich dann zu vereinigen" auf die besondere Sym-
pathie des „Oswoboshdenije".
56
TV. 3. Lenin
geoisie Angst bekommen und das Proletariat mitsamt der Sache der Frei-
heit verkauft habe". (Von ganzem Herzen begrüßen wir diesen Wunsch.
Nichts könnte diese marxistische „Schablone" besser bestätigen als der
Kampf, den Herr Struve dagegen führt. Bitte sehr, Herr Struve, schieben
Sie Ihren großartigen Plan nicht auf die lange Bank!)
Für unser Thema ist wichtig, daß wir feststellen, gegen welche prak-
tischen Losungen heutzutage ein politisch so hellhöriger und auf den ge-
ringsten Wetterumschlag reagierender Vertreter der russischen Bour-
geoisie kämpft. Erstens gegen die Losung des Republikanismus. Herr
Struve ist fest überzeugt, daß diese Losung „der Volksmasse unverständ-
lich und fremd" ist (er vergißt hinzuzufügen: verständlich, aber nach-
teilig für die Bourgeoisie!). Wir möchten gern hören, welche Antwort
Herr Struve darauf von den Arbeitern in unseren Zirkeln und Versamm-
lungen erhalten würde ! Oder gehören die Arbeiter nicht zum V olk? Und
die Bauern? Sie huldigen bisweilen, wie sich Herr Struve ausdrückt, einem
„naiven Republikanismus" („den Zaren davonjagen"), doch die liberale
Bourgeoisie gibt sich dem Glauben hin, daß den naiven Republikanismus
nicht der bewußte Republikanismus, sondern der bewußte Monarchismus
ablösen wird! Ca depend, Herr Struve, das hängt noch von den Umstän-
den ab. Sowohl der Zarismus als auch die Bourgeoisie können nicht anders
als einer grundlegenden Verbesserung der Lage der Bauern auf Kosten
des großen Grundeigentums entgegenwirken; die Arbeiterklasse dagegen
kann nicht anders als in dieser Sache mit der Bauernschaft Zusammen-
wirken.
Zweitens versichert Herr Struve-. „Im Bürgerkrieg wird der Angreifer
stets im LInrecht sein." Dieser Gedanke kommt den oben gekennzeich-
neten Tendenzen der Neuiskristen sehr nahe. Wir wollen natürlich nicht
sagen, daß es im Bürgerkrieg stets vorteilhaft wäre, anzugreifen; nein,
manchmal ist die Defensivtaktik für eine gewisse Zeit geboten. Aber eine
solche These in Anwendung auf das Rußland von 1905 aufzustellen, wie
Herr Struve es getan hat, bedeutet eben, mit einem Stückchen „radikaler
Schablone" aufzuwarten („die Bourgeoisie bekommt Angst und verkauft
die Sache der Freiheit"). Wer jetzt die Selbstherrschaft, die Reaktion
nicht angreifen will, wer sich auf diesen Angriff nicht vorbereitet, wer ihn
nicht propagiert, der bezeichnet sich zu Unrecht als Anhänger der Revo-
lution.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisieren Revolution 57
Herr Struve verurteilt die Losungen „Konspiration" und „Rebellion"
(das sei ein „Aufstand in Miniatur"). Herr Struve verachtet das eine wie
das andere, und zwar vom Standpunkt des „Herankommens an die Mas-
sen" ! Wir möchten Herrn Struve fragen, ob er z. B. in einer solchen Schrift
wie „Was tun?", die von einem seiner Ansicht nach maßlosen Revolu-
tionärsten stammt, eine Propagierung der Rebellion nachweisen kann.
Und was die „Konspiration" apbelangt, besteht da wirklich ein so großer
Unterschied z. B. zwischen Herrn Struve und uns? Arbeiten wir nicht
beide an „illegalen" Zeitungen, die „konspirativ" nach Rußland befördert
werden und den „geheimen" Gruppen des „Bundes der Befreiung" bzw.
der SDAPR dienen? Unsere Arbeiterversammlungen sind oft „konspira-
tiv", wir leugnen das nicht. Und die Versammlungen der Herren Oswo-
boshdenzen? Was berechtigt Sie, Herr Struve, über die verächtlichen An-
hänger der verächtlichen Konspiration die Nase zu rümpfen?
Allerdings, bei der Belieferung der Arbeiter mit Waffen bedarf es dop-
pelt strenger Konspiration. Und hier tritt Herr Struve schon offener auf.
Man höre: „Was den bewaffneten Aufstand oder die Revolution im tech-
nischen Sinne betrifft, so kann nur die Massenpropaganda des demokra-
tischen Programms die sozial-psychologischen Voraussetzungen für einen
allgemeinen bewaffneten Aufstand schaffen. Mithin ist sogar von jenem
Standpunkt aus, der den bewaffneten Aufstand als die unvermeidliche
Krönung des gegenwärtigen Befreiungskampfes betrachtet — ein Stand-
punkt, den ich nicht teile — , die Durchdringung der Massen mit den Ideen
der demokratischen Umgestaltung die grundlegende, die notwendigste
Aufgabe."
Herr Struve möchte der Frage ausweichen. Er spricht von der Unver-
meidlichkeit des Aufstands, anstatt von seiner Notwendigkeit für den
Sieg der Revolution zu sprechen. Der Aufstand, und zwar ein unvorbe-
reiteter, spontaner und zersplitterter Aufstand, hat schon begonnen. Nie-
mand kann sich unbedingt verbürgen, daß er bis zum umfassenden und
einheitlichen bewaffneten Volksaufstand voranschreiten wird, denn das
hängt sowohl vom Zustand der revolutionären Kräfte ab (die man nur
im Kampfe selbst ganz ermessen kann) als auch von der Haltung der Re-
gierung und der Bourgeoisie sowie von einer Reihe anderer Umstände,
die nicht genau errechnet werden können, über die Unvermeidlichkeit
im Sinne jener absoluten Gewißheit, daß das konkrete Ereignis eintritt,
5 Lenin, Werke, Bd. 9
58
TV. 7. Lenin
auf die Herr Struve das Thema abbiegt, hat es keinen Sinn zu sprechen.
Wenn man Anhänger der Revolution sein will, so muß man darüber
sprechen, ob der Aufstand für den Sieg der Revolution notwendig ist,
ob es notwendig ist, aktiv für ihn einzutreten, ihn zu propagieren, ihn
unverzüglich und energisch vorzubereiten. Herr Struve müßte diesen Un-
terschied eigentlich verstehen; er verdeckt ja z. B. audi nicht die für einen
Demokraten unstreitige Frage, ob das allgemeine Wahlrecht notwendig
ist, durch die für einen Politiker streitige und nicht aktuelle Frage, ob
seine Erringung im Verlauf dieser Revolution unvermeidlich ist. Dadurch,
daß Herr Struve der Frage ausweicht, ob der Aufstand notwendig ist, ent-
hüllt er das innerste Wesen der politischen Position der liberalen Bour-
geoisie. Die Bourgeoisie zieht es erstens vor, mit der Selbstherrschaft han-
delseinig zu werden, statt sie zu vernichten; auf jeden Fall wälzt die Bour-
geoisie den Kampf mit der Waffe in der Hand auf die Arbeiter ab (das
zweitens). Das ist die reale Bedeutung, die dem Ausweichen des Herrn
Struve zukommt. Das ist der Grund, warum er sich von der Frage der
Notwendigkeit des Aufstands auf die Fragen seiner „sozial-psychologi-
schen" Voraussetzungen und der vorherigen „Propaganda" zurüdkzieht.
Ganz genauso, wie sich die bürgerlichen Schwätzer im Frankfurter Parla-
ment von 1 848 mit der Abfassung von Resolutionen, Deklarationen, Be-
schlüssen, mit „Massenpropaganda" und Vorbereitung der „sozial-psycho-
logischen Voraussetzungen" zu einer Zeit beschäftigten, als es darum
ging, der bewaffneten Macht der Regierung Widerstand zu leisten, als die
Bewegung „bis zur Notwendigkeit gediehen war", den bewaffneten Kampf
zu führen, als die bloße Einwirkung durch das Wort (die in der Vorberei-
tungsperiode hundertfach notwendig ist) zu öder bürgerlicher Tatenlosig-
keit und Feigheit geworden war — genauso drückt sich auch Herr Struve
vor der Frage des Aufstands und versteckt sich hinter Phrasen. Herr Struve
zeigt uns anschaulich das, was viele Sozialdemokraten hartnäckig nidit
sehen wollen, nämlich daß sich der revolutionäre Augenblick von den ge-
wöhnlichen, alltäglichen, vorbereitenden historischen Zeitabschnitten eben
dadurch unterscheidet, daß die Stimmung, die Erregung, die Überzeugung
der Massen in der Aktion in Erscheinung treten müssen und tatsächlich in
Erscheinung treten.
Der vulgäre Revolutionarismus versteht nicht, daß auch das Wort eine
Tat ist; dieser Grundsatz ist unbestreitbar in seiner Anwendung auf die
Zwei 0 Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 59
Geschichte überhaupt oder auf jene Epochen der Geschichte, wenn es keine
offene politische Aktion der Massen gibt, die ja durch keinerlei Putsch
ersetzt oder künstlich hervorgerufen werden kann. Die Revolutionäre der
Nachtrabpolitik verstehen nidit, daß zu einer Zeit, da der revolutionäre
Augenblick angebrochen ist, da der alte „überbau" in allen Fugen kracht,
da die offene politische Aktion der Klassen und Massen, die sich einen
neuen überbau schaffen, zur Tatsache geworden ist, da der Bürgerkrieg
begonnen hat — daß es dann Lebensfremdheit, Todesstarre, Räsoniererei
oder aber Verrat an der Revolution und Fahnenflucht ist, wenn man sich
wie in alter Zeit auf das „Wort" beschränkt, ohne die direkte Losung des
Übergangs zur „Tat" auszugeben, wenn man um die Tat herumredet
unter Hinweis auf „psychologische Voraussetzungen" und „Propaganda"
schlechthin. Die Frankfurter Schwätzer der demokratischen Bourgeoisie
sind das unvergeßliche historische Musterbeispiel eines solchen Verrats
oder eines solchen räsonierenden Stumpfsinns.
Wollt ihr eine Erläuterung dieses Unterschieds zwischen dem vulgären
Revolutionarismus und der Nachtrabpolitik der Revolutionäre an Hand
der Geschichte der sozialdemokratischen Bewegung in Rußland? Wir kön-
nen sie euch geben. Denkt an die Jahre 1901 bis 1902, die noch nicht lange
zurückliegen und uns doch schon wie graue Vergangenheit anmuten. De-
monstrationen hatten eingesetzt. Der vulgäre Revolutionarismus begann
vom „Sturm" zu schreien („Rabotscheje Delo"17), „blutrünstige Hug-
blätter" wurden herausgegeben (Berliner Herkunft, wenn mich das Ge-
dächtnis nicht trügt), und man attackierte die Idee einer gesamtrussischen
Agitation durch eine Zeitung als einen „Einfall von Literaten", der am
grünen Tisch ausgeheckt worden sei (Nadeshdin) 1S. Die Nachtrabpolitik
der Revolutionäre äußerte sich damals umgekehrt in der Predigt, daß der
„ökonomische Kampf das beste Mittel für die politische Agitation" sei.
Wie verhielt sich die revolutionäre Sozialdemokratie? Sie griff beide Strö-
mungen an. Sie verurteilte das terroristische Blendwerk und das Geschrei
vom Sturm, weil alle klar sahen oder sehen mußten, daß die offene Aktion
der Massen eine Sache der Zukunft war. Sie verurteilte die Nachtrab-
politik und stellte sogar direkt die Losung des allgemeinen bewaffneten
Volksaufstands auf, nicht im Sinne einer unmittelbaren Aufforderung
(eine Aufforderung zur „Rebellion" hätte Herr Struve zu jener Zeit bei
uns nicht gefunden), sondern im Sinne einer notwendigen Sdilußfolge-
5*
60
W. 3. Cenin
rung, im Sinne der „Propaganda" (an die sich Herr Struve erst jetzt er-
innerte — er kommt immer um einige Jahre zu spät, unser verehrter Herr
Struve), im Sinne der Schaffung eben jener „sozial-psychologischen Vor-
aussetzungen", über die jetzt die Vertreter der kopflos gewordenen, krä-
merhaften Bourgeoisie „mit finsterer Miene und zu Unrechter Zeit" ora-
keln. Damals wurden Propaganda und Agitation, Agitation und Propa-
ganda durch die objektive Lage wirklich in den Vordergrund gerückt.
Damals konnte als Eckstein der Arbeit zur Vorbereitung des Aufstands die
Forderung der Arbeit an einer gesamtrussischen politischen Zeitung er-
hoben werden (und wurde in „Was tun?" auch erhoben), deren wöchent-
liche Herausgabe als ein Ideal erschien. Damals waren die Losungen Mas-
senagitation anstatt unmittelbarer bewaffneter Aktionen und Schaffung
der sozial-psychologischen Voraussetzungen des Aufstands anstatt terro-
ristischen Blendwerks die einzig richtigen Losungen der revolutionären
Sozialdemokratie. Jetzt sind diese Losungen von den Ereignissen über-
holt, die Bewegung ist vorangeeilt, die Losungen sind zu Plunder gewor-
den, zu Trödelkram, der nur dazu taugt, die Heuchelei der Oswoboshden-
zen und die Nachtrabpolitik der Neuiskristen zu verdecken !
Oder irre ich mich vielleicht? Hat die Revolution vielleicht noch nicht
begonnen? Ist der Augenblick für das offene politische Auftreten der
Klassen noch nicht gekommen? Gibt es noch keinen Bürgerkrieg, und muß
die Kritik der Waffen jetzt noch nicht notwendig und unbedingt die Nach-
folgerin, Erbin, Testamentsvollstreckerin und Vollenderin der Waffe der
Kritik sein?
Blickt um euch, schaut aus dem Studierzimmer auf die Straße, um auf
diese Fragen zu antworten. Hat die Regierung mit der Massenerschießung
von friedlichen und unbewaffneten Bürgern etwa nicht selbst schon überall
den Bürgerkrieg begonnen? Treten etwa nicht bewaffnete Schwarzhun-
dertschaften als „Argument" der Selbstherrschaft auf? Hat die Bourgeoisie
— sogar die Bourgeoisie — etwa nicht die Notwendigkeit einer Bürger-
miliz erkannt? Redet etwa nicht derselbe Herr Struve, dieser ideal ge-
mäßigte und akkurate Herr Struve (leider redet er nur, um sich heraus-
zureden!) davon, daß der „offene Charakter der revolutionären Aktionen
(so weit sind wir heute!) gegenwärtig eine der wichtigsten Bedingungen
für den erzieherischen Einfluß auf die Volksmassen" sei?
Wer Augen hat zu sehen, der kann nicht daran zweifeln, wie heute von
Zwei C Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 61
den Anhängern der Revolution die Frage des bewaffneten Aufstands ge-
stellt werden muß. Und nun seht euch die drei Fragestellungen in jenen
Organen der freien Presse an, die einigermaßen imstande sind, die Mas-
sen zu beeinflussen.
Erste Fragestellung. Die Resolution des III. Parteitags der Sozialdemo-
kratischen Arbeiterpartei Rußlands.* Hier ist anerkannt und laut vernehm-
lich erklärt, daß die allgemein-demokratische revolutionäre Bewegung be-
reits zur Notwendigkeit des bewaffneten Aufstands geführt hat. Die
Organisierung des Proletariats für den Aufstand ist als eine der wesent-
* Hier der volle Wortlaut:
„In der Erwägung,
1. daß das Proletariat, das seiner Lage nach die fortgeschrittenste und ein-
zige konsequent-revolutionäre Klasse darstellt, eben dadurch berufen ist, die
Führung in der allgemein-demokratischen revolutionären Bewegung Rußlands
zu verwirklichen ;
2. daß diese Bewegung gegenwärtig bereits zur Notwendigkeit des bewaff-
neten Aufstands geführt hat;
3. daß sich das Proletariat unvermeidlich auf das tatkräftigste an diesem
Aufstand beteiligen und daß diese Beteiligung das Schicksal der Revolution in
Rußland entscheiden wird;
4. daß das Proletariat die Führung in dieser Revolution nur verwirklichen
kann, wenn es zu einer einheitlichen und selbständigen politischen Kraft unter
dem Banner der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zusammengeschlossen ist,
die seinen Kampf nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch leitet;
5. daß nur die Verwirklichung dieser Führung dem Proletariat die günstig-
sten Bedingungen für den Kampf um den Sozialismus gegen die besitzenden
Klassen des bürgerlich-demokratischen Rußlands sichern kann —
erkennt der III. Parteitag der SDAPR an, daß die Aufgabe, das Proletariat
zum unmittelbaren Kampf gegen die Selbstherrschaft auf dem Wege des be-
waffneten Aufstands zu organisieren, eine der wichtigsten und unaufschieb-
baren Aufgaben der Partei im gegenwärtigen revolutionären Zeitpunkt ist.
Der Parteitag beauftragt daher alle Parteiorganisationen:
a) dem Proletariat durch Propaganda und Agitation nicht nur die politische
Bedeutung, sondern auch die praktisch-organisatorische Seite des bevorstehen-
den bewaffneten Aufstands klarzumachen;.
b) bei dieser Propaganda und Agitation die Rolle der politischen Massen-
streiks zu erläutern, die bei Beginn und im Verlauf des Aufstands große Be-
deutung haben können,-
62
W. j. Lenin
lidien, hauptsächlichen und notwendigen Aufgaben der Partei auf die
Tagesordnung gesetzt. Es ist der Auftrag erteilt, die energischsten Maß-
nahmen zu treffen, damit das Proletariat bewaffnet und die Möglichkeit
einer unmittelbaren Leitung des Aufstands gesichert wird.
Zweite Fragestellung. Der prinzipielle Artikel des „Führers der russi-
schen Konstitutionalisten" (so wurde unlängst Herr Struve von einem so
einflußreichen Organ der europäischen Bourgeoisie wie der „Frankfurter
Zeitung" genannt) oder des Führers der russischen fortschrittlichen Bour-
geoisie im „Oswoboshdenije". Die Ansicht von der Unvermeidlichkeit des
Aufstands teilt er nicht. Konspiration und Rebellion sind spezifische Me-
thoden des unvernünftigen Revolutionarismus. Der Republikanismus ist
eine Methode der Betäubung. Der bewaffnete Aufstand ist eigentlich nur
eine technische Frage, während „das grundlegende, das notwendigste"
die Massenpropaganda und die Schaffung der sozial-psychologischen Vor-
aussetzungen ist.
Dritte Fragestellung. Die Resolution der neuiskristischen Konferenz.
Unsere Aufgabe ist es, den Aufstand vorzubereiten. Die Möglichkeit
eines planmäßigen Aufstands ist ausgeschlossen. Günstige Bedingungen
für den Aufstand werden durch die Desorganisation der Regierung, durch
unsere Agitation und unsere Organisation geschaffen. Erst dann „können
technische Kampfvorbereitungen mehr oder weniger ernste Bedeutung er-
langen".
Weiter nichts? Weiter nichts! Ob der Aufstand notwendig geworden
ist, das wissen die neuiskristischen Führer des Proletariats noch nicht. Ob
die Aufgabe, das Proletariat für den unmittelbaren Kampf zu organisieren,
unaufschiebbar ist, das ist ihnen noch nicht klar. Man braucht nidit zu den
energischsten Maßnahmen aufzurufen, es ist viel wichtiger (im Jahre 1905
und nicht im Jahre 1902), in allgemeinen Zügen zu erläutern, unter wel-
chen Bedingungen diese Maßnahmen eine „mehr oder weniger ernste"
Bedeutung erlangen „können" . . .
Seht ihr nun, Genossen Neuiskristen, wohin ihr durch eure Schwenkung
c) die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats sowie zur
Ausarbeitung eines Plans des bewaffneten Aufstands und der unmittelbaren
Leitung des Aufstands zu ergreifen und, soweit erforderlich, zu diesem Zweck
besondere Gruppen aus Parteifunktionären zu bilden." (Fußnote des Verfas-
sers zur Ausgabe von 1907. Die Red.)
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdhen Revolution 63
zum Martynowismus geraten seid? Begreift ihr, daß sich eure politische
Philosophie als ein Nachbeten der Oswoboshdenzen-Philosophie erwiesen
hat? daß ihr euch (gegen euren Willen und ohne euer Wissen) im Schlepp-
tau der monarchistischen Bourgeoisie befindet? Ist euch jetzt klar, daß ihr,
während ihr damit beschäftigt wart, die alte Leier zu wiederholen und
euch im Räsonieren zu vervollkommnen, den Umstand aus dem Auge ver-
loren habt, daß — um mit den unvergeßlichen Worten des unvergeßlichen
Artikels Peter Struves zu sprechen — „der offene Charakter der revolu-
tionären Aktionen gegenwärtig eine der wichtigsten Bedingungen für den
erzieherischen Einfluß auf die Volksmassen ist"?
9. WAS BEDEUTET ES, WÄHREND DER REVOLUTION
DIE PARTEI DER ÄUSSERSTEN OPPOSITION ZU SEIN?
Kehren wir zur Resolution über die provisorische Regierung zurück.
Wir haben gezeigt, daß die Taktik der Neuiskristen die Revolution nicht
vorwärts-, diese Möglichkeit wollten sie durch ihre Resolution gewähr-
leisten, sondern rückwärtstreibt. Wir haben gezeigt, daß gerade diese
Taktik der Sozialdemokratie im Kampf gegen die inkonsequente Bour-
geoisie die Hände bindet und sie nicht davor bewahrt, in der bürgerlichen
Demokratie aufzugehen. Es ist begreiflich, daß sich aus den falschen Prä-
missen der Resolution auch falsche Schlußfolgerungen ergeben: „Deshalb
darf sich die Sozialdemokratie nicht das Ziel setzen, durch Bildung einer
provisorischen Regierung die Macht zu ergreifen oder die Macht in einer
solchen zu teilen, sie muß vielmehr die Partei der äußersten revolutionären
Opposition bleiben." Sehen wir uns die erste Hälfte dieser Schlußfolge-
rung an, die sich auf die Zielsetzung bezieht. Stellen die Neuiskristen als
Ziel der sozialdemokratischen Tätigkeit den entscheidenden Sieg der Re-
volution über den Zarismus auf? Das tun sie. Sie verstehen nicht, die
Bedingungen des entscheidenden Sieges richtig zu formulieren, und formu-
lieren daher ähnlich wie das „Oswoboshdenije", aber sie stellen das er-
wähnte Ziel auf. Ferner: Verbinden sie die provisorische Regierung mit
dem Aufstand? Ja, sie verbinden sie direkt damit, indem sie sagen, daß
die provisorische Regierung „aus einem siegreichen Volksaufstand hervor-
geht". Setzen sie sich schließlich das Ziel, den Aufstand zu leiten? Ja, sie
64
W. % Lenin
drücken sich zwar ebenso wie Herr Struve davor, den Aufstand als not-
wendig und unaufschiebbar anzuerkennen, aber gleichzeitig sagen sie,
zum Unterschied von Herrn Struve, daß „die Sozialdemokratie bestrebt
ist, ihn (den Aufstand) unter ihren Einfluß und unter ihre Leitung zu
bringen und ihn im Interesse der Arbeiterklasse auszunutzen".
Wie bändig das herauskommt, nidit wahr? Wir setzen uns das Ziel,
den Aufstand sowohl der proletarischen als auch der nichtproletarischen
Massen unter unseren Einfluß, unsere Leitung zu bringen und ihn in un-
serem Interesse auszunutzen. Folglich setzen wir uns das Ziel, beim Auf-
stand sowohl das Proletariat als auch die revolutionäre Bourgeoisie und
das Kleinbürgertum (die „niditproletarischen Gruppen") zu leiten, d. h.
die Leitung des Aufstands zwisdien der Sozialdemokratie und der revo-
lutionären Bourgeoisie „zu teilen". Unser Ziel ist der Sieg des Aufstands,
der zur Errichtung einer („aus dem siegreichen Volksaufstand hervor-
gegangenen") provisorischen Regierung führen soll. Deshalb... deshalb
dürfen wir uns nicht das Ziel setzen, durch Bildung einer provisorischen
revolutionären Regierung die Macht zu ergreifen oder die Macht in einer
solchen zu teilen!!
Unsere Freunde können um keinen Preis auf einen Nenner kommen.
Sie schwanken zwisdien dem Standpunkt des Herrn Struve, der um den
Aufstand herumredet, und dem Standpunkt der revolutionären Sozial-
demokratie, die dazu auffordert, diese unaufschiebbare Aufgabe in An-
griff zu nehmen. Sie schwanken zwischen dem Anarchismus, der jede
Teilnahme an der provisorischen revolutionären Regierung als einen Ver-
rat am Proletariat prinzipiell verurteilt, und dem Marxismus, der eine
solche Teilnahme unter der Bedingung verlangt, daß die Sozialdemokratie
den führenden Einfluß auf den Aufstand hat.* Sie haben keinerlei selb-
ständige Position,- weder die Position des Herrn Struve, der mit dem
Zarismus handelseinig werden möchte und deshalb der Frage des Auf-
stands ausweichen, sich vor ihr drücken muß, noch die Position der An-
archisten, die jede Aktion „von oben" und jede Teilnahme an der bürger-
lichen Revolution verurteilen. Die Neuiskristen werfen den Pakt mit dem
Zarismus und den Sieg über den Zarismus in einen Topf. Sie wollen sich
an der bürgerlichen Revolution beteiligen. Sie gehen schon etwas weiter
* Siehe „Proletari" Nr. 3, „Ober die provisorische revolutionäre Regierung",
Zweiter Artikel. (Siehe Werke, 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 440—447, russ. Die Red.)
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 65
als Martynow in den „Zwei Diktaturen". Sie sind sogar damit einver-
standen, den Volksaufstand zu leiten, aber nur, um sofort nach dem Sieg
(oder vielleicht unmittelbar vor dem Sieg?) auf diese Leitung zu verzich-
ten, das heißt um die Jrüdhte des Sieges nicht zu nutzen, sondern sie voll
und ganz der Bourgeoisie zu überlassen. Das nennen sie „den Aufstand
im Interesse der Arbeiterklasse ausnutzen" . . .
Es erübrigt sich, bei dieser Konfusion länger zu verweilen. Nützlicher
ist es, die Quelle dieser Konfusion in jener Formulierung aufzuspüren, die
da lautet: „. . . die Partei der äußersten revolutionären Opposition bleiben".
Wir haben hier einen der bekannten Grundsätze der internationalen
revolutionären Sozialdemokratie vor uns. Einen durchaus richtigen Grund-
satz. Er wurde zum Gemeinplatz aller Gegner des Revisionismus oder
Opportunismus in den parlamentarischen Ländern. Er erhielt das Bürger-
recht als rechtmäßige und notwendige Zurückweisung des „parlamenta-
rischen Kretinismus", des Millerandismus, des Bernsteinianertums und des
italienischen Reformismus im Geiste Turatis. Unsere braven Neuiskristen
haben diesen guten Grundsatz auswendig gelernt und wenden ihn eifrig
dort an, wo er... völlig unangebracht ist. Kategorien des parlamentari-
schen Kampfes werden in Resolutionen aufgenommen, die für Verhält-
nisse geschrieben sind, unter denen es gar kein Parlament gibt. Der Begriff
der „Opposition", der Widerspiegelung und Ausdruck einer politischen
Situation ist, in der vom Aufstand niemand ernstlich spricht, wird ganz
sinnlos auf eine Situation übertragen, da der Aufstand begonnen hat und
alle Anhänger der Revolution über die Leitung des Aufstands nadhdenken
und sprechen. Der Wunsch, bei dem „zu bleiben", was vorher war, d. h.
bei der Aktion nur „von unten", wird mit Pauken und Trompeten gerade
dann verkündet, wenn die Revolution gezeigt hat, daß es notwendig ist,
im Falle eines siegreichen Aufstands von oben zu handeln.
Nein, unsere Neuiskristen haben entschieden Pech! Sogar dann, wenn
sie einen richtigen sozialdemokratischen Grundsatz formulieren, verstehen
sie es nicht, ihn richtig anzuwenden. Sie haben nicht überlegt, wie sich die
Begriffe und Ausdrücke des parlamentarischen Kampfes in der Epoche der
begonnenen Revolution, wenn es kein Parlament gibt, wenn der Bürger-
krieg Tatsache geworden ist und Aufstände ausbrechen, wandeln und in
ihr Gegenteil verkehren. Sie haben nickt überlegt, daß unter den Verhält-
nissen, von denen jetzt die Rede ist, Abänderungsanträge durch Straßen-
66
W. 3. Lenin
demonstrationen und Interpellationen durch Angriffsaktionen der bewaff-
neten Bürger eingebracht werden, daß die Opposition gegen die Regierung
durch den gewaltsamen Sturz der Regierung verwirklicht wird.
Wie der bekannte Held unseres Volksmärchens gute Ratschläge gerade
dann wiederholte, wenn sie nicht am Platze waren, so wiederholen auch
die Verehrer Martynows die Lehren des friedlichen Parlamentarismus ge-
rade dann, wenn sie selbst den Beginn direkter Kampfhandlungen fest-
stellen. Nichts ist drolliger, als wenn in einer Resolution, die mit dem
Hinweis auf den „entscheidenden Sieg der Revolution" und auf den
„Volksaufstand" beginnt, mit wichtiger Miene die Losung der „äußersten
Opposition" aufgestellt wird! überlegt doch, Herrschaften, was es be-
deutet, in der Epoche des Aufstands als „äußerste Opposition" aufzutre-
ten! Bedeutet das, die Regierung zu entlarven oder sie zu stürzen? Be-
deutet das, gegen die Regierung zu stimmen oder ihren Streitkräften im
offenen Kampf eine Niederlage beizubringen? Bedeutet das, der Regie-
rung die Auffüllung der Staatskasse zu verweigern, oder bedeutet das die
revolutionäre Beschlagnahme dieser Staatskasse, um sie für die Bedürf-
nisse des Aufstands, für die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern, für die
Einberufung der konstituierenden Versammlung zu verwenden? Begreift
ihr nicht endlich, Herrschaften, daß der Begriff „äußerste Opposition"
nur negative Handlungen zum Ausdruck bringt: entlarven, dagegen stim-
men, verweigern? Und warum? Weil dieser Begriff sich nur auf den par-
lamentarischen Kampf bezieht, und zwar in einer Epoche, in der niemand
den „entscheidenden Sieg" als unmittelbares Kampfziel aufstellt. Begreift
ihr nicht endlich, daß sich in dieser Hinsicht die Sache kardinal ändert,
sobald auf der ganzen Linie der entschlossene Ansturm des politisch unter-
drückten Volkes zum erbitterten Kampf um den Sieg beginnt?
Die Arbeiter fragen uns, ob man die unaufschiebbare Sache des Auf-
stands energisch in die Hand nehmen soll. Wie es zu bewerkstelligen ist,
daß der begonnene Aufstand siegreich endet. Wie der Sieg ausgenutzt wer-
den soll. Welches Programm dann verwirklicht werden kann und muß. Die
Neuiskristen, die den Marxismus vertiefen, antworten darauf: Die Partei
der äußersten revolutionären Opposition bleiben . . . Nun, hatten wir etwa
nicht recht, als wir diese Helden Virtuosen des Philistertums nannten?
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 67
10. DIE „REVOLUTIONÄREN KOMMUNEN"
UND DIE REVOLUTIONÄR-DEMOKRATISCHE DIKTATUR
DES PROLETARIATS UND DER BAUERNSCHAFT
Die Konferenz der Neuiskristjgp beharrte nicht auf dem anarchistischen
Standpunkt, zu dem sich die neue „Iskra" verstiegen hatte (nur „von
unten" anstatt „von unten und von oben"). Der Widersinn der Behaup-
tung, der Aufstand sei möglich, aber der Sieg sei unmöglich und die Teil-
nahme an einer provisorischen revolutionären Regierung unzulässig, sprang
zu sehr ins Auge. Die Resolution hat deshalb die von Martynow und Mar-
tow gegebene Lösung der Frage mit Vorbehalten und Einschränkungen
versehen. Betrachten wir uns einmal diese Vorbehalte, die im nächsten
Teil der Resolution dargelegt sind:
„Diese Taktik" („die Partei der äußersten revolutionären Opposition
bleiben") „schließt natürlich nicht im geringsten die Zweckmäßigkeit der
teilweisen, episodischen Machtergreifung und der Bildung revolutionärer
Kommunen in der einen oder anderen Stadt und in dem einen oder an-
deren Bezirk aus, wobei ausschließlich das Interesse maßgebend ist, die
Ausbreitung des Aufstands und die Desorganisierung der Regierung zu
fördern."
Ist dem so, so bedeutet das, daß im Prinzip die Aktion nicht nur von
unten, sondern auch von oben zulässig ist. Folglich wird der im bekannten
Feuilleton L. Martows in der „Iskra" (Nr. 93) aufgestellte Grundsatz ver-
worfen und die Taktik der Zeitung „Wperjod": nicht nur „von unten",
sondern auch „von oben", als richtig anerkannt.
Ferner setzt die Machtergreifung (wenn auch eine teilweise, episodische
usw.) offensichtlich die Teilnahme nicht allein der Sozialdemokratie und
nicht allein des Proletariats voraus. Das folgt daraus, daß an einer demo-
kratischen Revolution nicht allein das Proletariat interessiert und aktiv
beteiligt ist. Das folgt daraus, daß der Aufstand, wie es einleitend in der
von uns behandelten Resolution heißt, ein „Volksaufstand" ist, daß an
ihm auch „nichtproletarische Gruppen" (der Ausdruck stammt aus der
Resolution der Konferenzler über den Aufstand) teilnehmen, d. h. auch
die Bourgeoisie. Also ist das Prinzip, daß jede Teilnahme der Sozialisten
zusammen mit dem Kleinbürgertum an einer provisorischen revolutionä-
ren Regierung ein Verrat an der Arbeiterklasse sei, von der Konferenz
68
TV. J. Lenin
über Bord geworfen worden, wie das der „Wperjod" gefordert hat. Ein
„Verrat" hört nicht auf, ein Verrat zu sein, weil sein Tatbestand ein teil-
weiser, episodischer, regionaler usw. ist. Also ist die Gleichsetzung der
Teilnahme an einer provisorischen revolutionären Regierung mit einem
vulgären Jauresismus von der Konferenz über Bord geworfen worden,
wie das der „Wperjod" gefordert hat.1^ Eine Regierung hört nicht auf,
eine Regierung zu sein, weil sich ihre Macht nicht auf viele Städte erstreckt,
sondern nur auf eine Stadt, nicht auf viele Bezirke, sondern nur auf einen
Bezirk, und auch nicht, weil diese Regierung so oder anders genannt wird.
Somit ist also die prinzipielle Fragestellung, welche die neue „Iskra" zu
geben versucht hat, von der Konferenz fallengelassen worden.
Betrachten wir, ob die von der Konferenz gemachten Einschränkungen
für die nunmehr prinzipiell zugelassene Bildung revolutionärer Regierun-
gen und für die Teilnahme an ihnen vernünftig sind. Wodurch sich der
Begriff „episodisch" vom Begriff „provisorisch" unterscheidet, wissen wir
nicht. Wir befürchten, daß hier lediglich die mangelnde Klarheit des Ge-
dankens mit einem „neuen" Fremdwort verdeckt wird. Das scheint „tie-
fer" zu sein, ist aber in Wirklichkeit nur dunkler und verworrener. Wo-
durch unterscheidet sich „die Zweckmäßigkeit" der teilweisen „Macht-
ergreifung" in einer Stadt oder in einem Bezirk von der Teilnahme an
einer provisorischen revolutionären Regierung des ganzen Staates? Zählt
denn zu den „Städten" nidit eine solche Stadt wie Petersburg, wo sich
der 9. Januar abgespielt hat? Gehört denn zu den Bezirken nicht auch der
Kaukasus, der größer ist als viele Staaten? Erwachsen uns denn die Auf-
gaben (die der neuen „Iskra" einst Kopfschmerzen verursacht haben),
sich mit den Gefängnissen, der Polizei, den Finanzämtern usw. usf. zu
befassen, nicht auch bei der „Machtergreifung" in einer Stadt, gesdiweige
denn in einem Bezirk? Niemand wird natürlich bestreiten, daß bei un-
zulänglichen Kräften, wenn der Aufstand zu keinem vollen Erfolg, zu
keinem entscheidenden Sieg führt, teilweise provisorische revolutionäre
Regierungen in einzelnen Städten und anderwärts möglidi sind. Aber ge-
hört denn das hierher, meine Herren? Sprecht ihr nicht selbst am Anfang
der Resolution vom „entscheidenden Sieg der Revolution", vom „sieg-
reichen Volksaufstand"?? Seit wann besorgen die Sozialdemokraten die
Geschäfte der Anarchisten: die Aufmerksamkeit und die Ziele des Prole-
tariats zu zersplittern? es auf das „Teilweise" und nidit auf. das All-
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdben Revolution 69
gemeine, Einheitliche, Umfassende und Vollständige hinzulenken? Indem
ihr die „Machtergreifung" in einer Stadt voraussetzt, sprecht ihr selbst
von der „Ausdehnung des Aufstands" auf eine andere Stadt — dürfen
wir wohl annehmen? auf alle Städte, hoffentlich? Eure Schlußfolgerun-
gen, meine Herren, sind ebenso brüchig und zufällig, widerspruchsvoll
und verworren wie eure Prämissen. Der dritte Parteitag der SDAPR hat
eine klare und erschöpfende Antwort gegeben auf die Frage der provi-
sorischen revolutionären Regierung überhaupt. Diese Antwort umfaßt
auch alle teilweisen provisorischen Regierungen. Die Antwort der Kon-
ferenz dagegen greift künstlich und willkürlich einen 7 eil der Frage her-
aus, wodurch sie (allerdings erfolglos) der Frage als Ganzes ausweidht
und Konfusion erzeugt.
Was heißt „revolutionäre Kommunen"? Unterscheidet sich dieser Be-
griff von dem der „provisorischen revolutionären Regierung" ? und wenn
ja, worin? Das wissen die Herren Konferenzler selber nicht. Die Ver-
worrenheit des revolutionären Denkens führt bei ihnen, wie das durchweg
der Fall zu sein pflegt, zur revolutionären Phrase. Jawohl, das Wort „revo-
lutionäre Kommune", gebraucht in einer Resolution von Vertretern der
Sozialdemokratie, ist eine revolutionäre Phrase und weiter nichts. Marx
hat derartige Phrasen wiederholt verurteilt, wenn durch den „bestricken-
den" Ausdruck aus einer überlebten "Vergangenheit die Aufgaben der Zu-
kunft verdeckt werden. Das Bestrickende des Ausdrucks, der seine Rolle
in der Geschichte ausgespielt hat, verwandelt sich in solchen Fällen in un-
nützes und schädliches Flitterwerk, in Wortgeklingel. Wir müssen den
Arbeitern und dem ganzen Volk eine klare und eindeutige Vorstellung
davon geben, wozu wir eine provisorische revolutionäre Regierung bilden
wollen, weldbe konkreten "Umgestaltungen wir verwirklichen werden,
wenn wir beim siegreichen Ausgang des bereits begonnenen Volksauf-
stands schon morgen einen entscheidenden Einfluß auf die Staatsmacht
ausüben. Das sind die Fragen, vor denen die politischen Führer stehen.
Der III. Parteitag der SDAPR antwortet auf diese Fragen mit voller
Klarheit, indem er das ganze Programm dieser Umgestaltungen vorlegt:
das Minimalprogramm unserer Partei. Das Wort „Kommune" aber gibt
gar keine Antwort, es verwirrt nur die Köpfe mit irgendeinem fernen
Klang . . . oder mit leerem Geklingel. Je teurer uns, sagen wir, die Pariser
Kommune von 1871 ist, um so weniger dürfen wir uns auf sie berufen,
70
'W. 1 Lenin
ohne ihre Fehler und ihre besonderen Bedingungen zu analysieren. Das
tun hieße das abgeschmackte Beispiel der von Engels verspotteten Blan-
quisten nachahmen, die sich (1874 in ihrem „Manifest") vor jedem Akt
der Kommune in Ehrfurcht verneigten.20 Was wird der Konferenzler dem
Arbeiter sagen, wenn dieser ihn nach jener „revolutionären Kommune"
fragt, die in der Resolution erwähnt ist? Er wird nur das eine sagen kön-
nen, daß in der Geschichte unter diesem Namen eine Arbeiterregierung
bekannt ist, die damals nicht verstand und nicht vermochte, die Elemente
der demokratischen und der sozialistischen Umwälzung auseinanderzu-
halten, die die Aufgaben des Kampfes für die Republik und die Aufgaben
des Kampfes für den Sozialismus verwechselte, die nicht imstande war,
die Aufgaben einer energischen militärischen Offensive gegen Versailles
zu lösen, die den Fehler beging, sich nicht der Bank von Frankreich zu
bemächtigen usw. Kurzum — ob ihr euch auf die Pariser oder auf irgend-
eine andere Kommune beruft — eure Antwort wird sein: Das war eine
solche Regierung, wie es unsere nidht sein darf. Eine schöne Antwort, das
muß man sagen! Zeugt das nicht von Räsoniererei eines Buchstaben-
gelehrten, von Hilflosigkeit eines Revolutionärs, wenn man das praktische
Programm der Partei mit Schweigen übergeht und in der Resolution ganz
unangebrachten Geschichtsunterricht zu erteilen beginnt? Zeigt sich darin
nicht gerade der Fehler, dessen man uns vergeblich zu überführen suchte:
die Verwechslung der demokratischen und der sozialistischen Umwäl-
zung, die von keiner einzigen „Kommune" auseinandergehalten worden
sind?
Als Ziel der provisorischen Regierung (die man so unpassend als Kom-
mune bezeichnet) wird „ausschließlich" die Ausbreitung des Aufstands
und die Desorganisierung der Regierung aufgestellt. Das Wort „aus-
schließlich", buchstäblich verstanden, schaltet alle anderen Aufgaben aus
und ist ein Nachklang der unsinnigen Theorie des „nur von unten". Ein
solches Ausschalten der anderen Aufgaben ist wiederum nichts als Kurz-
sichtigkeit und Unüberlegtheit. Die „revolutionäre Kommune", d. h. die
revolutionäre Staatsmacht, wenn auch nur in einer Stadt, wird unvermeid-
lich (wenn auch nur provisorisch, „teilweise, episodisch") alle Staatsfunk-
tionen ausüben müssen, und es wäre der Gipfel der Unvernunft, hier den
Kopf in den Sand zu stecken. Diese Staatsmacht wird sowohl den Acht-
stundentag zum Gesetz erheben und die Arbeiterinspektion in den Fabri-
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 71
ken einrichten als auch die unentgeltliche allgemeine Schulbildung und die
Wählbarkeit der Richter einführen, Bauemkomitees gründen müssen
usw. — kurzum, sie wird unbedingt eine Reihe von Reformen durchfüh-
ren müssen. Diese Reformen unter den Begriff „die Ausbreitung des Auf-
stands fördern" einordnen zu wollen hieße mit Worten spielen und ab-
sichtlich die Unklarheit dort vergrößern, wo volle Klarheit notwendig ist.
Der Schlußteil der neuiskristischen Resolution liefert kein neues Mate-
rial für die Kritik an den prinzipiellen Tendenzen des in unserer Partei
wiederauferstandenen „Ökonomismus", aber er illustriert das oben Ge-
sagte von einer etwas anderen Seite.
Hier ist dieser Teil:
„Nur in einem Fall müßte die Sozialdemokratie aus eigener Initiative
ihre Anstrengungen darauf richten, die Macht zu ergreifen und sie mög-
lichst lange zu behaupten, nämlich wenn die Revolution auf die fortge-
schrittenen Länder Westeuropas Übergriffe, wo die Bedingungen für die
Verwirklichung des Sozialismus schon eine gewisse (?) Reife erreicht
haben. In diesem Falle können sich die beschränkten historischen Grenzen
der russischen Revolution beträchtlich ausweiten, und es wird die Mög-
lichkeit entstehen, den Weg sozialistischer Umgestaltungen zu beschreiten.
Indem die Sozialdemokratie ihre Taktik auf der Absicht aufbaut, der
sozialdemokratischen Partei während der ganzen revolutionären Periode
die Stellung der äußersten revolutionären Opposition gegenüber allen Re-
gierungen, die sich im Laufe der Revolution ablösen, zu bewahren, kann
sie sich auch am besten darauf vorbereiten, die Regierungsmacht auszu-
nutzen, wenn sie ihr zufallen (??) sollte."
Der Grundgedanke ist hier derselbe, den der „Wperjod" mehrfach for-
muliert hat, als er davon sprach, daß wir einen vollen Sieg der Sozialdemo-
kratie in der demokratischen Revolution, d. h. die revolutionäre demo-
kratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft nicht fürchten
dürften (wie Martynow es tut), denn ein solcher Sieg werde uns die Mög-
lichkeit geben, Europa zur Erhebung zu bringen, und das sozialistische
Proletariat Europas werde uns, nachdem es das Joch der Bourgeoisie ab-
geschüttelt habe, seinerseits helfen, die sozialistische Umwälzung zu voll-
bringen. Man sehe sich jedoch an, wie dieser Gedanke in der Fassung der
Neuiskristen verpfuscht worden ist. Wir wollen nicht auf Einzelheiten ein-
72
'W. 7. Centn
gehen wie auf den Unsinn, daß einer zielbewußten Partei, die die Taktik
der Machtergreifung für schädlich hält, die Macht „zufallen" könne; oder
darauf, daß in Europa die Bedingungen für den Sozialismus nicht eine
gewisse Reife erreicht haben, sondern überhaupt reif dafür sind; oder dar-
auf, daß unser Parteiprogramm keine sozialistischen Umgestaltungen, son-
dern nur die sozialistische Umwälzung kennt. Nehmen wir den hauptsäch-
lichen und grundlegenden Unterschied zwischen dem Gedankengang des
„Wperjod" und der Resolution. Der „Wperjod" zeigte dem revolutio-
nären Proletariat Rußlands eine aktive Aufgabe: im Kampf für die Demo-
kratie siegen und diesen Sieg ausnutzen, um die Revolution nach Europa
hinüberzutragen. Die Resolution versteht nicht diesen Zusammenhang
zwischen unserem „entscheidenden Sieg" (nicht im neuiskristischen Sinne)
und der Revolution in Europa und spricht deshalb nicht von den Aufgaben
des Proletariats, nicht von den Perspektiven seines Sieges, sondern von
einer der Möglichkeiten schlechthin: „wenn die Revolution Übergriffe" . . .
Der „Wperjod" zeigte klipp und klar — und diese Hinweise sind in die
Resolution des III. Parteitags der SDAPR eingegangen — , wie eben im
Interesse des Proletariats „die Regierungsmacht ausgenutzt" werden kann
und muß, unter Berücksichtigung dessen, was auf der gegebenen Stufe
der gesellschaftlichen Entwicklung sofort verwirklicht werden kann und
was zuerst, als demokratische Voraussetzung des Kampfes für den Sozia-
lismus, verwirklicht werden muß. Die Resolution hinkt auch hier hoff-
nungslos nach, wenn sie sagt: „...kann sich darauf vorbereiten, die Re-
gierungsmacht auszunutzen", aber nicht zu sagen vermag, wie man das
kann, wie man sich vorbereiten und wie man die Regierungsmacht aus-
nutzen soll. Wir zweifeln zum Beispiel nicht daran, daß die Neuiskristen
„sich darauf vorbereiten können", die führende Stellung in der Partei
„auszunutzen", der Haken ist aber der, daß ihre Erfahrung bei dieser
Ausnutzung und ihre Vorbereitung bis jetzt nicht zu der Hoffnung be-
rechtigen, daß sie die Möglichkeit zur Wirklichkeit machen . . .
Der „Wperjod" sagte genau, worin gerade die reale „Möglichkeit" be-
steht, „die Macht zu behaupten": in der revolutionären demokratischen
Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, in ihrer gemeinsamen
Massenkraft, die imstande ist, über alle Kräfte der Konterrevolution das
Übergewicht zu erlangen, und in der unvermeidlichen Übereinstimmung
ihrer Interessen, was die demokratischen Umgestaltungen anbelangt. Die
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 73
Konferenzresolution bietet auch hier nichts Positives, sie redet bloß um
die Frage herum. Die Möglichkeit, in Rußland die Macht zu behaupten,
muß doch abhängig gemacht werden von der Zusammensetzung der sozia-
len Kräfte in Rußland selbst, von den Bedingungen der demokratischen
Umwälzung, die jetzt bei uns vor sich geht. Der Sieg des Proletariats in
Europa (zwischen dem Hinübertragen der Revolution nach Europa und
dem Sieg des Proletariats liegt aber noch eine gewisse Wegstrecke) wird
doch einen verzweifelten konterrevolutionären Kampf der russischen Bour-
geoisie hervorrufen. Die Resolution der Neuiskristen sagt kein Wort über
diese konterrevolutionäre Kraft, deren Bedeutung in der Resolution des
III. Parteitags der SDAPR bewertet wird. Könnten wir uns im Kampfe
für die Republik und die Demokratie außer auf das Proletariat nicht auch
auf die Bauernschaft stützen, so wäre die „Behauptung der Macht" eine
aussichtslose Sache. Ist sie aber nicht aussichtslos, eröffnet der „entschei-
dende Sieg der Revolution über den Zarismus" eine solche Möglichkeit,
so müssen wir darauf hinweisen, aktiv dazu aufrufen, die Möglichkeit zur
Wirklichkeit zu machen, praktische Losungen geben nicht nur für den
Jall , daß die Revolution nach Europa hinübergetragen wird, sondern auch
zu dem Zweck, sie hinüberzutragen. Bei den Nachtrabpolitikern der So-
zialdemokratie bemäntelt die Berufung auf den „beschränkten historischen
Rahmen der russischen Revolution" nur das beschränkte Verständnis für
die Aufgaben dieser demokratischen Revolution und für die führende
Rolle des Proletariats in dieser Revolution!
Einer der Einwände gegen die Losung „revolutionär-demokratische
Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" besteht darin, daß die
Diktatur einen „einheitlichen Willen" voraussetze („Iskra" Nr. 95), das
Proletariat und das Kleinbürgertum aber keinen einheitlichen Willen
haben könnten. Dieser Einwand ist nicht stichhaltig, denn er fußt auf einer
abstrakten, „metaphysischen" Auslegung des Begriffs „einheitlicher Wille".
Der Wille kann ja in einer Beziehung einheitlich, in einer anderen nicht
einheitlich sein. Daß der Wille in den Fragen des Sozialismus und im
Kampf für den Sozialismus nicht einheitlich ist, schließt nicht aus, daß er
in den Fragen des Demokratismus und im Kampf für die Republik ein-
heitlich ist. Das vergessen hieße den logischen und historischen Unter-
schied zwischen der demokratischen und der sozialistischen Umwälzung
vergessen. Das vergessen hieße vergessen, daß die demokratische Umwäl-
6 Lenin, Werke, Bd. 9
74
IV. J. Centn
zung ihrem Charakter nach das ganze Volk umfaßt: Wenn sie aber das
„ganze Volk" umfaßt, so gibt es also einen „einheitlichen Willen", und
zwar insofern, als diese Umwälzung die Bedürfnisse und Erfordernisse
des ganzen Volkes befriedigt. Uber den Rahmen des Demokratismus hin-
aus kann von einem einheitlichen Willen des Proletariats und der bäuer-
lichen Bourgeoisie keine Rede sein. Der Klassenkampf zwischen ihnen ist
unvermeidlich, aber auf dem Boden der demokratischen Republik wird
dieser Kampf eben der tiefgehendste und umfassendste Volkskampf für
den Sozialismus sein. Die revolutionär-demokratische Diktatur des Pro-
letariats und der Bauernschaft hat, wie alles auf der Welt, eine Vergangen-
heit und eine Zukunft. Ihre Vergangenheit sind die Selbstherrschaft, die
Leibeigenschaft, die Monarchie, die Privilegien. Im Kampf gegen diese
Vergangenheit, im Kampf gegen die Konterrevolution kann es einen „ein-
heitlichen Willen" des Proletariats und der Bauernschaft geben, weil ein-
heitliche Interessen vorhanden sind.
Ihre Zukunft ist der Kampf gegen das Privateigentum, der Kampf des
Lohnarbeiters gegen den Unternehmer, der Kampf für den Sozialismus.
Hier ist ein einheitlicher Wille unmöglich.* Hier liegt vor uns nicht der
Weg von der Selbstherrschaft zur Republik, sondern der Weg von der
kleinbürgerlichen demokratischen Republik zum Sozialismus.
In der konkreten historischen Situation verflechten sich freilich die Ele-
mente der Vergangenheit und der Zukunft, der eine Weg geht in den
anderen über. Die Lohnarbeit und ihren Kampf gegen das Privateigentum
gibt es auch unter der Selbstherrschaft, sie entsteht in ihrer Keimform so-
gar unter der Leibeigenschaft. Das hindert uns jedoch keineswegs, die
großen Entwicklungsperioden logisch und historisch voneinander zu schei-
den. Wir alle stellen ja die bürgerliche Revolution der sozialistischen gegen-
über, wir alle bestehen unbedingt auf der Notwendigkeit, strengstens zwi-
schen ihnen zu unterscheiden, aber kann man denn leugnen, daß sich in der
Geschichte einzelne Teilelemente der einen und der anderen Umwälzung
miteinander verflechten? Kennt denn die Epoche der demokratischen Re-
volutionen in Europa nicht eine Reihe sozialistischer Bewegungen und
* Die Entwicklung des Kapitalismus, die unter freiheitlichen Verhältnissen
noch umfassender und schneller vor sich geht, wird dem einheitlichen Willen
unvermeidlich ein rasches Ende setzen, ein um so rascheres, je rascher die Kon-
terrevolution und Reaktion zerschlagen wird.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 75
sozialistischer Versuche? Und ist denn der künftigen sozialistischen Revo-
lution in Europa nicht noch vieles, sehr vieles im Sinne des Demokratismus
nachzuholen geblieben?
Ein Sozialdemokrat darf den unvermeidlichen Klassenkampf des Prole-
tariats für den Sozialismus gegen die Bourgeoisie und die Kleinbourgeoisie,
mögen sie noch so demokratisch und republikanisch sein, nie und nimmer
vergessen. Das steht außer allem Zweifel. Daraus folgt, daß eine beson-
dere, selbständige, streng auf dem Klassenprinzip aufgebaute Partei der
Sozialdemokratie unbedingt notwendig ist. Daraus folgt, daß unser „ver-
eint schlagen" mit der Bourgeoisie zeitweiligen Charakter trägt, daß wir
die Pflicht haben, „auf den Verbündeten wie auf den Feind" scharf aufzu-
passen usw. Das alles unterliegt ebenfalls nicht dem geringsten Zweifel.
Aber es wäre lächerlich und reaktionär, daraus zu folgern, daß man die
zwar vorübergehenden und zeitweiligen, aber in der Gegenwart aktuellen
Aufgaben vergessen, ignorieren oder vernachlässigen dürfte. Der Kampf
gegen die Selbstherrschaft ist eine zeitweilige und vorübergehende Auf-
gabe der Sozialisten, doch jedes Ignorieren oder Vernachlässigen dieser
Aufgabe bedeutet nichts anderes, als den Sozialismus zu verraten und der
Reaktion einen Dienst zu erweisen. Die revolutionär-demokratische Dikta-
tur des Proletariats und der Bauernschaft ist zweifellos nur eine vorüber-
gehende, zeitweilige Aufgabe der Sozialisten, aber es ist geradezu reaktio-
när, diese Aufgabe in der Epoche der demokratischen Revolution zu igno-
rieren.
Konkrete polirische Aufgaben muß man in einer konkreten Situation
stellen. Alles ist relativ, alles fließt, alles ändert sich. Die deutsche Sozial-
demokratie stellt in ihrem Programm nicht die Forderung der Republik
auf. Dort ist die Situation so, daß diese Frage praktisch kaum von der
Frage des Sozialismus zu trennen ist (obwohl Engels in den Bemerkungen
zum Entwurf des Erfurter Programms 1891 auch hinsichtlich Deutschlands
davor gewarnt hat, die Bedeutung der Republik und des Kampfes für die
Republik zu unterschätzen !21). In der russischen Sozialdemokratie tauchte
nicht einmal die Frage auf, ob man die Forderung der Republik aus dem
Programm und aus der Agitation streichen solle, denn bei uns kann von
einem untrennbaren Zusammenhang zwischen den Fragen der Republik
und des Sozialismus gar keine Rede sein. Der deutsche Sozialdemokrat
von 1898, der nicht speziell die Frage der Republik in den Vordergrund
76
W. J. Lenin
rückt, ist eine natürliche Erscheinung, die weder Verwunderung noch Ver-
urteilung hervorruft. Der deutsche Sozialdemokrat, der 1848 die Frage
der Republik im unklaren gelassen hätte, wäre ein direkter Verräter an
der Revolution gewesen. Es gibt keine abstrakte Wahrheit. Die Wahrheit
ist immer konkret.
Die Zeit wird kommen, da der Kampf gegen die russische Selbstherr-
schaft zu Ende und die Epoche der demokratischen Revolution für Ruß-
land vorbei sein wird; dann wird es lächerlich anmuten, vom „einheit-
lichen Willen" des Proletariats und der Bauernschaft, von der demokrati-
schen Diktatur usw. auch nur zu sprechen. Dann werden wir unmittelbar
an die sozialistische Diktatur des Proletariats denken und eingehender
darüber sprechen. Heute aber muß die Partei der fortgeschrittensten
Klasse den entscheidenden Sieg der demokratischen Revolution über den
Zarismus auf das tatkräftigste anstreben. Und der entscheidende Sieg ist
eben nichts anderes als die revolutionär-demokratische Diktatur des Pro-
letariats und der Bauernschaft.
Anmerkung 22
1. Wir erinnern den Leser daran, daß in der Polemik zwischen der
„Iskra" und dem „Wperjod" erstere sich unter anderem auf einen Brief
von Engels an Turati berief, in dem Engels den (späteren) Führer der italie-
nischen Reformisten davor warnte, die demokratische Revolution mit der
sozialistischen zu verwechseln.23 Die bevorstehende Revolution in Italien,
schrieb Engels zur politischen Lage in Italien 1894, wird eine kleinbürger-
liche, demokratische, und nicht eine sozialistische sein. Die „Iskra" machte
dem „Wperjod" den Vorwurf, er weiche von dem Prinzip ab, das Engels
aufgestellt habe. Dieser Vorwurf war unberechtigt, denn der „Wperjod"
(Nr. 14)* erkannte die Richtigkeit der Marxschen Theorie vom Unter-
schied der drei Hauptkräfte in den Revolutionen des 19. Jahrhunderts im
großen und ganzen durchaus an. Nach dieser Theorie treten der alten Ge-
sellschaftsordnung, der Selbstherrschaft, dem Feudalismus, der Leibeigen-
schaft, entgegen: 1. die liberale Großbourgeoisie; 2. das radikale Klein-
bürgertum; 3. das Proletariat. Die erste kämpft lediglich für die konstitu-
tionelle Monarchie, das zweite für die demokratische Republik, das dritte
für die sozialistische Umwälzung. Die Verwechslung des kleinbürgerlichen
* Siehe Werke, 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 247—263, ross. Die Red.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisiert Revolution 77
Kampfes für die vollständige demokratische Umwälzung mit dem proleta-
rischen Kampf für die sozialistische Revolution droht dem Sozialisten mit
politischem Bankrott. Diese Warnung von Marx ist durchaus richtig. Aber
gerade aus diesem Grunde ist eben die Losung der „revolutionären Kom-
munen" falsch, denn die in der Geschichte bekannten Kommunen haben
ja gerade die demokratische Umwälzung mit der sozialistischen verwech-
selt. Unsere Losung: revolutionäre demokratische Diktatur des Proleta-
riats und der Bauernschaft hingegen bietet die volle Garantie, daß dieser
Fehler vermieden wird. Denn unsere Losung erkennt vorbehaltlos den
bürgerlichen Charakter der Revolution an, die unfähig ist, über den Rah-
men einer nur demokratischen Umwälzung unmittelbar hinauszugehen,
treibt aber zugleich diese Umwälzung vorwärts, ist bestrebt, dieser Um-
wälzung die für das Proletariat vorteilhaftesten Formen zu geben, und ist
folglich bestrebt, die demokratische Umwälzung für die Zwecke des weite-
ren erfolgreichen Kampfes des Proletariats für den Sozialismus in denk-
bar bester Weise auszunutzen.
II. FLUCHTIGER VERGLEICH EINIGER RESOLUTIONEN
DES III. PARTEITAGS DER SDAPR UND DER „KONFERENZ"
Die Frage der provisorischen revolutionären Regierung bildet für die
Sozialdemokratie gegenwärtig den Schwerpunkt der taktischen Fragen.
Auf die übrigen Resolutionen der Konferenz ebenso ausführlich einzu-
gehen ist weder möglich noch nötig. Wir werden uns nur mit einem kurzen
Hinweis auf einige Punkte begnügen, die den von uns oben analysierten
prinzipiellen Unterschied der taktischen Linie zwischen den Resolutionen
des III. Parteitags der SDAPR und den Resolutionen der Konferenz be-
stätigen.
Nehmen wir die Frage der Stellung zur Taktik der Regierung am Vor-
abend der Umwälzung. Wiederum wird man in der Resolution des
III. Parteitags der SDAPR eine vollständige Antwort finden. Diese Reso-
lution berücksichtigt all die mannigfachen Bedingungen und Aufgaben des
besonderen Augenblicks: sowohl die Entlarvung der heuchlerischen Zu-
geständnisse der Regierung als auch die Ausnutzung der „karikaturisti-
schen Formen einer Volksvertretung", sowohl die revolutionäre Verwirk-
78
'W. 1 Cenin
lichung der dringenden Forderungen der Arbeiterklasse (vor allem des
Achtstundentags) als schließlich auch die Abwehr der Schwarzhundert-
schaften. In den Konferenzresolutionen ist die Frage in verschiedenen Ab-
schnitten verstreut: Die „Abwehr der finsteren Kräfte der Reaktion" ist
nur in den Motivierungen der Resolution über die Stellung zu den anderen
Parteien erwähnt. Die Beteiligung an den Wahlen zu den Vertretungs-
körperschaften wird getrennt von den „Kompromissen" des Zarismus mit
der Bourgeoisie behandelt. Anstatt der Aufforderung, den Achtstundentag
auf revolutionärem Wege zu verwirklichen, wird in einer besonderen Re-
solution mit dem pompösen Titel „über den ökonomischen Kampf" (nach
den tönenden und sehr törichten Worten von dem „zentralen Platz, den
die Arbeiterfrage im öffentlichen Leben Rußlands eingenommen hat") nur
die alte Losung von der Agitation für die „gesetzliche Festlegung des Acht-
stundentags" wiederholt. Daß diese Losung im gegenwärtigen Augenblick
ungenügend und zurückgeblieben ist, ist viel zu klar, als daß es eines wei-
teren Beweises bedürfte.
Nun zur Frage des offenen politischen Auftretens. Der III. Parteitag
zieht die bevorstehende grundlegende Änderung unserer Tätigkeit in Be-
tracht. Die konspirative Tätigkeit und der Ausbau des konspirativen
Apparats dürfen in keiner Weise vernachlässigt werden; das käme der
Polizei sehr gelegen und wäre für die Regierung äußerst vorteilhaft. Man
muß aber schon jetzt auch an das offene Auftreten denken. Man muß un-
verzüglich zweckmäßige Formen eines solchen Auftretens und folglich
einen besonderen, weniger konspirativen Apparat für diesen Zweck vor-
bereiten. Man muß die legalen und halblegalen Verbände ausnutzen, um
sie nach Möglichkeit in Stützpunkte für die künftige legale Sozialdemo-
kratische Arbeiterpartei in Rußland zu verwandeln.
Die Konferenz zerstückelt auch diese Frage, ohne irgendwelche voll-
ständigen Losungen zu geben. Besonders fällt der lächerliche Auftrag an
die Organisationskommission auf, für die „Unterbringung" der legalen
Literaten zu sorgen. Ganz absurd ist der Beschluß, daß wir „jene demokra-
tischen Zeitungen unter unseren Einfluß bringen müssen, die sich das Ziel
setzen, die Arbeiterbewegung zu fördern". Dieses Ziel setzen sich alle
unsere legalen liberalen Zeitungen, die ja fast durchweg der Richtung des
„Oswoboshdenije" angehören. Warum sollte die „Iskra"-Redaktion nicht
selbst damit beginnen, ihren Rat in die Tat umzusetzen, und uns ein Bei-
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 79
spiel geben, wie man das „Oswoboshdenije" unter sozialdemokratischen
Einfluß bringt? Anstatt der Losung, die legalen Verbände zur Schaffung
von Stützpunkten für die Partei auszunutzen, gibt man uns erstens einen
Rat, der nur eine Teilfrage, nämlich die „Gewerkschafts"verbände betrifft
(obligatorische Mitgliedschaft für Parteimitglieder), und zweitens den Rat,
die „revolutionären Organisationen der Arbeiter" = „losen Organisatio-
nen" = „revolutionären Arbeiterklubs" zu leiten. Wie die „Klubs" unter
die losen Organisationen geraten sind, was das für „Klubs" sind, das weiß
Allah allein. Anstatt präziser, klarer Direktiven der höchsten Parteikörper-
schaft sehen wir hingeworfene Gedankensplitter und flüchtige Notizen von
Literaten. Ein vollständiges Bild davon, wie die Partei beginnen soll, ihre
gesamte Arbeit auf eine völlig neue Basis umzustellen, erhält man nicht.
Die „Bauernfrage" ist vom Parteitag und von der Konferenz ganz ver-
schieden gestellt worden. Der Parteitag hat eine Resolution über „die Stel-
lung zur Bauernbewegung", die Konferenz eine Resolution über „die Ar-
beit unter den Bauern" ausgearbeitet. In dem einen Fall werden die Auf-
gaben der Leitung der ganzen breiten revolutionär-demokratischen Be-
wegung im gesamtnationalen Interesse des Kampfes gegen den Zarismus
in den Vordergrund gerückt. In dem anderen Fall reduziert sich das Ganze
auf die „Arbeit" unter einer besonderen Schicht. In dem einen Fall wird
eine zentrale praktische Agitationslosung ausgegeben — die sofortige
Bildung von revolutionären Bauernkomitees zur Durchführung aller demo-
kratischen Umgestaltungen. In dem anderen Fall heißt es, daß „die Forde-
rung, Komitees zu bilden", der konstituierenden Versammlung unterbrei-
tet werden solle. Warum müssen wir unbedingt diese konstituierende Ver-
sammlung abwarten? wird sie in Wirklichkeit zu einer konstituierenden
werden? wird sie ohne vorhergehende und gleichzeitige Schaffung von
revolutionären Bauernkomitees von Bestand sein? Alle diese Fragen sind
von der Konferenz außer acht gelassen worden. In allen ihren Beschlüssen
spiegelt sich mithin der von uns aufgezeigte allgemeine Gedanke wider,
daß wir in der bürgerlichen Revolution nur unsere besondere Arbeit zu
leisten hätten, ohne uns das Ziel zu setzen, die gesamte demokratische Be-
wegung zu leiten und sie selbständig durchzuführen. Wie die Ökono-
misten ständig in den Irrtum verfielen, die Sozialdemokraten hätten sich
um den ökonomischen Kampf, die Liberalen aber um den politischen
Kampf zu kümmern, so verfallen auch die Neuiskristen im ganzen Verlauf
80
W. J. Lenin
ihrer Betrachtungen in den Irrtum, uns gebühre ein bescheidener Winkel
abseits von der bürgerlichen Revolution, Sache der Bourgeoisie dagegen
sei es, die Revolution aktiv durchzuführen.
Schließlich darf auch die Resolution über die Stellung zu den anderen
Parteien nicht unerwähnt bleiben. Die Resolution des III. Parteitags der
SDAPR spricht von der Entlarvung jeder Beschränktheit und Unzuläng-
lichkeit der bürgerlichen Freiheitsbewegung, ohne sich dem naiven Gedan-
ken hinzugeben, man müsse von Parteitag zu Parteitag alle möglichen
Fälle dieser Beschränktheit aufzählen und eine Linie ziehen, welche die
schlechten von den guten Bourgeois scheidet. Die Konferenz sucht, den
Fehler Starowers wiederholend, beharrlich nach einer solchen Scheidelinie
und entwickelt dabei die berühmte Theorie des „Lackmuspapiers". Sta-
rower ging von der sehr guten Idee aus, der Bourgeoisie recht strenge Be-
dingungen zu stellen. Er vergaß nur, daß jeder Versuch, die bürgerlichen
Demokraten von vornherein zu scheiden in solche, die verdienen, daß
man ihnen Anerkennung zollt, mit ihnen Abkommen schließt usw., und
in solche, die das nicht verdienen, zu einer „Formel" führt, die von der
Entwicklung der Ereignisse sofort wieder über Bord geworfen wird und
die in das proletarische Klassenbewußtsein Verwirrung hineinträgt. Denn
das Schwergewicht wird damit von der realen Einheit im Kampf auf Er-
klärungen, Versprechungen und Losungen verlegt. Starower betrachtete
als eine solche grundlegende Losung das „allgemeine, gleiche, direkte und
geheime Wahlrecht". Es vergingen keine zwei Jahre — und das „Lackmus-
papier" erwies sich als untauglich, die Losung des allgemeinen Wahlrechts
wurde von den Oswoboshdenzen übernommen, und diese sind dadurch
der Sozialdemokratie keineswegs nähergekommen, sondern versuchen im
Gegenteil, eben mittels dieser Losung die Arbeiter irrezuführen und sie
vom Sozialismus abzulenken.
Jetzt stellen die Neuiskristen noch „strengere Bedingungen", sie „for-
dern" von den Feinden des Zarismus die „energische und unzwei-
deutige (!?) Unterstützung jeder entschlossenen Aktion des organisierten
Proletariats" usw., einschließlich der „aktiven Beteiligung an der Selbst-
bewaffnung des Volkes". Die Scheidelinie erstreckt sich auf viel weitere
Gebiete — und nichtsdestoweniger ist diese Linie schon wieder veraltet, hat
sie sich sofort als untauglich erwiesen. Warum fehlt z. B. die Losung der
Republik? Wie kommt es, daß die Sozialdemokraten von den bürgerlichen
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 81
Demokraten im Interesse des „rücksichtslosen revolutionären Krieges
gegen alle Grundlagen der ständisch-monarchischen Ordnung" alles mög-
liche „fordern", nur nicht den Kampf für die Republik?
Daß diese Frage keine Nörgelei, daß der Fehler der Neuiskristen von
lebendigster politischer Bedeutung ist, beweist der „Russische Befreiungs-
bund" (siehe „Proletari" Nr. 4)*. Diese „Feinde des Zarismus" dürften
allen „Forderungen" der Neuiskristen vollkommen entsprechen. Indessen
haben wir gezeigt, daß im Programm (oder in der Programmlosigkeit) die-
ses „Russischen Befreiungsbundes" der Geist des „Oswoboshdenije"
herrscht und daß die Oswoboshdenzen ihn leicht ins Schlepptau nehmen
können. Die Konferenz jedoch erklärt am Schluß der Resolution, daß „die
Sozialdemokratie allen jenen politischen Parteien, die zwar das liberale
und demokratische Banner entrollen, aber sich weigern, den revolutionären
Kampf des Proletariats wirklich zu unterstützen, nach wie vor als heuch-
lerische» freunden des Volkes entgegentreten wird". Der „Russische Be-
freiungsbund" ist weit davon entfernt, sich zu weigern, er bietet diese
Unterstützung im Gegenteil eifrig an. Ist das eine Bürgschaft dafür, daß
seine Führer keine „heuchlerischen Freunde des Volkes" sind, wenngleich
sie zu den Oswoboshdenzen gehören?
Man sieht: Dadurch, daß die Neuiskristen im voraus „Bedingungen"
verfassen und grimmige „Forderungen" aufstellen, die in ihrer Ohnmacht
komisch wirken, bringen sie sich sofort in eine lächerliche Lage. Ihre Be-
dingungen und Forderungen erweisen sich sofort als unzulänglich, wenn
es gilt, der lebendigen Wirklichkeit Rechnung zu tragen. Ihr Jagen nach
Formeln ist aussichtslos, denn es gibt keine Formel, in der man alle die
Äußerungen von Heuchelei, Inkonsequenz und Beschränktheit der bürger-
lichen Demokratie einfangen könnte. Nicht auf „Lackmuspapier", nicht
* In Nr. 4 des „Proletari" vom 4. Juni 1905 erschien ein umfangreicher Ar-
tikel „Ein neuer revolutionärer Arbeiterbund" (siehe Werke, 4. Ausgabe, Bd. 8,
S. 465— 476, russ. Die Red.). In dem Artikel wird der Inhalt der Aufrufe dieses
Bundes wiedergegeben, der sich „Russischer Befreiungsbund" nannte und sich
die Einberufung einer konstituierenden Versammlung mit Hilfe des bewaffne-
ten Aufstands zu m Ziele setzte. Weiterhin wird in dem Artikel die Stellung der
Sozialdemokratie zu derartigen parteilosen Verbänden festgelegt. Inwieweit die-
ser Bund real und welches sein Schicksal in der Revolution war, entzieht sich völ-
lig unserer Kenntnis. (Fußnote des Verfassers zur Ausgabe von 1907. Die Red.)
82
W. J. Lettin
auf Formeln, nicht auf niedergeschriebene und abgedruckte Forderungen,
nicht auf eine von vornherein gezogene Grenzlinie zwischen heuchle-
rischen und nichtheuchlerischen „Freunden des Volkes" kommt es an, son-
dern auf die reale Einheit im Kampf, auf die unablässige Kritik seitens der
Sozialdemokratie an jedem „unentschlossenen" Schritt der bürgerlichen
Demokratie. Für den „wirklichen Zusammenschluß aller am demokrati-
schen Umbau interessierten gesellschaftlichen Kräfte" bedarf es nicht der
„Punkte", mit denen sich die Konferenz so eifrig und so vergeblich ab-
mühte, sondern der Fähigkeit, wirklich revolutionäre Losungen aufzustel-
len. Dazu braucht man Losungen, welche die revolutionäre und republika-
nische Bourgeoisie auf das Niveau des Proletariats emporheben, nicht aber
die Aufgaben des Proletariats auf das Niveau der monarchistischen Bour-
geoisie hinabdrücken. Dazu ist die energischste Beteiligung am Aufstand
notwendig, nicht aber räsonierende Ausflüchte vor der unaufschiebbaren
Aufgabe des bewaffneten Aufstands.
12. WIRD DER SCHWUNG
DER DEMOKRATISCHEN REVOLUTION GESCHWÄCHT,
WENN DIE BOURGEOISIE VON IHR ABSCHWENKT?
Die obigen Zeilen waren schon geschrieben, als wir die von der „Iskra"
herausgegebenen Resolutionen der kaukasischen Konferenz der Neuiskri-
sten erhielten. Pour la bonne bouche (als letzten Leckerbissen) hätten wir
uns kein besseres Material wünschen können.
Die Redaktion der „Iskra" bemerkt mit Recht: „In der Grundfrage der
Taktik ist die kaukasische Konferenz ebenfalls zu einem Beschluß gekom-
men, der dem auf der gesamtrussischen (d. h. neuiskristischen) Konferenz
angenommenen analog ist. (Das ist wahr!) Die Frage der Stellung der So-
zialdemokratie zur provisorischen revolutionären Regierung ist von den
kaukasischen Genossen im Sinne der schärfsten Ablehnung jener neuen
Methode entschieden worden, die von der Gruppe ,Wperjod‘ und den
Delegierten des sogenannten Parteitags, die sich ihr angeschlossen haben,
propagiert wird." „Die von der Konferenz gegebene Formulierung der
Taktik der proletarischen Partei in der bürgerlichen Revolution muß als
sehr gelungen bezeichnet werden."
Z wei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 83
Was wahr ist, ist wahr. Eine „gelungenere" Formulierung des Grund-
fehlers der Neuiskristen hätte niemand geben können. Wir wollen diese
Formulierung ungekürzt bringen und vorerst in Klammern auf die Blüten,
dann aber auch auf die zum Schluß servierten Früchte aufmerksam machen.
Hier die Resolution der kaukasischen Konferenz der Neuiskristen über
die provisorische Regierung:
„Da die Konferenz es als ihre Aufgabe betrachtet, den revolutionären
Augenblick zur Vertiefung" (nun natürlich! Man müßte hinzufügen: zur
Martynowschen Vertiefung!) „des sozialdemokratischen Bewußtseins des
Proletariats auszunutzen", (nur zur Vertiefung des Bewußtseins und nicht
zur Erkämpfung der Republik? Welch „tiefe" Auffassung von der Revo-
lution !) „spricht sie sich, um der Partei die vollste Freiheit der Kritik an
dem entstehenden bürgerlich-staatlichen Regime zu sichern", (die Repu-
blik zu sichern, ist nicht unsere Sache! Unsere Sache ist nur, die Freiheit
der Kritik zu sichern. Anarchistische Ideen erzeugen auch eine anarchi-
stische Sprache: „bürgerlich-staatliches" Regime!) „gegen die Bildung einer
sozialdemokratischen provisorischen Regierung und gegen den Eintritt in
eine solche Regierung aus" (man erinnere sich an die von Engels
zitierte Resolution der Bakunisten zehn Monate vor der spanischen Revo-
lution,- siehe „Proletari" Nr. 324) „und hält es für das zweckmäßigste,
auf die bürgerliche provisorische Regierung zwecks angemessener (?!)
Demokratisierung des staatlichen Regimes einen Druck von außen aus-
zuüben" (von unten, aber nicht von oben). „Die Konferenz ist der
Meinung, daß die Bildung einer provisorischen Regierung durch die
Sozialdemokraten oder der Eintritt in eine solche einerseits zum Abfall
breiter Massen des Proletariats von der sozialdemokratischen Partei
führen würde, die von ihr enttäuscht wären, weil die Sozialdemokratie,
ungeachtet der Machtergreifung, die dringenden Bedürfnisse der Arbeiter-
klasse einschließlich der Verwirklichung des Sozialismus nicht befriedigen
könnte", (die Republik ist kein dringendes Bedürfnis! Die Verfasser
merken in ihrer Unschuld gar nicht, daß sie eine rein anarchistische
Sprache führen, als ob sie die Teilnahme an bürgerlichen Revolutio-
nen ablehnten!) „anderseits aber die bürgerlichen Xiassen
veranlassen würde, von der Revolution abzuschwenken,
wo dur cb der S cbwung der Revolution geschwächt wür de "
Hier also liegt der Hund begraben. Hier ist es, wo sich die anarchisti-
84
W. J. Lenin
sehen Ideen mit dem Opportunismus reinsten Wassers verflechten (wie das
auch bei den westeuropäischen Bemsteinianern ständig der Fall ist). Man
denke bloß: In die provisorische Regierung nicht eintreten, weil das die
Bourgeoisie veranlassen würde, von der Revolution abzuschwenken, wo-
durch der Schwung der Revolution geschwächt würde! Da haben wir ja in
Reinkultur, in vollständiger und konsequenter Form, die neuiskristische
Philosophie vor uns, wonach wir, weil die Revolution eine bürgerliche ist,
der bürgerlichen Banalität unsere Reverenz erweisen und ihr den Vor-
rang lassen müssen. Denn lassen wir uns, wenn auch nur teilweise, auch
nur einen Augenblick lang, von der Erwägung leiten, daß unsere Teil-
nahme die Bourgeoisie veranlassen könnte, abzuschwenken, so treten wir
damit die führende Rolle in der Revolution ganz und gar an die bürger-
lichen Klassen ab. Wir stellen damit das Proletariat vollkommen unter die
Vormundschaft der Bourgeoisie (und behalten uns die volle „Freiheit der
Kritik" vor!!), wir zwingen das Proletariat, gemäßigt und zahm zu sein,
damit die Bourgeoisie nicht abschwenke. Wir beschneiden die dringendsten
Bedürfnisse des Proletariats, nämlich seine politischen Bedürfnisse, welche
die Ökonomisten und ihre Epigonen nie richtig verstanden haben, be-
schneiden sie, damit die Bourgeoisie nicht abschwenke. Wir verlassen
völlig den Boden des revolutionären Kampfes für die Verwirklichung des
Demokratismus in den Grenzen, deren das Proletariat bedarf, und betre-
ten den Boden des Kuhhandels mit der Bourgeoisie, wobei wir mit unse-
rem Verrat an den Prinzipien, dem Verrat an der Revolution die freiwil-
lige Zustimmung der Bourgeoisie erkaufen („damit sie nicht abschwenke").
Die kaukasischen Neuiskristen haben es fertiggebracht, in zwei kurzen
Zeilen das ganze Wesen der Taktik des Verrats an der Revolution, der
Verwandlung des Proletariats in ein klägliches Anhängsel der bürgerlichen
Klassen auszudrücken. Was wir oben aus den Fehlern des Neuiskrismus
als Tendenz ableiteten, das ist jetzt vor unseren Augen zum klaren und be-
stimmten Prinzip erhoben worden: im Nachtrab der monarchistischen
Bourgeoisie einhertrotten. Weil die Verwirklichung der Republik die Bour-
geoisie veranlassen würde (und bereits veranlaßt — siehe das Beispiel des
Herrn Struve!), abzuschwenken, deshalb nieder mit dem Kampf für die
Republik. Weil jede energische und bis zu Ende gehende demokratische
Forderung des Proletariats die Bourgeoisie stets und in der ganzen Welt
veranlaßt, abzuschwenken, deshalb: Verkriecht euch in die Mauselöcher,
Zwei Zaktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 85
Genossen Arbeiter, wirkt nur von außen, laßt euch nicht einfallen, die
Werkzeuge und Mittel des „bürgerlich- staatlichen" Regimes für die Revo-
lution auszunutzen, und bewahrt euch die „Freiheit der Kritik".
Hier tritt klar zutage, wie grundfalsch schon allein der Terminus „bür-
gerliche Revolution" aufgefaßt wird. Diese Martynowsche oder neuiskri-
stische „Auffassung" führt schnurstracks zum Verrat der proletarischen
Sache an die Bourgeoisie.
Wer den alten Ökonomismus vergessen hat, wer ihn nicht studiert, an
ihn nicht zurückdenkt, der wird auch die heutige Neuauflage des Ökono-
mismus schwerlich begreifen. Man erinnere sich des bernsteinianischen
„Credos"25. Aus „rein proletarischen" Anschauungen und Programmen
folgerten die Leute: Uns, den Sozialdemokraten, die Ökonomik, die
wahre Sache der Arbeiterschaft, die freie Kritik an jedem Politikastertum,
die wahre Vertiefung der sozialdemokratischen Arbeit. Ihnen, den Libera-
len, die Politik. Gott bewahre uns davor, in „Revolutionarismus" zu ver-
fallen: Das würde die Bourgeoisie veranlassen, abzuschwenken. Wer das
„Credo" oder die Sonderbeilage zu Nr. 9 der „Rabotschaja Mysl"26 (Sep-
tember 1899) vollständig durchliest, der wird alle diese Gedankengänge
finden.
Jetzt ist es dasselbe, nur in großem Maßstab, in Anwendung auf die
Einschätzung der ganzen „großen" russischen Revolution, die leider von
den Theoretikern des orthodoxen Philistertums schon im voraus banali-
siert und zur Karikatur herabgewürdigt wird! Uns, den Sozialdemokraten,
die Freiheit der Kritik, die Vertiefung des Bewußtseins, die Einwirkung
von außen. Ihnen, den bürgerlichen Klassen, die Freiheit des Handelns,
den freien Spielraum für die revolutionäre (lies: liberale) Führung, die
Freiheit der Durchführung von „Reformen" von oben.
Diese Vulgarisatoren des Marxismus haben sich niemals Gedanken ge-
macht über Marx1 Worte von der Notwendigkeit, die Waffe der Kritik
durch die Kritik der Waffen zu ersetzen27. Sie führen den Namen Marx
im Munde, fassen aber in Wirklichkeit taktische Resolutionen ganz im
Geiste der Frankfurter bürgerlichen Schwätzer, die den Absolutismus frei
kritisierten, das demokratische Bewußtsein vertieften und nicht begriffen,
daß die Zeit der Revolution eine Zeit des Handelns, der Aktion sowohl
von oben als auch von unten ist. Indem sie den Marxismus in Räsoniererei
verwandelten, machten sie aus der Ideologie der fortgeschrittensten, ent-
86
W. 1. Lenin
schlossensten und tatkräftigsten revolutionären Klasse eine Ideologie ihrer
unentwickeltsten Schichten, die sich vor den schwierigen revolutionär-
demokratischen Aufgaben drücken und diese demokratischen Aufgaben
den Herren Struve überlassen.
Wenn die bürgerlichen Klassen von der Revolution abschwenken, weil
die Sozialdemokratie in die revolutionäre Regierung eintritt, so wird da-
durch „der Schwung der Revolution geschwächt".
Hört, russische Arbeiter: Der Schwung der Revolution wird größer sein,
wenn die durch die Sozialdemokraten nicht abgeschreckten Herren Struve
sie durchführen, die keinen Sieg über den Zarismus, sondern einen Pakt
mit dem Zarismus wollen. Der Schwung der Revolution wird größer sein,
wenn von den beiden Ausgangsmöglichkeiten, die wir oben Umrissen
haben, die erste zur Wirklichkeit wird, d. h. wenn sich die monarchistische
Bourgeoisie mit der Selbstherrschaft auf eine „Verfassung" nach Art der
Schipowschen einigt !
Sozialdemokraten, die in Resolutionen als Anleitung für die ganze Par-
tei derart schändliche Dinge schreiben oder die derart „gelungene" Reso-
lutionen billigen, sind durch das Räsonieren, das aus dem Marxismus allen
lebendigen Geist ausgetrieben hat, so sehr verblendet, daß sie nicht merken,
wie diese Resolutionen alle ihre sonstigen trefflichen Worte zur Phrase
machen. Man nehme einen beliebigen ihrer Artikel aus der „Iskra", nehme
sogar die berüchtigte Broschüre unseres berühmten Martynow, und man
wird Reden hören über den 'Polksaufstand, über die Durchführung der
Revolution bis zu Ende und über das Bestreben, sich im Kampf gegen die
inkonsequente Bourgeoisie auf die unterenVolkssdbiöbten zu stützen. Aber
alle diese trefflichen Dinge verwandeln sich doch in eine erbärmliche
Phrase, sobald man den Gedanken akzeptiert oder billigt, daß der
„Schwung der Revolution" durch das Abrücken der Bourgeoisie „ge-
schwächt" werde. Eines von beiden, meine Herren: Entweder müssen wir
mit dem Volk danach streben, die Revolution durchzuführen, und ent-
gegen dem Willen der inkonsequenten, eigennützigen und feigen Bour-
geoisie einen völligen Sieg über den Zarismus erringen. Oder wir lassen
dieses „entgegen dem Willen" nicht zu, wir fürchten, die Bourgeoisie
könne „abschwenken", und dann verraten wir das Proletariat und das
Volk an die Bourgeoisie, an die inkonsequente, eigennützige und feige
Bourgeoisie.
Zwei Taktiken der Soziatdemokratie in der demokratisiert Revolution 87
Laßt euch nicht einfallen, meine Worte zu mißdeuten. Schreit nicht,
daß man euch bewußten Verrat vorwerfe. Nein, ihr seid die ganze Zeit
genauso unbewußt in den Sumpf geglitten und jetzt darin versunken, wie
die alten Ökonomisten, die auf der schiefen Ebene der „Vertiefung" des
Marxismus unaufhaltsam und unwiderruflich bis zum antirevolutionären,
seelenlosen und leblosen „Klügeln" abgeglitten waren.
Von welchen realen gesellschaftlichen Kräften hängt der „Schwung der
Revolution" ab? Habt ihr darüber nachgedacht, meine Herren? Lassen
wir die Kräfte der Außenpolitik, der internationalen Kombinationen bei-
seite, die sich für uns jetzt sehr vorteilhaft gestaltet haben, die wir aber
alle, und zwar mit Recht, von der Betrachtung ausschließen, da von den
inneren Kräften Rußlands die Rede ist. Seht euch diese inneren gesell-
schaftlichen Kräfte an. Gegen die Revolution steht die Selbstherrschaft,
der Hof, die Polizei, die Beamtenschaft, das Heer und das Häuflein des
Hochadels. Je tiefer die Empörung im Volke ist, desto unzuverlässiger
wird das Heer, desto größer werden die Schwankungen in der Beamten-
schaft. Ferner, die Bourgeoisie ist jetzt im großen und ganzen für die Re-
volution, sie ereifert sich in Reden über die Freiheit und ergreift immer
öfter im Namen des Volkes und sogar im Namen der Revolution das
Wort.* Aber wir Marxisten wissen doch alle aus der Theorie und beob-
achten täglich und stündlich am Beispiel unserer Liberalen, Semstwoleute
und Oswoboshdenzen, daß die Bourgeoisie für die Revolution inkonse-
quent, eigennützig und feige eintritt. Die Bourgeoisie wird in ihrer Masse
unweigerlich zur Konterrevolution, zur Selbstherrschaft übergehen und
sich gegen die Revolution, gegen das Volk kehren, sobald ihre engen,
eigennützigen Interessen befriedigt sein werden, sobald sie vom konse-
quenten Demokratismus „abgeschwenkt" sein wird (und sie sdhwenkt
sdhon jetzt davon ab!). Es bleibt das „Volk", das heißt das Proletariat und
die Bauernschaft: Allein das Proletariat ist fähig, konsequent bis zu Ende
zu gehen, denn es geht weit über die demokratische Umwälzung hinaus.
Deshalb eben kämpft das Proletariat in den vordersten Reihen für die
Republik und weist mit Verachtung die törichten und seiner unwürdigen
Ratschläge zurück, darauf Rüdesicht zu nehmen, daß die Bourgeoisie mög-
* Interessant ist in dieser Hinsicht der offene Brief des Herrn Struve an
Jaur£s, der neulich von Jaures in der Zeitung „l’Humanit£"2s und von Herrn
Struve in Nr. 72 des „Oswoboshdenije" veröffentlicht worden ist.
88
IV. 1. Cenin
licherweise abschwenkt. Die Bauernschaft umfaßt eine Masse halbproleta-
rischer Elemente neben kleinbürgerlichen Elementen. Dieser Umstand
macht auch die Bauernschaft unbeständig, so daß das Proletariat genötigt
ist, sich zu einer streng klassenmäßigen Partei zusammenzuschließen. Aber
die Unbeständigkeit der Bauernschaft ist von der Unbeständigkeit der
Bourgeoisie grundverschieden, denn die Bauernschaft ist gegenwärtig nicht
so sehr an dem unbedingten Schutz des Privateigentums als vielmehr an
der Enteignung des Gutsbesitzerlandes, einer der Hauptformen des Privat-
eigentums, interessiert. Ohne dadurch sozialistisch zu werden, ohne auf-
zuhören, kleinbürgerlich zu sein, ist die Bauernschaft fähig, zum völligen
und radikalsten Anhänger der demokratischen Revolution zu werden. Die
Bauernschaft wird unweigerlich ein solcher Anhänger der Revolution
werden, wenn nur der sie aufklärende Gang der revolutionären Ereignisse
nicht durch den Verrat der Bourgeoisie und die Niederlage des Proletariats
allzufrüh unterbrochen wird. Die Bauernschaft wird unter der erwähnten
Bedingung unweigerlich zur Stütze der Revolution und der Republik wer-
den, denn einzig die zum vollen Sieg gelangte Revolution wird der Bauern-
schaft auf dem Gebiet der Agrarreformen alles zu bieten vermögen: alles
das, was die Bauernschaft will, was sie erträumt, was tatsächlich für sie
notwendig ist, (nicht um den Kapitalismus zu vernichten, wie sich das die
„Sozialrevolutionäre" einbilden, sondern) um aus dem Schlamm der hal-
ben Leibeigenschaft, aus dem Dunkel der Geducktheit und der Knecht-
schaft emporzusteigen und um ihre Lebensbedingungen so weit zu verbes-
sern, wie das im Rahmen der Warenwirtschaft überhaupt zu erreichen ist.
Mehr noch: Nicht nur eine radikale Umgestaltung der Agrarverhält-
nisse, sondern auch alle ihre allgemeinen und ständigen Interessen binden
die Bauernschaft an die Revolution. Sogar im Kampf mit dem Proletariat
bedarf die Bauernschaft der Demokratie, denn nur das demokratische Re-
gime vermag ihre Interessen genau zum Ausdruck zu bringen und ihr,
weil sie die Masse, die Mehrheit ist, das Übergewicht zu geben. Je auf-
geklärter die Bauernschaft sein wird (und seit dem japanischen Krieg er-
folgt diese Aufklärung mit einer Schnelligkeit, von der sich viele, die ge-
wohnt sind, die Aufklärung nur mit dem Schulmaßstab zu messen, nichts
träumen lassen), desto konsequenter und entschlossener wird sie für die
vollständige demokratische Umwälzung eintreten, denn die Herrschaft
des Volkes schreckt sie nicht, wie sie die Bourgeoisie schreckt, sondern ist
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdren Revolution 89
für sie von Vorteil. Die demokratische Republik wird zu ihrem Ideal wer-
den, sobald sie beginnt, sich vom naiven Monarchismus frei zu machen;
denn der bewußte Monarchismus der schachernden Bourgeoisie (mit einem
Oberhaus usw.) bedeutet für die Bauernschaft genau dieselbe Rechtlosig-
keit, dieselbe Geducktheit und Unwissenheit, nur ganz leicht mit euro-
päisch-konstitutionellem Firnis überstrichen.
Das ist der Grund, warum die Bourgeoisie als Klasse naturgemäß und
unvermeidlich unter die Fittiche der liberal-monarchistischen Partei strebt,
die Bauernschaft als Masse aber unter die Führung einer revolutionären
und republikanischen Partei. Das ist der Grund, warum die Bourgeoisie
unfähig ist, die demokratische Revolution zu Ende zu führen, die Bauern-
schaft aber fähig ist, die Revolution zu Ende zu führen, und wir müssen
ihr mit allen Kräften dabei helfen.
Man wird mir entgegnen: Das braucht man nicht zu beweisen, das ge-
hört zum Abc, das begreifen alle Sozialdemokraten ausgezeichnet. Nein,
das begreifen diejenigen nicht, die es fertigbringen, davon zu sprechen,
daß „der Schwung" der Revolution „geschwächt wird", wenn die Bour-
geoisie abfällt. Solche Leute wiederholen die auswendig gelernten Sätze
unseres Agrarprogramms, verstehen aber ihre Bedeutung nicht, denn sonst
würden sie den Begriff der revolutionär-demokratischen Diktatur des Pro-
letariats und der Bauernschaft, der sich aus der ganzen marxistischen
Weltanschauung und aus unserem Programm unvermeidlich ergibt, nicht
fürchten, sonst würden sie den Schwung der großen russischen Revolution
nicht auf den Schwung der Bourgeoisie beschränken. Solche Leute wider-
legen ihre abstrakten marxistischen, revolutionären Phrasen schlagend
durch ihre konkreten antimarxistischen und antirevolutionären Resolu-
tionen.
Wer die Rolle der Bauernschaft in der siegreichen russischen Revolution
wirklich versteht, der könnte unmöglich davon reden, daß der Schwung
der Revolution geschwächt wird, wenn die Bourgeoisie abschwenkt. Denn
in Wirklichkeit wird erst dann der wahre Schwung der russischen Revolu-
tion einsetzen, wird das erst dann der wirklich höchste revolutionäre
Schwung sein, der in der Epoche der bürgerlich-demokratischen Umwäl-
zung möglich ist, wenn die Bourgeoisie abschwenken und die Masse der
Bauernschaft an der Seite des Proletariats als aktiver Revolutionär auf-
treten wird. Damit unsere demokratische Revolution konsequent zu' Ende
7 Lenin, Werke, Bd. 9
90
SW. J. Lenin
geführt wird, maß sie sich auf solche Kräfte stützen, die fähig sind, die
unvermeidliche Inkonsequenz der Bourgeoisie zu paralysieren (d. h. fähig
sind, sie gerade zum „Abschwenken zu veranlassen", wovor die kaukasi-
schen Anhänger der „Iskra" infolge ihres Unverstands eine solche Angst
haben).
Das Proletariat muß die demokratische Umwälzung zu Ende führen,
indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Wider-
stand der Selbstherrschaft mit Qewalt zu brechen und die schwankende
Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muß die soziali-
stische Umwälzung vollbringen, indem es die Masse der halbproletarischen
Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der
Bourgeoisie mit Qewalt zu brechen und die schwankende Haltung der
Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren. Das sind die Auf-
gaben des Proletariats, die sich die Neuiskristen in allen ihren Betrachtun-
gen und Resolutionen über den Schwung der Revolution so beschränkt vor-
stellen.
Man darf nur einen Umstand nicht vergessen, der bei den Betrachtun-
gen über diesen „Schwung" oft außer acht gelassen wird. Man darf nicht
vergessen, daß nicht von den Schwierigkeiten der Aufgabe die Rede ist,
sondern davon, auf welchem Wege die Lösung der Aufgabe zu suchen und
zu erstreben ist. Nicht darum handelt es sich, ob es leicht oder schwer ist,
den Schwung der Revolution mächtig und unbesiegbar zu machen, sondern
darum, was zu tun ist, um diesen Schwung zu verstärken. Die Differenz
betrifft gerade den Grundcharakter, eben die Richtung unserer Tätigkeit.
Wir heben das hervor, weil unaufmerksame und oberflächliche Leute die
zwei verschiedenen Fragen nur allzuoft verwechseln : die Frage nach der
Richtung des Weges, d. h. nach der Wahl eines der beiden verschiedenen
Wege, und die Frage, ob auf dem gegebenen Weg das Ziel leicht zu er-
reichen oder bald zu erreichen ist.
Die letzte Frage haben wir in der vorhergehenden Betrachtung gar nicht
berührt, denn diese Frage hat in unserer Partei keine Meinungsverschie-
denheiten und Differenzen hervorgerufen. Aber selbstverständlich ist diese
Frage an und für sich äußerst wichtig und verdient die ernsteste Beach-
tung aller Sozialdemokraten. Es wäre unverzeihlicher Optimismus, die
Schwierigkeiten zu vergessen, die damit Zusammenhängen, daß die Mas-
sen nicht nur der Arbeiterklasse, sondern auch der Bauernschaft in die Be-
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdhen Revolution 91
wegung hineingezogen werden müssen. Gerade an diesen Schwierigkeiten
scheiterten mehrfach die Bemühungen, die demokratische Revolution zu
Ende zu führen, wobei den größten Gewinn die inkonsequente und eigen-
nützige Bourgeoisie davontrug, die sowohl aus der monarchistischen Ver-
teidigung gegen das Volk „Kapital schlug" als auch „die Unschuld" des
Liberalismus... oder des „Oswoboshdenzentums" „bewahrte". Aber
Schwierigkeit bedeutet noch nicht Undurchführbarkeit. Wichtig ist die
Gewißheit, daß man den richtigen Weg gewählt hat, und diese Gewißheit
verstärkt hundertfach die revolutionäre Energie und den revolutionären
Enthusiasmus, die Wunder zu wirken vermögen.
Wie tiefgehend heute die Differenzen zwischen den Sozialdemokraten
in der Frage sind, welchen Weg man wählen soll, ersieht man ohne wei-
teres aus einer Gegenüberstellung der kaukasischen Resolution der Neu-
iskristen und der Resolution des III. Parteitags der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands. Die Resolution des Parteitags sagt: Die Bour-
geoisie ist inkonsequent, sie wird unbedingt danach trachten, uns die Er-
rungenschaften der Revolution zu entreißen. Deshalb bereitet euch energi-
scher zum Kampf vor, Genossen Arbeiter, bewaffnet euch, zieht die
Bauernschaft auf eure Seite. Wir werden unsere revolutionären Errungen-
schaften der eigennützigen Bourgeoisie nicht ohne Kampf abtreten. Die
Resolution der kaukasischen Neuiskristen sagt: Die Bourgeoisie ist inkon-
sequent, sie kann von der Revolution abschwenken. Deshalb, Genossen
Arbeiter, denkt bitte nicht an eine Teilnahme an der provisorischen Re-
gierung, denn dann wird die Bourgeoisie bestimmt abschwenken, und der
Schwung der Revolution wird dadurch geschwächt!
Die einen sagen: Treibt die Revolution vorwärts, bis zu Ende, entgegen
dem Widerstand oder der Passivität der inkonsequenten Bourgeoisie.
Die anderen sagen: Denkt nicht daran, die Revolution bis zu Ende selb-
ständig durchzuführen, denn dann wird die inkonsequente Bourgeoisie
von ihr abschwenken.
Haben wir etwa nicht zwei diametral entgegengesetzte Wege vor uns?
Liegt es etwa nicht auf der Hand, daß die eine Taktik unbedingt die
ändere ausschließt? daß die erste Taktik die einzig richtige Taktik der
revolutionären Sozialdemokratie, die zweite aber im Grunde eine reine
Oswoboshdenzen-Taktik ist?
7*
92
W. 1 Centn
13. SCHLUSS. DÜRFEN WIR SIEGEN?
Leute, die mit der Lage der Dinge in der russischen Sozialdemokratie
nur oberflächlich bekannt sind oder von außen her urteilen, ohne die Ge-
schichte unseres ganzen innerparteilichen Kampfes seit den Zeiten des
Ökonomismus zu kennen, pflegen auch die taktischen Differenzen, die sich
jetzt, besonders nach dem III. Parteitag, herausgebildet haben, sehr häufig
einfach mit dem Hinweis abzutun, daß es sich um zwei natürliche, unver-
meidliche und durchaus zu vereinbarende Tendenzen handle, die in jeder
sozialdemokratischen Bewegung anzutreffen seien. Auf der einen Seite
nämlich um eine stärkere Betonung der üblichen, laufenden, alltäglichen
Arbeit, der Notwendigkeit, die Propaganda und Agitation zu entfalten,
die Kräfte vorzubereiten, die Bewegung zu vertiefen usw. Auf der anderen
Seite um die Betonung der allgemein-politischen, revolutionären Kampf-
aufgaben der Bewegung, um den Hinweis auf die Notwendigkeit des be-
waffneten Aufstands, um die Aufstellung der Losungen: revolutionär-
demokratische Diktatur, provisorische revolutionäre Regierung. Weder die
eine noch die andere Seite dürfe übertrieben werden, weder hier noch dort
(wie überhaupt nirgends in der Welt) seien Extreme von Nutzen usw. usf.
Hinter den billigen Wahrheiten der Lebens- (und der „politischen", in
Anführungsstrichen) Weisheit, die in solchen Betrachtungen unzweifel-
haft enthalten sind, verbirgt sich jedoch nur allzuoft das Unverständnis
für die aktuellen, brennenden Erfordernisse der Partei. Nehmen wir die
gegenwärtigen taktischen Meinungsverschiedenheiten unter den russischen
Sozialdemokraten. Selbstverständlich brauchte die verstärkte Betonung der
laufenden Tagesarbeit, die wir in den Betrachtungen derNeuiskristen über
die Taktik finden, an und für sich noch keinerlei Gefahr zu bedeuten und
auch keinerlei Differenz in den taktischen Losungen hervorzurufen. Es ge-
nügt aber, die Resolutionen des III. Parteitags der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands mit denen der Konferenz zu vergleichen, damit
diese Differenz sofort ins Auge springt.
Worum handelt es sich? Erstens darum, daß es nicht genügt, nur ganz
allgemein und abstrakt auf zwei Strömungen in der Bewegung und auf
die Schädlichkeit von Extremen hinzuweisen. Man muß konkret wissen,
woran die gegebene Bewegung im gegebenen Augenblick krankt und wor-
in jetzt die reale politische Gefahr für die Partei besteht. Zweitens muß
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Seite 157 von W. I. Lenins Manuskript
„Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution"
1905
Verkleinert
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 95
man wissen, welchen realen politischen Kräften diese oder jene taktischen
Losungen — vielleicht auch das Fehlen dieser oder jener Losungen — Was-
ser auf die Mühle leiten. Hört man die Neuiskristen, so kommt man zu
dem Schluß, daß die Sozialdemokratische Partei Gefahr läuft, die Propa-
ganda und Agitation, die wirtschaftlichen Kämpfe und die Kritik an der
bürgerlichen Demokratie über Bord zu werfen und sich von militärischen
Vorbereitungen und bewaffneten Überfällen, von der Machtergreifung
usw. übermäßig hinreißen zu lassen. In Wirklichkeit aber droht der Partei
die reale Gefahr von einer ganz anderen Seite. Wer den Stand der Be-
wegung auch nur einigermaßen näher kennt, wer die Bewegung aufmerk-
sam und verständig verfolgt, der kann nicht umhin zu sehen, wie lächer-
lich die Befürchtungen der Neuiskristen sind. Die ganze Tätigkeit der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands hat sich schon völlig in
einen festen, unveränderlichen Rahmen eingefügt, der unbedingt gewähr-
leistet, daß der Schwerpunkt in der Agitation und Propaganda, in fliegen-
den Versammlungen und Massenkundgebungen, in der Verbreitung von
Flugblättern und Broschüren, in der Förderung der Wirtschaftskämpfe
und dem Aufgreifen ihrer Losungen liegt. Es gibt kein einziges Partei-
komitee, kein einziges Bezirkskomitee, keine einzige zentrale Zusammen-
kunft und keine einzige Betriebsgruppe, wo nicht neunundneunzig Prozent
der Aufmerksamkeit, der Kraft und der Zeit stets und ständig allen diesen
Funktionen gewidmet wären, die schon seit der zweiten Hälfte der neun-
ziger Jahre fest verankert sind. Das wissen nur solche Leute nicht, die mit
der Bewegung überhaupt nicht vertraut sind. Nur sehr naive oder nicht
unterrichtete Leute können die neuiskristischen Wiederholungen längst
bekannter Dinge, weil sie mit besonders wichtiger Miene vorgetragen wer-
den, noch für bare Münze nehmen.
Tatsache ist, daß man sich bei uns von den Aufgaben des Aufstands,
von den allgemein-politischen Losungen und von der Pflicht, die gesamte
Volksrevolution zu führen, keineswegs übermäßig hinreißen läßt, sondern
daß im Gegenteil die Rückständigkeit gerade in dieser Beziehung ins Auge
springt, daß sie der wundeste Punkt und eine reale Gefahr für die Bewe-
gung ist, die aus einer Bewegung der revolutionären Tat zu einer Bewe-
gung der revolutionären Worte entarten kann und hie und da auch schon
entartet. Unter den Hunderten und aber Hunderten von Organisationen,
Gruppen und Zirkeln, die Parteiarbeit leisten, wird man keine einzige
96
W. J. Centn
Organisation finden, in der nicht vom ersten Tag ihres Bestehens an jene
Alltagsarbeit geleistet würde, von der die Neunmalweisen aus der neuen
„Iskra" mit der Miene von Leuten reden, die neue Wahrheiten entdeckt
haben. Und umgekehrt wird man nur einen verschwindend geringen Pro-
zentsatz von Gruppen und Zirkeln finden, die sich der Aufgaben des be-
waffneten Aufstands bewußt geworden sind, die darangegangen sind, sie
zu erfüllen, die sich darüber Rechenschaft abgelegt haben, daß es not-
wendig ist, die gesamte Volksrevolution gegen den Zarismus zu führen,
daß es notwendig ist, gerade diese fortschrittlichen Losungen und nicht
andere aufzustellen.
Wir sind hinter den fortschrittlichen und wirklich revolutionären Auf-
gaben unglaublich zurückgeblieben, wir haben sie in einer Unzahl von
Fällen noch nicht erkannt, wir haben bald hier, bald dort die wegen unse-
rer Zurückgebliebenheit in dieser Beziehung erfolgte Erstarkung der revo-
lutionären bürgerlichen Demokratie verschlafen. Die Schriftsteller von der
neuen „Iskra" jedoch kehren dem Gang der Ereignisse und den Erforder-
nissen der Zeit den Rücken zu und wiederholen hartnäckig: Vergeßt nicht
das Alte! Laßt euch nidit hinreißen von dem Neuen! Das ist das stets
gleichbleibende Grundmotiv aller wesentlichen Resolutionen der Konfe-
renz, während man in den Resolutionen des Parteitags ebenso gleich-
bleibend lesen kann: Wir erkennen das Alte an (und halten uns nicht da-
mit auf, es wiederzukäuen, weil es eben das in der Literatur, durch
Resolutionen und durch die Erfahrung schon entschiedene und verankerte
Alte ist), stellen aber zugleich eine neue Aufgabe, lenken die Aufmerk-
samkeit auf sie, geben eine neue Losung aus und fordern von den wirklich
revolutionären Sozialdemokraten, daß sie unverzüglich an die Arbeit
gehen, um sie in die Tat umzusetzen.
So steht in Wirklichkeit die Frage der zwei Strömungen in der Taktik
der Sozialdemokratie. Die revolutionäre Epoche hat neue Aufgaben ge-
stellt, die nur gänzlich Blinde nicht sehen. Die einen Sozialdemokraten
bekennen sich entschieden zu diesen Aufgaben und setzen sie auf die
Tagesordnung: Der bewaffnete Aufstand ist unaufschiebbar, bereitet euch
unverzüglich und energisch darauf vor; seid dessen eingedenk, daß er für
den entscheidenden Sieg unerläßlich ist,- stellt die Losungen der Republik,
der provisorischen Regierung, der revolutionär-demokratischen Diktatur
des Proletariats und der Bauernschaft auf! Die anderen aber weichen
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 97
zurück, treten auf der Stelle, statt Losungen bieten sie Vorreden, statt des
Hinweises auf das Neue neben der Bekräftigung des Alten Wiederkäuen sie
dieses Alte weitschweifig und langweilig, erfinden Ausflüchte vor dem
Neuen, sind unfähig, die Bedingungen des entscheidenden Sieges zu be-
stimmen, sind unfähig, Losungen aufzustellen, die einzig und allein dem
Streben nach Erringung des vollen Sieges entsprechen.
Das Ergebnis dieser Nachtrabpolitik liegt bei uns auf der Hand. Die
Fabel von der Annäherung der „Mehrheit" der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands an die revolutionäre bürgerliche Demokratie
bleibt eine Fabel, die durch keine einzige politische Tatsache, durch keine
einzige maßgebende Resolution der „Bolschewiki", durch keine einzige
Handlung des III. Parteitags der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Ruß-
lands bestätigt wird. Indessen begrüßt aber die opportunistische, mon-
archistische Bourgeoisie in Gestalt des „Oswoboshdenije" seit langem die
„prinzipiellen" Tendenzen des Neuiskrismus und treibt jetzt mit seinem
Wasser schon direkt ihre eigene Mühle. Sie übernimmt alle neuiskristi-
schen Sprüchlein und „Ideechen" gegen die „Konspiration" und die „Re-
bellion", gegen die Übertreibung der „technischen" Seite der Revolution,
gegen die direkte Aufstellung der Losung des bewaffneten Aufstands,
gegen den „Revolutionarismus" der extremen Forderungen usw. usf. Die
Resolution einer ganzen Konferenz von „menschewistischen" Sozialdemo-
kraten im Kaukasus und die Billigung dieser Resolution durch die Redak-
tion der neuen „Iskra" ziehen das unzweideutige politische Fazit aus alle-
dem: daß die Bourgeoisie bloß nicht abschwenkt, falls das Proletariat an
der revolutionär-demokratischen Diktatur teilnimmt! Damit ist alles ge-
sagt. Damit ist die Verwandlung des Proletariats in ein Anhängsel der
monarchistisdien Bourgeoisie endgültig besiegelt. Damit ist die politische
Bedeutung der neuiskristischen Nachtrabideologie faktisch, nicht durch die
zufällige Erklärung einer einzelnen Person, sondern durch eine von der
ganzen Richtung ausdrücklich gebilligte Resolution bewiesen.
Wer sich in diese Tatsachen hineindenkt, der wird die wirkliche Be-
deutung des landläufigen Hinweises auf zwei Flügel und zwei Tendenzen
in der sozialdemokratischen Bewegung verstehen. Nehmt das Bersteini-
anertum, um diese Tendenzen im großen Maßstab zu studieren. Die
Bernsteinianer behaupteten und behaupten doch ganz genauso, daß sie und
nur sie die wahren Nöte des Proletariats kennen und sich darauf verstehen,
98
IV. X Lenin
das Wachstum seiner Kräfte zu fördern, die gesamte Arbeit zu vertiefen,
die Elemente der neuen Gesellschaft vorzubereiten, Propaganda und Agi-
tation zu treiben. Wir verlangen die offene Anerkennung dessen, was
ist! — sagt Bernstein und sanktioniert damit die „Bewegung" ohne „End-
ziel", sanktioniert allein die Taktik der Abwehr und predigt die Taktik
der Angst, „daß die Bourgeoisie bloß nicht abschwenkt" . Auch die Bem-
steinianer zeterten über das „Jakobinertum" der revolutionären Sozial-
demokraten, über die „Literaten", die für die „proletarische Selbsttätig-
keit" kein Verständnis hätten usw. usf. ln Wirklichkeit dachten, wie all-
gemein bekannt, die revolutionären Sozialdemokraten nicht im Traum
daran, die alltägliche Kleinarbeit, die Vorbereitung der Kräfte u. dgl. m.
zu vernachlässigen. Sie forderten nur die klare Erkenntnis des Endziels,
die klare Formulierung der revolutionären Aufgaben; sie wollten die halb-
proletarischen und halbkleinbürgerlichen Schichten zum revolutionären
Niveau des Proletariats emporheben, nicht aber dieses Niveau zu oppor-
tunistischen Erwägungen hinabzerren, „daß die Bourgeoisie bloß nicht
abschwenkt". Seinen prägnantesten Ausdruck fand dieser Gegensatz zwi-
schen dem intellektuell-opportunistischen und dem proletarisch-revolutio-
nären Flügel der Partei wohl in der Frage: Dürfen wir siegen?* ist es uns
erlaubt, zu siegen? ist es nicht gefährlich für uns, zu siegen? sollen wir
siegen? So merkwürdig diese Frage auf den ersten Blick anmutet, wurde
sie doch gestellt und mußte gestellt werden, denn die Opportunisten fürch-
teten den Sieg, schreckten das Proletariat mit ihm, prophezeiten Unheil
von ihm und verspotteten die Losungen, die offen zum Sieg aufriefen.
Dieselbe grundlegende Teilung in eine intellektuell-opportunistische
und eine proletarisch-revolutionäre Tendenz ist auch bei uns vorhanden,
nur mit dem sehr wesentlichen Unterschied, daß es sich hier nicht um die
sozialistische, sondern um die demokratische Umwälzung handelt. Auch
bei uns ist die auf den ersten Blick widersinnige Frage gestellt worden:
„Dürfen wir siegen?" Sie wird von Martynow in seinen „Zwei Dikta-
turen" gestellt, wo er Unheil prophezeite für den Fall, daß wir den Auf-
stand sehr gut vorbereiten und völlig erfolgreich durchführen. Sie wird
in der gesamten Literatur der Neuiskristen bei der Frage der proviso-
rischen revolutionären Regierung gestellt, wobei man die ganze Zeit eifrig,
aber erfolglos versucht, die Beteiligung Millerands an einer bürgerlich-
* „Dürfen wir siegen?" bei Lenin deutsch. Der Tibers.
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdben Revolution 99
opportunistischen Regierung mit der Beteiligung Varlins29 an einer klein-
bürgerlichen Revolutionsregierung in einen Topf zu werfen. Sie ist in
einer Resolution festgehalten: „daß die Bourgeoisie bloß nicht abschwenkt".
Und wenngleich Kautsky zum Beispiel jetzt ironisch meint, unser Streit
über die provisorische revolutionäre Regierung erinnere an die Teilung
des Fells eines noch nicht erlegten Bären, so zeigt diese Ironie nur, daß
sogar kluge und revolutionäre Sozialdemokraten danebenhauen, wenn sie
über etwas reden, was sie nur vom Hörensagen kennen. Die deutsche
Sozialdemokratie ist noch nicht so weit, den Bären zu erlegen (die sozia-
listische Umwälzung zu vollbringen), aber die Polemik darüber, ob wir
ihn erlegen „dürfen", war von größter prinzipieller und praktisch-poli-
tischer Bedeutung. Die russischen Sozialdemokraten sind noch nicht so
weit, daß sie „ihren Bären erlegen" (die demokratische Umwälzung voll-
bringen) könnten, aber die Frage, ob wir ihn erlegen „dürfen", ist für die
ganze Zukunft Rußlands und für die Zukunft der russischen Sozialdemo-
kratie von höchst ernster Bedeutung. Ohne die Überzeugung, daß wir
siegen „dürfen", kann von einer energischen, erfolgreichen Sammlung und
Führung der Armee keine Rede sein.
Nehmt unsere alten Ökonomisten! Sie schrien auch, daß ihre Gegner
Verschwörer, Jakobiner seien (siehe das „Rabotscheje Delo", besonders
Nr. 10, und Martynows Rede in der Programmdiskussion auf dem II. Par-
teitag), daß sie sich von den Massen loslösen, wenn sie sich in die Politik
stürzen, daß sie die Grundlagen der Arbeiterbewegung vergessen, nicht
mit der proletarischen Selbsttätigkeit rechnen usw. usf. In Wirklichkeit
aber waren diese Anhänger der „proletarischen Selbsttätigkeit" oppor-
tunistische Intellektuelle, die den Arbeitern ihre enge, philisterhafte Auf-
fassung von den Aufgaben des Proletariats aufnötigten. In Wirklichkeit
haben die Gegner des Ökonomismus, wie jeder aus der alten „Iskra" er-
sehen kann, keine einzige Seite der sozialdemokratischen Arbeit vernach-
lässigt oder in den Hintergrund geschoben und den ökonomischen Kampf
nicht im geringsten vergessen. Zugleich aber haben sie es verstanden, die
aktuellen und nächsten politischen Fragen in ihrem ganzen Umfang auf-
zurollen, und haben der Verwandlung der Arbeiterpartei in ein „ökono-
misches" Anhängsel der liberalen Bourgeoisie entgegengewirkt.'
Die Ökonomisten hatten auswendig gelernt, daß der Politik die Öko-
nomik zugrunde liegt, und das so „verstanden", daß man den politischen
100
W. J. Lenin
Kampf zum ökonomischen herabwürdigen müsse. Die Neuiskristen haben
auswendig gelernt, daß die ökonomische Grundlage der demokratischen
Umwälzung die bürgerliche Revolution ist, und das so „verstanden", daß
man die demokratischen Aufgaben des Proletariats auf das Niveau der
bürgerlichen Mäßigung herabwürdigen und innerhalb jener Grenzen hal-
ten müsse, jenseits derer die „Bourgeoisie abschwenken" würde. Die
Ökonomisten lieferten unter dem Vorwand der Vertiefung der Arbeit,
unter dem Vorwand der proletarischen Selbsttätigkeit und der reinen
Klassenpolitik in Wirklichkeit die Arbeiterklasse an die bürgerlich-libe-
ralen Politiker aus, d. h., sie führten die Partei auf einen Weg, dessen
objektive Bedeutung eben darin bestand. Die Neuiskristen verraten unter
denselben Vorwänden in Wirklichkeit die Interessen des Proletariats in
der demokratischen Revolution an die Bourgeoisie, d. h., sie führen die
Partei auf einen Weg, dessen objektive Bedeutung eben darin besteht.
Den Ökonomisten schien die Hegemonie im politischen Kampf nicht Sache
der Sozialdemokraten, sondern eigentlich Sache der Liberalen zu sein.
Den Neuiskristen scheint die aktive Durchführung der demokratischen
Revolution nicht Sache der Sozialdemokraten, sondern eigentlich Sache
der demokratischen Bourgeoisie zu sein, weil durch die Führung und die
überragende Beteiligung des Proletariats der „Schwung" der Revolution
„geschwächt" würde.
Kurzum, die Neuiskristen sind die Epigonen des Ökonomismus, nicht
nur nach der Art, wie ihre Richtung auf dem II. Parteitag entstand, son-
dern auch nach der Art, wie sie heute die taktischen Aufgaben des Prole-
tariats in der demokratischen Revolution stellen. Das ist ebenfalls der in-
tellektuell-opportunistische Flügel der Partei. In der Organisationsfrage
debütierte er mit dem anarchistischen Individualismus der Intellektuellen,
und er endete mit der „Desorganisation als Prozeß", da er in dem von der
Konferenz angenommenen „Statut"30 die Trennung der Literatur von der
Parteiorganisation, indirekte, wenn nicht gar vierstufige Wahlen und ein
System bonapartistischer Plebiszite an Stelle des demokratischen Vertre-
tungssystems und schließlich das Prinzip der „Vereinbarung" zwischen
einem Teil und dem Ganzen verankerte. In der Taktik der Partei gerieten
diese Leute auf eine ebenso schiefe Ebene. Im „Plan der Semstwokam-
pagne" erklärten sie das Auftreten vor den Semstwopolitikern zum „höch-
sten Typus der Demonstration", da sie (am Vorabend des 9. Januar!)
Zwei Jaktiken der Sozialdemokratie in der demokratisiert Revolution 101
auf der politischen Bühne nur zwei aktive Kräfte sahen — die Regierung
und die bürgerliche Demokratie. Die aktuelle Aufgabe der Bewaffnung
„vertieften" sie, indem sie die direkte, praktische Losung durch die Auf-
forderung ersetzten, sich mit dem brennenden Verlangen nach Selbst-
bewaffnung auszurüsten. Die Aufgaben des bewaffneten Aufstands, der
provisorischen Regierung, der revolutionär-demokratischen Diktatur ha-
ben sie jetzt in ihren offiziellen Resolutionen entstellt und gestutzt. „Daß
die Bourgeoisie bloß nicht abschwenkt" — dieser Schlußakkord ihrer letz-
ten Resolution wirft ein helles Licht auf die Frage, wohin ihr Weg die
Partei führt.
Die demokratische Umwälzung in Rußland ist ihrem gesellschaftlich-
ökonomischen Wesen nach eine bürgerliche Revolution. Es genügt aber
nicht, diese richtige marxistische These einfach zu wiederholen. Man muß
es verstehen, in sie einzudringen und sie bei der Aufstellung politischer
Losungen anzuwenden. Auf dem Boden der heutigen, d. h. der kapita-
listischen Produktionsverhältnisse ist alle politische Freiheit schlechthin
bürgerliche Freiheit. Die Forderung nach Freiheit bringt vor allem die
Interessen der Bourgeoisie zum Ausdruck. Ihre Vertreter haben als erste
diese Forderung aufgestellt. Ihre Anhänger haben von der erhaltenen
Freiheit überall als Herren Gebrauch gemacht, sie auf ein bescheidenes
und genaues bürgerliches Maß reduziert und sie in friedlichen Zeiten mit
einer äußerst raffinierten, in stürmischen Zeiten mit einer tierisch-grau-
samen Unterdrückung des revolutionären Proletariats verbunden.
Aber daraus eine Ablehnung oder Herabsetzung des Kampfes für die
Freiheit ableiten konnten nur die Rebellen vom Schlage der Volkstümler,
die Anarchisten und „Ökonomisten". Dem Proletariat diese intellektuell-
philisterhafte Lehre aufzuzwingen gelang immer nur vorübergehend, nur
gegen seinen Widerstand. Das Proletariat empfand instinktiv, daß es die
politische Freiheit braucht, sie am allermeisten braucht, obwohl sie un-
mittelbar die Bourgeoisie festigen und organisieren wird. Nicht vom Aus-
weichen vor dem Klassenkampf erwartet das Proletariat sein Heil, son-
dern davon, daß es den Klassenkampf entfaltet, ihn ausweitet, ihn be-
wußter, organisierter und entschlossener führt. Wer die Aufgaben des
politischen Kampfes herabsetzt, der verwandelt den Sozialdemokraten aus
einem Volkstribunen in einen Trade-Union-Sekretär. Wer die proleta-
rischen Aufgaben in der demokratischen bürgerlichen Revolution herab-
102
TV. 3. Lenin
setzt, der verwandelt den Sozialdemokraten aus dem Führer der Volks-
revolution in den Leiter eines freien Arbeiterverbandes.
Ja, der 'Volksrevolution. Die Sozialdemokratie kämpfte und kämpft
mit vollem Recht gegen den bürgerlich-demokratischen Mißbrauch des
Wortes Volk. Sie verlangt, daß mit diesem Wort nicht das Unverständnis
für die Klassenantagonismen innerhalb des Volkes bemäntelt wird. Sie
besteht kategorisch darauf, daß es für die Partei des Proletariats not-
wendig ist, ihre volle Klassenselbständigkeit zu bewahren. Sie teilt aber
das „Volk" nicht in „Klassen" ein, damit die fortgeschrittenste Klasse sich
abkapselt, sich auf ein enges Maß beschränkt und ihre Tätigkeit durch'
Erwägungen von der Art beschneidet, daß die ökonomischen Beherrscher
der Welt bloß nicht abschwenken — sondern damit die fortgeschrittenste
Klasse, unbehindert von der Halbschlächtigkeit, Unbeständigkeit und Un-
entschlossenheit der Mittelklassen, mit um so größerer Energie, mit um
so größerem Enthusiasmus an der Spitze des ganzen Volkes für die Sache
des ganzen Volkes kämpft.
Und eben das ist es, was die heutigen Neuiskristen, die die Aufstellung
von aktiven politischen Losungen in der demokratischen Revolution durch
die bloße räsonierende Wiederholung des Wortes „Klassen" in allen
grammatischen Abwandlungen ersetzen, oft nicht verstehen!
Die demokratische Umwälzung ist bürgerlich. Die Losung von der
schwarzen Umteilung oder von Land und Freiheit — diese meistverbreitete
Losung der geduckten und unaufgeklärten, aber leidenschaftlich nach Licht
und Glück strebenden Bauernmassen — ist bürgerlich. Wir Marxisten aber
müssen wissen, daß es keinen anderen Weg zur wirklichen Freiheit des
Proletariats und der Bauernschaft gibt noch geben kann als den Weg der
bürgerlichen Freiheit und des bürgerlichen Fortschritts. Wir dürfen nicht
vergessen, daß es in der gegenwärtigen Zeit kein anderes Mittel gibt noch
geben kann, um den Sozialismus näher zu bringen, als die volle politische
Freiheit, als die demokratische Republik, als die revolutionär-demokra-
tische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Als Vertreter der
fortgeschrittensten und einzigen revolutionären Klasse, die keine Vor-
behalte macht, keine Zweifel hat und nicht nach rückwärts blickt, müssen
wir die Aufgaben der demokratischen Umwälzung vor dem ganzen Volke
so breit, so kühn und mit soviel Initiative wie nur möglich stellen. Die
Mißachtung dieser Aufgaben ist theoretisch eine Karikatur auf den
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 103
Marxismus und eine philisterhafte Verzerrung des Marxismus; praktisch-
politisch aber liefert man damit die Sache der Revolution an die Bour-
geoisie aus, die vor der konsequenten Durchführung der Revolution un-
weigerlich zurückscheuen wird. Die Schwierigkeiten, die dem vollen Sieg
der Revolution im Wege stehen, sind sehr groß. Niemand wird die Ver-
treter des Proletariats verurteilen können, wenn sie alles tun, was in ihren
Kräften steht, auch wenn ihre Bemühungen am Widerstand der Reaktion,
am Verrat der Bourgeoisie, an der Unaufgeklärtheit der Massen zerschel-
len sollten. Aber jedermann — und vor allem das klassenbewußte Prole-
tariat — wird die Sozialdemokratie verurteilen, wenn sie die revolutionäre
Energie der demokratischen Umwälzung eindämmen, den revolutionären
Enthusiasmus dämpfen wird, aus Angst vor dem Sieg und aus der Er-
wägung heraus, daß die Bourgeoisie bloß nicht abschwenkt.
Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte, sagte Marx.31
Die Revolutionen sind Festtage der Unterdrückten und Ausgebeuteten.
Nie vermag die Volksmasse als ein so aktiver Schöpfer neuer gesellschaft-
licher Zustände aufzutreten wie während der Revolution. Gemessen an
dem engen, kleinbürgerlichen Maßstab des allmählichen Fortschritts ist
das Volk in solchen Zeiten fähig, Wunder zu wirken. Es ist aber not-
wendig, daß in einer solchen Zeit auch die Führer der revolutionären
Parteien ihre Aufgaben breiter und kühner stellen, daß ihre Losungen
der revolutionären Initiative der Masse stets vorangehen, ihr als Fanal
dienen, unser demokratisches und sozialistisches Ideal in seiner ganzen
Erhabenheit und seiner ganzen Schönheit zeigen und den nächsten, den
direktesten Weg zum vollen, unbedingten und entscheidenden Sieg weisen,
überlassen wir es den Opportunisten der um das „Oswoboshdenije"
gruppierten Bourgeoisie, aus Angst vor der Revolution und aus Angst vor
dem direkten Weg Umwege, Schleichwege und Kompromißwege auszu-
tüfteln. Sollte man uns mit Gewalt zwingen, uns auf solchen Wegen
dahinzuschleppen, so werden wir auch in der täglichen Kleinarbeit unsere
Pflicht zu tun wissen. Vorerst aber soll rücksichtsloser Kampf über die
Wahl des Weges entscheiden. Wir würden uns als Verräter und Ab-
trünnige der Revolution erweisen, wollten wir diese festtägliche Energie
der Massen und ihren revolutionären Enthusiasmus nicht für den rück-
sichtslosen, hingebungsvollen Kampf um den direkten und entscheidenden
Weg ausnutzen. Mögen die Opportunisten der Bourgeoisie feige an die
104
W. 1 Centn
künftige Reaktion denken. Die Arbeiter -wird nichts schrecken, weder der
Gedanke, daß die Reaktion sich anschickt, furchtbar zu sein, noch der
Gedanke, daß die Bourgeoisie sich anschickt, abzuschwenken. Die Arbei-
ter erwarten keine Kompromisse und bitten nicht um Almosen; sie trach-
ten danach, die reaktionären Kräfte rücksichtslos zu zerschlagen, d. h. die
revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauern-
schaft zu errichten.
Ohne Frage drohen in einer stürmischen Zeit unserem Parteischiff mehr
Gefahren als beim stillen „Dahingleiten" des liberalen Fortschritts, der
ein qualvoll-langsames Auspressen der Lebenssäfte der Arbeiterklasse
durch ihre Ausbeuter bedeutet. Ohne Frage sind die Aufgaben der revo-
lutionär-demokratischen Diktatur tausendmal schwieriger und kompli-
zierter als die Aufgaben der „äußersten Opposition" und des nur parla-
mentarischen Kampfes. Wer es aber im gegenwärtigen revolutionären
Zeitpunkt fertigbringt, bewußt das friedliche Dahingleiten und den Weg
der gefahrlosen „Opposition" vorzuziehen, der soll sich lieber eine Zeit-
lang von der sozialdemokratischen Arbeit f enthalten und abwarten,bis die
Revolution zu Ende geht, bis der Festtag vorbei ist und der Alltag wieder
beginnt, bis sein beschränktes Alltagsmaß nicht mehr eine so widerwär-
tige Dissonanz, eine so abscheuliche Verzerrung der Aufgaben der fort-
geschrittensten Klasse sein wird.
An der Spitze des gesamten Volkes und besonders der Bauernschaft —
für die volle Freiheit, für die konsequente demokratische Umwälzung, für
die Republik! An der Spitze aller Werktätigen und Ausgebeuteten — für
den Sozialismus! Das muß in der Tat die Politik des revolutionären Pro-
letariats sein, so muß die Klassenlosung lauten, die während der Revolu-
tion die Lösung jeder taktischen Frage und jeden praktischen Schritt der
Arbeiterpartei durchdringen und bestimmen muß.
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 105
NACHWORT
Noch einmal das Oswoboshdenzentum,
noch einmal der Neuiskrismus
Die Nummern 71 und 72 des „Oswoboshdenije" sowie 102 und 103
der „Iskra" haben neues, überaus reiches Material zu der von uns in
Abschnitt 8 unserer Broschüre behandelten Frage geliefert. Da wir außer-
stande sind, hier dieses ganze reichhaltige Material zu verwenden, wollen
wir nur auf das Wichtigste eingehen: erstens darauf, welchen „Realismus"
in der Sozialdemokratie das „Oswoboshdenije" über den grünen Klee
lobt und warum es ihn loben muß; zweitens darauf, wie sich die Begriffe
Revolution und Diktatur zueinander verhalten.
1. WOFÜR LOBEN DIE BÜRGERLICH-LIBERALEN REALISTEN
DIE SOZIALDEMOKRATISCHEN „REALISTEN"?
Die Artikel „Die Spaltung in der russischen Sozialdemokratie" und
„Der Triumph des gesunden Menschenverstands" (Nr. 72 des „Oswo-
boshdenije") sind ein für die klassenbewußten Proletarier außerordent-
lich wertvolles Urteil der Vertreter der liberalen Bourgeoisie über die
Sozialdemokratie. Man kann jedem Sozialdemokraten nicht genug emp-
fehlen, sich mit diesen Artikeln in ihrem vollen Wortlaut bekannt zu
machen und über jeden Satz darin nadhzudenken. Zunächst wollen wir
die wichtigsten Stellen der beiden Artikel wiedergeben:
„Für den außenstehenden Beobachter", sagt das „Oswoboshdenije", „ist es
ziemlich schwierig, den realen politischen Sinn der Meinungsverschiedenheiten
zu erfassen, welche die Sozialdemokratie in zwei Fraktionen gespalten haben.
Die Erklärung, daß die Fraktion der , Mehrheit' die radikalere und konsequen-
8 Lenin, Werke, Bd. 9
106
“W. J. Lenin
tere sei, zum Unterschied von der ,Minderheit‘; die im Interesse der Sache ge-
wisse Kompromisse zulasse, ist nicht ganz genau und stellt jedenfalls keine er-
schöpfende Charakteristik dar. Wenigstens hütet die Fraktion der Minderheit
die traditionellen Dogmen der marxistischen Orthodoxie wohl mit noch größe-
rer Eifersucht als die Fraktion Lenins. Genauer scheint uns folgende Charakte-
ristik zu sein. Die politische Grundstimmung der .Mehrheit' bildet abstrakter
Revolutionarismus, Rebellentum, das Bestreben, mit beliebigen Mitteln einen
Aufstand der Volksmassen herbeizuführen und in ihrem Namen unverzüglich
die Macht zu ergreifen,- das bringt die .Leninisten' bis zu einem gewissen Grade
den Sozialrevolutionären nahe und verdrängt in ihrem Bewußtsein die Idee des
Klassenkampfes durch die Idee der allgemeinen russischen Volksrevolution;
während sich die .Leninisten' in ihrer Praxis von vielen Beschränktheiten der
sozialdemokratischen Doktrin lossagen, sind sie anderseits bis ins innerste Mark
von der Beschränktheit des Revolutionarismus durchdrungen, verzichten auf
jede praktische Arbeit außer der Vorbereitung des sofortigen Aufstands und
ignorieren grundsätzlich alle Formen der legalen und halblegalen Agitation und
alle Arten praktisch-nützlicher Kompromisse mit anderen oppositionellen Strö-
mungen. Die Minderheit dagegen hält sich zwar streng an das marxistische
Dogma, bewahrt aber zugleich auch die realistischen Elemente der marxisti-
schen Weltanschauung. Die Grundidee dieser Fraktion ist die Gegenüberstel-
lung der Interessen des .Proletariats' und der Interessen der Bourgeoisie. Doch
anderseits denkt sie über den Kampf des Proletariats — selbstverständlich in
den bestimmten Grenzen, die von den unerschütterlichen Dogmen der Sozial-
demokratie diktiert werden — realistisch nüchtern, mit klarer Erkenntnis aller
konkreten Bedingungen und Aufgaben dieses Kampfes. Beide Fraktionen füh-
ren ihren grundlegenden Standpunkt nicht ganz folgerichtig durch, da sie in
ihrem geistig-politischen Schaffen an die starren Formeln des sozialdemokrati-
schen Katechismus gebunden sind, welche die .Leninisten' hindern, konsequente
Rebellen nach dem Muster wenigstens einiger Sozialrevolutionäre zu werden,
und die .Iskristen' hindern, praktische Führer der realen politischen Bewegung
der Arbeiterklasse zu werden."
Der Artikelschreiber des „Oswoboshdenije" führt dann den Inhalt der wich-
tigsten Resolutionen an und erläutert durch einige konkrete Bemerkungen zu
ihnen seinen allgemeinen „Gedankengang". Verglichen mit dem III. Parteitag,
sagt er, „verhält sich die Konferenz der Minderheit völlig anders zum be-
waffneten Aufstand". Der Unterschied der Resolutionen über die provisorische
Regierung „hängt mit der Einstellung zum bewaffneten Aufstand zusammen".
„Eine ebensolche Meinungsverschiedenheit tritt auch in der Einstellung zu den
Gewerkschaftsverbänden der Arbeiter zutage. Die .Leninisten' haben in ihren
Z wei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 107
Resolutionen diesen wichtigsten Ausgangspunkt für die politische Erziehung
und Organisation der Arbeiterklasse mit keiner Silbe erwähnt. Die Minder-
heit dagegen hat eine sehr ernste Resolution ausgearbeitet." In bezug auf die
Liberalen seien sich beide Fraktionen einig, aber der III. Parteitag „wiederholt
fast wörtlich die vom II. Parteitag angenommene Resolution Plechanows über
die Stellung zu den Liberalen und verwirft die auf demselben Parteitag an-
genommene, den Liberalen gewogenere Resolution Starowers". Bei sonst all-
gemeiner Gleichartigkeit der Resolutionen des Parteitags und der Konferenz
über die Bauernbewegung „unterstreicht die .Mehrheit' mehr die Idee der revo-
lutionären Konfiskation der gutsherrlichen und anderer Ländereien, während
die .Minderheit' die Forderungen demokratischer Reformen in Staat und Ver-
waltung zur Grundlage ihrer Agitation machen will".
Schließlich zitiert das „Oswoboshdenije" aus Nr. 100 der „Iskra" eine men-
schewistische Resolution, deren Hauptpunkt lautet: „In der Erwägung, daß
gegenwärtig die illegale Arbeit allein der Masse keine genügende Garantie für
ihre Beteiligung am Parteileben bietet und teilweise dazu führt, daß die Masse
als solche der Partei als illegaler Organisation entgegengestellt wird, muß die
Partei die Leitung des gewerkschaftlichen Kampfes der Arbeiter auf legalem
Boden in die Hand nehmen und diesen Kampf mit den Aufgaben der Sozial-
demokratie eng verbinden." Anläßlich dieser Resolution ruft das „Oswobosh-
denije" aus.- „Wir begrüßen diese Resolution aufs wärmste als einen Triumph
des gesunden Menschenverstands, als taktische Erleuchtung eines bestimmten
Teils der sozialdemokratischen Partei."
Jetzt hat der Leser alle wesentlichen Urteile des „Oswoboshdenije"
vor sich. Selbstverständlich wäre es der größte Fehler, diese Urteile in
dem Sinne für richtig zu halten, daß sie der objektiven Wahrheit ent-
sprächen. Jeder Sozialdemokrat wird in ihnen mit Leichtigkeit auf Schritt
und Tritt Fehler entdecken. Es wäre naiv, zu vergessen, daß alle diese
Urteile durch und durch den Interessen und dem Standpunkt der liberalen
Bourgeoisie entsprechen, daß sie in diesem Sinne durch und durch par-
teiisch und tendenziös sind. Sie widerspiegeln die Auffassungen der Sozial-
demokratie genauso, wie ein konkaver oder konvexer Spiegel die Gegen-
stände widerspiegelt. Ein noch größerer Fehler aber wäre es, zu vergessen,
daß diese bürgerlich verzerrten Urteile letzten Endes die wirklichen Inter-
essen der Bourgeoisie widerspiegeln, die als Klasse zweifellos richtig ver-
steht, welche Tendenzen innerhalb der Sozialdemokratie ihr, der Bour-
geoisie, vorteilhaft, nahe, verwandt, sympathisch und welche ihr schäd-
lich, fern, fremd, unsympathisch sind. Ein bürgerlicher Philosoph oder ein
s*
108
IV. 1. Lenin
bürgerlicher Publizist wird die Sozialdemokratie nie richtig verstehen,
weder die menschewistische noch die bolschewistische Sozialdemokratie.
Wenn er aber ein auch nur halbwegs kluger Publizist ist, so wird ihn sein
Klasseninstinkt nicht täuschen, und er wird die Bedeutung der einen oder
anderen Richtung innerhalb der Sozialdemokratie für die Bourgeoisie
immer im Wesentlichen richtig erfassen, wenn er sie auch verkehrt dar-
stellt. Der Klasseninstinkt unseres Feindes und sein Klassenurteil ver-
dienen daher stets die ernsteste Aufmerksamkeit jedes klassenbewußten
Proletariers.
Was sagt uns nun der Klasseninstinkt der russischen Bourgeoisie durch
den Mund der Oswoboshdenzen?
Er bringt völlig eindeutig seine Zufriedenheit mit den Tendenzen des
Neuiskrismus zum Ausdruck, lobt seinen Realismus, seine Nüchternheit,
den Triumph des gesunden Menschenverstands, den Ernst der Resolutio-
nen, die taktische Erleuchtung, den praktischen Sinn usw. — und er bringt
seinen Unwillen über die Tendenzen des III. Parteitags zum Ausdruck,
tadelt ihn wegen seiner Beschränktheit, seines Revolutionarismus, seines
Rebellentums, seiner Ablehnung praktisch-nützlicher Kompromisse usw.
Der Klasseninstinkt der Bourgeoisie diktiert ihr gerade das, was in unserer
Literatur schon wiederholt mit genauen Tatsachen bewiesen worden ist,
nämlich daß die Neuiskristen den opportunistischen, ihre Gegner aber den
revolutionären Flügel der heutigen russischen Sozialdemokratie bilden.
Die Liberalen können nicht umhin, mit den Tendenzen der ersteren zu
sympathisieren und die Tendenzen der letzteren zu tadeln. Als Ideologen
der Bourgeoisie verstehen die Liberalen ausgezeichnet, daß „der prak-
tische Sinn, die Nüchternheit, der Ernst" der Arbeiterklasse, d. h. die
faktische Beschränkung ihres Tätigkeitsgebiets auf den Rahmen des Kapi-
talismus, auf Reformen, auf gewerkschaftlichen Kampf usw. für die Bour-
geoisie vorteilhaft ist. Gefährlich und bedrohlich ist für die Bourgeoisie
die „revolutionaristische Beschränktheit" des Proletariats und sein Be-
streben, im Namen seiner Klassenaufgaben die führende Rolle in der
allgemeinen russischen Volksrevolution zu übernehmen.
Daß die Oswoboshdenzen das Wort „Realismus" tatsächlich in diesem
Sinn auffassen, ersieht man unter anderem daraus, wie das „Oswobosh-
denije" und Herr Struve es früher angewandt haben. Die „Iskra" selbst
mußte wohl oder übel zugeben, daß „Realismus" bei den Oswoboshden-
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 109
zen diese Bedeutung hat. Man erinnere sich zum Beispiel des Artikels „Es
ist Zeit!" in der Beilage zu Nr. 73/74 der „Iskra". Der Verfasser dieses
Artikels (ein konsequenter Verkünder der Ansichten des „Sumpfes" auf
dem II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands)
äußerte unumwunden seine Meinung, daß „Akimow auf dem Parteitag
eher die Rolle eines Gespenstes des Opportunismus als seines wirklichen
Vertreters gespielt hat". Und die Redaktion der „Iskra" war sofort ge-
nötigt, den Verfasser des Artikels „Es ist Zeit!" dadurch richtigzustellen,
daß sie in einer Anmerkung erklärte:
„Dieser Meinung können wir nicht zustimmen. Die programmatischen Auf-
fassungen des Gen. Akimow tragen das unverkennbare Gepräge des Opportu-
nismus, was auch der Kritiker des ,Oswoboshdenije‘ in einer der letzten Num-
mern anerkennt, indem er feststellt, daß Gen. Akimow der .realistischen“ — lies:
revisionistischen — Richtung angehört."
Also weiß die „Iskra" selbst sehr gut, daß der „Realismus" der Oswo-
boshdenzen eben Opportunismus ist und nichts anderes. Wenn die „Iskra"
jetzt bei ihren Angriffen gegen den „liberalen Realismus" (Nr. 102 der
„Iskra") verschweigt, wie sie wegen ihres Realismus von den liberalen
gelobt worden ist, so erklärt sich dieses Schweigen daraus, daß ein solches
Lob bitterer ist als jeder Tadel. Solches Lob (vom „Oswoboshdenije"
nicht zufällig und nicht zum erstenmal gespendet) beweist in der Tat die
Verwandtschaft des liberalen Realismus mit jenen Tendenzen des sozial-
demokratischen „Realismus" (lies: Opportunismus), die infolge der Feh-
lerhaftigkeit der ganzen taktischen Position der Neuiskristen in jeder ihrer
Resolutionen sichtbar sind.
In der Tat, die russische Bourgeoisie hat ihre Inkonsequenz und ihren
Eigennutz in der „allgemeinen Volks"revolution schon hinreichend offen-
bart — offenbart sowohl durch die Betrachtungen des Herrn Struve als
auch durch den ganzen Ton und Inhalt einer Masse liberaler Zeitungen
und durch den Charakter des politischen Auftretens einer Menge von
Semstwoleuten, einer Menge von Intellektuellen, überhaupt aller mög-
lichen Anhänger der Herren Trubezkoi, Petrunkewitsch, Roditschew und
Co. Die Bourgeoisie versteht freilich nicht immer klar, erfaßt aber im
großen und ganzen mit ihrem Klasseninstinkt ausgezeichnet, daß einer-
seits das Proletariat und das „Volk" für ihre Revolution als Kanonen-
futter, als Sturmbock gegen die Selbstherrschaft nützlich sind, daß ander-
110
'W.J. Lenin
seits aber das Proletariat und die revolutionäre Bauernschaft für sie furcht-
bar gefährlich sind, falls sie den „entscheidenden Sieg über den Zarismus"
erringen und die demokratische Revolution zu Ende führen sollten. Des-
halb trachtet die Bourgeoisie mit allen Kräften danach, daß sich das Prole-
tariat mit einer „bescheidenen" Rolle in der Revolution begnüge, daß es
nüchterner, praktischer, realistischer sei, daß seine Tätigkeit durch das
Prinzip bestimmt werde, „daß die Bourgeoisie bloß nicht abschwenkt".
Die intelligenten Bourgeois wissen ausgezeichnet, daß sie die Arbeiter-
bewegung nicht aus der Welt schaffen können. Darum treten sie gar nicht
gegen die Arbeiterbewegung, gegen den Klassenkampf des Proletariats
auf — nein, sie erweisen der Streikfreiheit und dem zivilisierten Klassen-
kampf sogar jede Reverenz, wobei sie die Arbeiterbewegung und den
Klassenkampf im Brentanoschen oder Hirsch-Dunckerschen Sinne auf-
fassen. Mit anderen Worten, sie sind durchaus bereit, den Arbeitern die
(faktisch von den Arbeitern selbst schon fast errungene) Streik- und Koa-
litionsfreiheit „zuzugestehen", nur damit die Arbeiter auf das „Rebellen-
tum", auf den „beschränkten Revolutionarismus", auf die Feindschaft
gegen die „praktisch-nützlichen Kompromisse", auf die Ansprüche und
Bestrebungen verzichten, der „allgemeinen russischen Volksrevolution"
den Stempel ihres Klassenkampfes, den Stempel der proletarischen Kon-
sequenz, der proletarischen Entschlossenheit, des „plebejischen Jakobiner-
tums" aufzudrücken. Die intelligenten Bourgeois ganz Rußlands bemühen
sich deshalb aus allen Kräften, den Arbeitern durdi tausenderlei Mittel
und Wege — Bücher*, Vorlesungen, Reden, Diskussionen usw. usf. — die
Ideen der (bürgerlichen) Nüchternheit, des (liberalen) praktischen Sinns,
des (opportunistischen) Realismus, des (Brentanoschen) Klassenkampfes,
der (Hirsch-Dunckerschen) Gewerkschaften32 u. dgl. m. einzuflößen. Die
beiden letzten Losungen sind für die Bourgeois der „konstitutionell-demo-
kratischen" oder „Befreiungs"-Partei besonders bequem, denn sie stim-
men äußerlich mit den marxistischen überein und können, wenn man hier
ein wenig verschweigt und dort ein bißchen verdreht, leicht mit den sozial-
demokratischen Losungen verwechselt, ja manchmal sogar als sozialdemo-
kratische Losungen ausgegeben werden. Da schreibt z. B. die legale libe-
rale Zeitung „Rasswet" [Morgendämmerung] (über die wir uns mit den
Lesern des „Proletari" ein andermal ausführlicher unterhalten wollen)
* Siehe Prokopowitsdb, „Die Arbeiterfrage in Rußland".
Zwei I Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdhen Revolution 111
über den Klassenkampf, über den möglichen Betrug der Bourgeoisie am
Proletariat, über die Arbeiterbewegung, über die Selbsttätigkeit des Pro-
letariats usw. usf. nicht selten derart „kühne" Dinge, daß ein unaufmerk-
samer Leser oder ein unaufgeklärter Arbeiter ihren „Sozialdemokratis-
mus" leicht für bare Münze nehmen können. In Wirklichkeit aber ist das
eine bürgerliche Fälschung des Sozialdemokratismus, eine opportunistische
Verdrehung und Entstellung des Begriffs Klassenkampf.
Dieser ganzen gigantischen (hinsichtlich der Beeinflussung der Massen)
bürgerlichen Unterschiebung liegt die Tendenz zugrunde, die Arbeiter-
bewegung vorwiegend auf die ' Gewerkschaf tsbewegung zu beschränken,
sie von einer selbständigen (d. h. revolutionären und auf die demokra-
tische Diktatur gerichteten) Politik femzuhalten, „im Bewußtsein der
Arbeiter die Idee der allgemeinen russischen Volksrevolution durch die
Idee des Klassenkampfes zu verdrängen".
Wie der Leser sieht, haben wir die Formulierung des „Oswobosh-
denije" auf den Kopf gestellt. Es ist eine prachtvolle Formulierung, welche
die zwei Ansichten über die Rolle des Proletariats in der demokratischen
Revolution, die bürgerliche und die sozialdemokratische Ansicht, aus-
gezeichnet zum Ausdruck bringt. Die Bourgeoisie möchte das Proletariat
allein auf die Gewerkschaftsbewegung beschränken und damit „im Be-
wußtsein der Arbeiter die Idee der allgemeinen russischen Volksrevolu-
tion durch die ( Brentanosdbe ) Idee des Klassenkampfes verdrängen" —
ganz im Geiste der bernsteinianischen Verfasser des „Credos", die im
Bewußtsein der Arbeiter die Idee des politischen Kampfes durch die Idee
der „reinen Arbeiter"bewegung verdrängten. Die Sozialdemokratie da-
gegen möchte den Klassenkampf des Proletariats bis zu dessen führender
Teilnahme an der allgemeinen russischen Volksrevolution ausdehnen, d. h.
diese Revolution bis zur demokratischen Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft führen.
Die Revolution ist bei uns eine allgemeine Volksrevolution, sagt die
Bourgeoisie dem Proletariat. — Darum mußt du dich, als besondere Klasse,
auf deinen Klassenkampf beschränken, mußt im Namen des „gesunden
Menschenverstands" dein Hauptaugenmerk auf die Gewerkshaftsver-
bände und ihre Legalisierung richten. Du mußt gerade diese Gewerk-
shaftsverbände als den „wichtigsten Ausgangspunkt deiner politischen
Erziehung und Organisation" betrachten, mußt im revolutionären Augen-
112
TV. J. Lenin
blick vorwiegend „ernste" Resolutionen im Geiste der Neuiskristen ver-
fassen und mußt die Resolutionen, die „den Liberalen gewogener" sind,
mit Sorgfalt behandeln. Du mußt solchen Führern den Vorzug geben, die
die Tendenz haben, „praktische Führer der realen politischen Bewegung
der Arbeiterklasse" zu werden, mußt dir „die realistischen Elemente der
marxistischen Weltanschauung bewahren" (falls du bedauerlicherweise
schon von den „starren Formeln" dieses „unwissenschaftlichen" Katechis-
mus angesteckt worden bist).
Die Revolution ist bei uns eine allgemeine Volksrevolution, sagt die
Sozialdemokratie dem Proletariat. — Darum mußt du, als die fortgeschrit-
tenste und einzige bis zu Ende revolutionäre Klasse, nicht nur die ener-
gischste, sondern auch die führende Teilnahme an ihr anstreben. Darum
darfst du didi nicht in einen eng verstandenen Rahmen des Klassenkamp-
fes, hauptsächlich im Sinne der Gewerkschaftsbewegung, einfügen, son-
dern mußt umgekehrt danach streben, den Rahmen und den Inhalt deines
Klassenkampfes so weit auszudehnen, daß er nicht nur alle Aufgaben der
gegenwärtigen, demokratischen, allgemeinen russischen Volksrevolution,
sondern auch die Aufgaben der künftigen sozialistischen Revolution um-
faßt. Darum mußt du, ohne die Gewerkschaftsbewegung zu ignorieren
und ohne auf die Ausnutzung der geringsten legalen Möglichkeit zu
verzichten, in der Epoche der Revolution die Aufgaben des bewaffneten
Aufstands, der Schaffung einer revolutionären Armee und der Bildung
einer revolutionären Regierung in den Vordergrund rücken, als den ein-
zigen Weg zum vollen Sieg des Volkes über den Zarismus, zur Erkämp-
fung der demokratischen Republik und wirklicher politischer Freiheit.
Es erübrigt sich, davon zu sprechen, welche halbschlächtige, inkonse-
quente und der Bourgeoisie natürlich sympathische Stellung die Resolu-
tionen der Neuiskristen infolge ihrer falschen „Linie" in dieser Frage bezo-
gen haben.
II. EINE NEUE „VERTIEFUNG" DER FRAGE
DURCH GENOSSEN MARTYNOW
Gehen wir zu den Artikeln Martynows in Nr. 102 und 103 der „Iskra"
über. Selbstverständlich werden wir auf Martynows Versuche, die Un-
richtigkeit unserer und die Richtigkeit seiner Auslegung verschiedener
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 113
Zitate von Engels und Marx zu beweisen, nicht antworten. Diese Ver-
suche sind so unernst, die Ausflüchte Martynows sind so offensichtlich,
und die Frage ist so klar, daß es uninteressant wäre, noch einmal darauf
einzugehen. Jeder denkende Leser wird sich in den unkomplizierten Schli-
chen des Martynowschen Rüdezugs auf der ganzen Linie leicht selbst zu-
rechtflnden, besonders wenn die vollständigen Übersetzungen der Bro-
schüre von Engels „Die Bakunisten an der Arbeit" und von Marx’ „An-
sprache der Zentralbehörde an den Bund" (der Kommunisten) vom März
185 0 33 erscheinen, die durch eine Gruppe von Mitarbeitern des „Prole-
tari" vorbereitet werden. Es genügt ein einziges Zitat aus dem Artikel
Martynows, um dem Leser seinen Rüdezug zu veranschaulichen.
Die „Iskra", sagt Martynow in Nr. 103, „erkennt an, daß die Bildung
einer provisorischen Regierung einen möglichen und zweckmäßigen Ent-
wicklungsweg der Revolution darstellt, sie bestreitet aber die Zweck-
mäßigkeit der Teilnahme der Sozialdemokraten an einer bürgerlichen
provisorischen Regierung, und zwar im Interesse der künftigen vollstän-
digen Inbesitznahme der Staatsmaschinerie für die sozialdemokratische
Umwälzung". Mit anderen Worten: Die „Iskra" gibt jetzt zu, wie un-
sinnig alle ihre Ängste waren, daß die revolutionäre Regierung die Ver-
antwortung für die Staatskasse und die Banken zu tragen habe, daß es
gefährlich und unmöglich sei, die „Gefängnisse" in die eigene Hand zu
nehmen u. dgl. m. Die „Iskra" stiftet nur nach wie vor dadurch Verwir-
rung, daß sie die demokratische und die sozialistische Diktatur durchein-
anderwirft. Die Verwirrung ist indes unvermeidlich, um den Rückzug zu
decken.
Doch unter den Wirrköpfen der neuen „Iskra" ragt Martynow als ein
Wirrkopf ersten Ranges, als ein, wenn man sich so ausdrüdeen darf,
talentierter Wirrkopf hervor. Krampfhaft bemüht, die Frage „zu ver-
tiefen", verwirrt er sie nur, und „ersinnt" dabei fast immer neue Formu-
lierungen, welche die ganze Falschheit der von ihm eingenommenen Stel-
lung unübertrefflich beleuchten. Man erinnere sich, wie er in den Zeiten
des „Ökonomismus" Plechanow „vertiefte" und die Formel schuf: „öko-
nomischer Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung." Man wird
in der ganzen Literatur der Ökonomisten schwerlich einen treffenderen
Ausdruck für die ganze Falschheit dieser Richtung finden. So auch jetzt.
Martynow dient eifrig der neuen „Iskra", gibt uns aber fast jedesmal,
114
TV. 1. Lenin
wenn er das Wort ergreift, neues und großartiges Material an die Hand
für die Einschätzung der falschen neuiskristischen Position. In Nr. 102
erklärt er, Lenin habe „unmerklich die Begriffe Revolution und Diktatur
vertauscht" (S. 3, Spalte 2).
Auf diese Beschuldigung laufen im Grunde alle Beschuldigungen der
Neuiskristen gegen uns hinaus. Und wie dankbar sind wir Martynow für
diese Beschuldigung! Welch unschätzbaren Dienst erweist er uns im
Kampf gegen den Neuiskrismus durch eine solche Formulierung seiner
Beschuldigung! Wir sollten die Redaktion der „Iskra" wirklich bitten,
Martynow möglichst oft zur „Vertiefung" und zur „wahrhaft prinzi-
piellen" Formulierung der Angriffe gegen den „Proletari" loszulassen.
Denn je prinzipieller Martynow zu argumentieren bemüht ist, um so
schlimmer verrennt er sich, um so deutlicher zeigt er die Blößen des Neu-
iskrismus und mit um so größerem Erfolg vollzieht er an sich selbst und
seinen Freunden die nützliche pädagogische Operation: reductio ad ab-
surdum (führt er die Prinzipien der neuen „Iskra" ad absurdum).
Der „Wperjod" und der „Proletari" „vertauschen" die Begriffe Revo-
lution und Diktatur. Die „Iskra" will eine solche „Vertauschung" nicht.
Stimmt haargenau, verehrter Gen. Martynow! Sie haben ungewollt eine
große Wahrheit ausgesprochen. Sie haben durch eine neue Formulierung
unsere These bestätigt, daß die „Iskra" im Nachtrab der Revolution ein-
hertrottet und ihre Aufgaben fast ebenso formuliert wie das „Oswobosh-
denije"r während der „Wperjod" und der „Proletari" Losungen heraus-
geben, welche die demokratische Revolution vorwärtsführen.
Das ist Ihnen unverständlich, Gen. Martynow? Im Hinblick auf die
Wichtigkeit der Frage werden wir uns bemühen, Ihnen eine ausführliche
Erläuterung zu geben.
Der bürgerliche Charakter der demokratischen Revolution äußert sich
unter anderem darin, daß eine ganze Reihe von Klassen, Gruppen und
Schichten der Gesellschaft, die durchaus auf dem Boden der Anerkennung
des Privateigentums und der Warenwirtschaft stehen und unfähig sind,
über diesen Rahmen hinauszugehen, durch die Macht der Umstände dazu
kommen, die Untauglichkeit der Selbstherrschaft und überhaupt des gan-
zen leibeigenschaftlichen Systems einzusehen, und sich der Forderung
nach Freiheit anschließen. Dabei tritt der bürgerliche Charakter dieser
Freiheit, die von der „Gesellschaft" gefordert und von den Gutsbesitzern
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 115
und Kapitalisten mit einem Schwall von Worten (und nur von Worten !)
verteidigt wird, immer klarer zutage. Zugleich wird auch der fundamen-
tale Unterschied zwischen dem Kampf der Arbeiter und dem Kampf der
Bourgeoisie für die Freiheit, zwischen dem proletarischen und dem libe-
ralen Demokratismus immer augenscheinlicher. Die Arbeiterklasse und
ihre bewußten Vertreter schreiten vorwärts und treiben diesen Kampf vor-
wärts, wobei sie sich keineswegs fürchten, diesen Kampf zu Ende zu füh-
ren, ja sogar noch viel weiter streben, als selbst das weitest gesteckte Ziel
der demokratischen Revolution reicht. Die Bourgeoisie ist inkonsequent
und eigennützig, sie akzeptiert die Losungen der Freiheit nur unvoll-
ständig und heuchlerisch. Jedweder Versuch, durch eine besondere Linie,
durch besonders ausgearbeitete „Punkte" (nach Art der Punkte in der
Resolution Starowers oder der Konferenzler) die Grenzen festzusetzen,
jenseits welcher die Heuchelei der bürgerlichen Freiheitsfreunde oder,
wenn man will, der Verrat der Freiheit durch ihre bürgerlichen Freunde
beginnt, ist unweigerlich zum Scheitern verurteilt, denn die Bourgeoisie,
die zwischen zwei Feuer (Selbstherrschaft und Proletariat) geraten ist,
kann auf tausenderlei Wegen und mit tausenderlei Mitteln ihre Stellung
und ihre Losungen wechseln, indem sie sich einen Zoll nach links und
einen Zoll nach rechts anpaßt und ständig schachert und feilscht. Die Auf-
gabe des proletarischen Demokratismus besteht nicht im Ausklügeln sol-
cher toten „Punkte", sondern in der unermüdlichen Kritik an der sich
entwickelnden politischen Situation, in der Anprangerung aller neuen,
immer neuen, vorher gar nicht vorauszusehenden Fälle von Inkonsequenz
und Verrat der Bourgeoisie.
Man erinnere sich an die Geschichte des politischen Auftretens des
Herrn Struve in der illegalen Literatur, an die Geschidite des. Kampfes
der Sozialdemokratie gegen ihn, und man wird anschaulich sehen, wie die
Sozialdemokratie, die Vorkämpferin des proletarischen Demokratismus,
diese Aufgaben erfüllt hat. Herr Struve begann mit der rein Schipowschen
Losung „Rechte und ein machtbefugtes Semstwo" (siehe meinen Artikel
in der „Sarja" „Die Verfolger des Semstwos und die Hannibale des Libe-
ralismus"*). Die Sozialdemokratie entlarvte ihn und stieß ihn vorwärts
zu einem ausgesprochen konstitutionalistischen Programm. Als sich diese
* Siehe Werke, Bd. 5, S. 21-73. Die Red.
116
rW. 3. Lenin
„Stöße" dank dem besonders raschen Gang der revolutionären Ereignisse
ausgewirkt hatten, richtete sich der Kampf auf die nächste Frage des
Demokratismus: Nicht nur eine Verfassung schlechthin, sondern unbe-
dingt das allgemeine, direkte, gleiche und geheime Wahlrecht. Als wir
auch diese neue Stellung des „Feindes" (die Annahme des allgemeinen
Wahlrechts durch den „Bund der Befreiung") „erobert" hatten, began-
nen wir weiter nadizudrängen, indem wir zeigten, daß das Zweikammer-
system Heuchelei und Schwindel ist und daß die Oswoboshdenzen das
allgemeine Wahlrecht nur unvollständig anerkennen, indem wir an ihrem
'Monarchismus nachwiesen, daß sie mit ihrem Demokratismus Geschäfte
machen oder, anders ausgedrückt, daß diese „Oswoboshdenije"-Helden
des Geldsacks mit den Interessen der großen russischen Revolution Schacher
treiben.
Die verbohrte Hartnäckigkeit der Selbstherrschaft, der gigantische Fort-
schritt des Bürgerkriegs und die ausweglose Lage, in welche die Mon-
archisten Rußland gebracht hatten, zwang schließlich auch die Begriffs-
stutzigsten zur Einsicht. Die Revolution wurde zur Jatsadhe. Man brauchte
nicht mehr ein Revolutionär zu sein, um die Revolution anzuerkennen.
Die absolutistische Regierung zersetzte sich faktisch und zersetzt sich vor
aller Augen. Wie ein Liberaler (Herr Gredeskul) in einer legalen Zeitung
mit Recht bemerkt hat, kam es zur faktischen Unbotmäßigkeit gegenüber
dieser Regierung. Bei all ihrer scheinbaren Macht erwies sich die Selbst-
herrschaft als machtlos, die Ereignisse der sich entwickelnden Revolution
begannen diesen bei lebendigem Leibe verwesenden parasitären Organis-
mus einfach beiseite zu schieben. Gezwungen, ihre Tätigkeit (oder rich-
tiger gesagt: ihre politischen Geschäfte) auf dem Boden der gegebenen,
faktisch entstandenen Verhältnisse aufzubauen, sahen sich die liberalen
Bourgeois mit der Zeit vor die Notwendigkeit gestellt, die Revolution an-
zuerkennen. Sie tun das, nidit weil sie Revolutionäre sind, sondern ob-
wohl sie keine Revolutionäre sind. Sie tun das notgedrungen und gegen
ihren Willen, sehen mit Ingrimm die Erfolge der Revolution und bezich-
tigen die Selbstherrschaft, die kein Kompromiß will, sondern Kampf auf
Leben und Tod, sie fördere die Revolution. Als geborene Krämer hassen
sie den Kampf und die Revolution, aber die Umstände zwingen sie, sich
auf den Boden der Revolution zu stellen, denn einen anderen Boden haben
sie nicht unter den Füßen.
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 1 17
Wir wohnen einem höchst lehrreichen und höchst komischen Schau-
spiel bei. Die Prostituierten des bürgerlichen Liberalismus versuchen, sich
in die revolutionäre Toga zu hüllen. Die Oswoboshdenzen — risum tene-
atis, amici!* — die Oswoboshdenzen beginnen im Namen der Revolution
zu sprechen! Die Oswoboshdenzen beginnen zu versichern, daß sie „die
Revolution nicht fürchten" (Herr Struve in Nr. 72 des „Oswoboshde-
nije") ! ! ! Die Oswoboshdenzen erheben den Anspruch, „an die Spitze der
Revolution zu treten" ! ! !
Das ist eine höchst bezeichnende Erscheinung, und sie kennzeichnet
nicht nur den Fortschritt des bürgerlichen Liberalismus, sondern noch
mehr den Fortschritt der realen Erfolge der revolutionären Bewegung, die
sich ihre Anerkennung erzwungen hat. Sogar die Bourgeoisie beginnt zu
fühlen, daß es vorteilhafter ist, sich auf den Boden der Revolution zu
stellen — so sehr ist die Selbstherrschaft ins Wanken geraten. Anderseits
aber stellt uns diese Erscheinung, die vom Aufstieg der ganzen Bewegung
auf eine neue, eine höhere Stufe zeugt, auch neue und höhere Aufgaben.
Die Anerkennung der Revolution durch die Bourgeoisie kann nicht auf-
richtig sein, ganz unabhängig von der persönlichen Ehrlichkeit des einen
oder anderen bürgerlichen Ideologen. Die Bourgeoisie kann nicht anders,
als auch in dieses höhere Stadium der Bewegung ihren Eigennutz und ihre
Inkonsequenz, ihr Krämertum und ihre kleinlichen reaktionären Schliche
mitzubringen. Auf Grund unseres Programms und in Weiterentwicklung
unseres Programms müssen wir jetzt die nächsten konkreten Aufgaben
der Revolution anders formulieren. Was gestern genügend war, ist heute
ungenügend. Gestern war es vielleicht genügend, als fortschrittliche demo-
kratische Losung die Anerkennung der Revolution zu fordern. Jetzt ist
das zuwenig. Die Revolution hat sogar Herrn Struve gezwungen, sie
anzuerkennen. Jetzt wird von der fortgeschrittensten Klasse verlangt, daß
sie den eigentlichen Inhalt der aktuellen und unaufschiebbaren Aufgaben
dieser Revolution genau bestimme. Die Herren Struve erkennen zwar die
Revolution an, aber immer wieder sieht man gleich ihre Eselsohren, aufs
neue stimmen sie das alte Liedchen an, daß ein friedlicher Ausgang mög-
lich sei, daß Nikolaus die Herren Oswoboshdenzen zur Macht berufen
werde usw. usf. Die Herren Oswoboshdenzen erkennen die Revolution
an, um desto gefahrloser für sich diese Revolution zu eskamotieren, sie
* Haltet das Lachen zurück, Freunde !
118
' W 1 Lenin
zu verraten. Unsere Sache ist es jetzt, dem Proletariat und dem ganzen
Volk zu sagen, daß die Losung Revolution ungenügend ist, darauf hin-
zuweisen, daß es notwendig ist, den eigentlichen Inhalt der Revolution
klar und eindeutig, konsequent und entschieden zu bestimmen. Und eine
solche Bestimmung ist eben die Losung, die allein geeignet ist, den „ent-
scheidenden Sieg" der Revolution richtig auszudrücken, nämlich die Lo-
sung: revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft34.
Mißbrauch mit Worten ist eine sehr alltägliche Ersdieinung in der Poli-
tik. Als „Sozialisten" bezeichneten sich beispielsweise oft genug sowohl
die Anhänger des englischen bürgerlichen Liberalismus („wir alle sind
jetzt Sozialisten" — „we all are socialists now", sagte Harcourt) als auch
die Anhänger Bismarcks und die Freunde des Papstes Leo XIII. Das Wort
„Revolution" eignet sich ebenfalls sehr gut zum Mißbrauch, und in einem
bestimmten Entwiddungsstadium der Bewegung ist ein solcher Mißbrauch
unausbleiblich. Als Herr Struve anfing, im Namen der Revolution zu
sprechen, erinnerten wir uns unwillkürlich Thiers5. Wenige Tage vor der
Februarrevolution witterte diese Zwergmißgeburt, dieser vollendetste gei-
stige Ausdruck der politischen Käuflichkeit der Bourgeoisie, in der Luft
das Herannahen einer Volksbewegung. Und er erklärte in der Deputier-
tenkammer, daß er zur Partei der Revolution gehöre ! (Siehe Marx, „Der
Bürgerkrieg in Frankreich"85.) Die politische Bedeutung des Übergangs
der Oswoboshdenzen zur Partei der Revolution ist mit diesem „Über-
gang" Thiers’ völlig identisch. Beginnen die russischen Thiers von ihrer
Zugehörigkeit zur Partei der Revolution zu sprechen, so heißt das, daß
die Losung Revolution ungenügend und nichtssagend geworden ist, daß
sie die Aufgaben nicht bestimmt, denn die Revolution ist zur Tatsache
geworden, und auf ihre Seite haben sich die verschiedenartigsten Elemente
geschlagen.
In der Tat, was bedeutet Revolution vom marxistischen Standpunkt
aus? Gewaltsame Zerstörung des überlebten politischen Überbaus, dessen
Widerspruch zu den neuen Produktionsverhältnissen in einem bestimm-
ten Zeitpunkt zu seinem Zusammenbruch geführt hat. Der Widerspruch
der Selbstherrschaft zur ganzen Struktur des kapitalistischen Rußlands,
zu allen Erfordernissen seiner bürgerlich-demokratischen Entwicklung, hat
jetzt zu einem um so stärkeren Zusammenbruch geführt, je länger dieser
Zwei 7 aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 119
Widerspruch künstlich aufrechterhalten worden ist. Der überbau kracht
in allen Fugen, hält dem Ansturm nicht stand, verliert seinen Halt. Das
Volk muß sich selbst durch die Vertreter der verschiedensten Klassen und
Gruppen einen neuen überbau schaffen. In einem bestimmten Zeitpunkt
der Entwicklung wird die Untauglichkeit des alten Überbaus allen klar.
Alle erkennen die Revolution an. Jetzt ist es die Aufgabe, zu bestimmen,
welche Klassen den neuen überbau errichten und wie sie das tun sollen.
Ohne eine solche Bestimmung ist die Losung Revolution im gegenwär-
tigen Augenblick leer und inhaltslos, denn die Schwäche der Selbstherr-
schaft macht auch Großfürsten und die „Moskowskije Wedomosti"36 zu
„Revolutionären" ! Ohne eine solche Bestimmung kann von den fortschritt-
lichen demokratischen Aufgaben der fortgeschrittensten Klasse gar keine
Rede sein. Und diese Bestimmung ist eben die Losung: demokratische
Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Diese Losung bestimmt
sowohl jene Klassen, auf die sich die neuen „Erbauer" des neuen Über-
baus stützen können und müssen, als auch dessen Charakter („demo-
kratische" Diktatur zum Unterschied von der sozialistischen) und die
Methode des Aufbaus (Diktatur, d. h. gewaltsame Unterdrückung des ge-
waltsamen Widerstands, Bewaffnung der revolutionären Klassen des Vol-
kes). Wer jetzt diese Losung der revolutionär-demokratischen Diktatur,
die Losung der revolutionären Armee, der revolutionären Regierung, der
revolutionären Bauernkomitees nicht anerkennt, der begreift entweder die
Aufgaben der Revolution nicht im geringsten, vermag ihre neuen und
höheren, vom gegenwärtigen Augenblick gestellten Aufgaben nicht zu
bestimmen, oder aber er betrügt das Volk und verrät die Revolution, denn
er mißbraucht die Losung „Revolution".
Der erste Fall trifft auf Gen. Martynow und seine Freunde zu, der
zweite auf Herrn Struve und die ganze „konstitutionell-demokratische"
Semstwopartei.
Gen. Martynow war so scharfsinnig und geistreih, die Beschuldigung,
daß die Begriffe Revolution und Diktatur „vertauscht" würden, gerade in
dem Augenblick vorzubringen, als die Entwicklung der Revolution for-
derte, ihre Aufgaben durh die Losung Diktatur zu bestimmen! Gen.
Martynow hatte tatsächlich wieder einmal das Peh, im Nachtrabj einher-
zutrotten, auf der vorletzten Stufe stehenzubleiben, sich auf dem'Wveau
des Oswobosbdenzentums zu befinden, denn gerade der politishen Stel-
120
W. 1 Lenin
lung der Oswoboshdenzen, d. h. den Interessen der liberalen monarchi-
stischen Bourgeoisie, entspricht jetzt die Anerkennung der „Revolution"
(in Worten) und die ablehnende Haltung zur demokratischen Diktatur
des Proletariats und der Bauernschaft (d. h. zur Revolution in Taten). Die
liberale Bourgeoisie spricht sich jetzt, durch den Mund des Herrn Struve,
für die Revolution aus. Das klassenbewußte Proletariat fordert, durch den
Mund der revolutionären Sozialdemokraten, die Diktatur des Proletariats
und der Bauernschaft. Und hier mischt sich der Weise aus der neuen
„Iskra" in den Streit ein und donnert: Wagt es nicht, die Begriffe Revo-
lution und Diktatur zu „vertauschen" ! Nun, ist es etwa nicht wahr, daß
die falsche Position der Neuiskristen sie dazu verurteilt, ständig im Nach-
trab des Oswoboshdenzentums einherzutrotten?
Wir haben gezeigt, daß die Oswoboshdenzen in der Anerkennung des
Demokratismus (nicht unbeeinflußt von den aufmunternden Stößen der
Sozialdemokratie) von Stufe zu Stufe emporsteigen. Anfangs war die
Frage in unserer Polemik mit ihnen: Schipowsche Politik (Rechte und ein
machtbefugtes Semstwo) oder Konstitutionalismus? Dann: beschränkte
Wahlen oder allgemeines Wahlrecht? Weiter: Anerkennung der Revolu-
tion oder Maklergeschäft mit der Selbstherrschaft? Und schließlich jetzt:
Anerkennung der Revolution ohne Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft oder Anerkennung der Forderung einer Diktatur dieser Klas-
sen in der demokratischen Revolution? Es ist möglich und wahrscheinlich,
daß die Herren Oswoboshdenzen (einerlei, ob die heutigen oder ihre
Nachfolger am linken Flügel der bürgerlichen Demokratie) noch eine
Stufe höher steigen, d. h. mit der Zeit (vielleicht dann, wenn Gen. Marty-
now noch eine Stufe höher steigt) auch die Losung der Diktatur an-
erkennen werden. Das wird sogar unvermeidlich so kommen, wenn die
russische Revolution mit Erfolg vorwärtsschreitet und den entscheidenden
Sieg erringt. Welches wird dann die Stellung der Sozialdemokratie sein?
Mit dem vollen Sieg der jetzigen Revolution wird die demokratische Um-
wälzung zu Ende sein und der entscheidende Kampf für die sozialistische
Umwälzung beginnen. Mit der Verwirklichung der Forderungen der heu-
tigen Bauernschaft, der vollständigen Zerschlagung der Reaktion und der
Eroberung der demokratischen Republik wird die Bourgeoisie und sogar
die Kleinbourgeoisie völlig aufhören, revolutionär zu sein, wird der wirk-
liche Kampf des Proletariats für den Sozialismus beginnen. Je vollstän-
Zwei J aktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 121
diger die demokratische Umwälzung sein wird, um so schneller, breiter,
reiner und entschiedener wird sich dieser neue Kampf entfalten. Die Lo-
sung der „demokratischen" Diktatur bringt denn auch den historisch be-
grenzten Charakter der heutigen Revolution und die Notwendigkeit eines
neuen Kampfes auf dem Boden der neuen Zustände für die volle Befreiung
der Arbeiterklasse von jedem Joch und jeder Ausbeutung zum Ausdruck.
Mit anderen Worten: Wenn die demokratische Bourgeoisie oder Klein-
bourgeoisie noch eine Stufe höher gestiegen, wenn nicht nur die Revolu-
tion, sondern auch der volle Sieg der Revolution zur Tatsache geworden
sein wird, dann werden wir (vielleicht unter furchtbarem Wehgeschrei
neuer, künftiger Martynows) die Losung der demokratischen Diktatur mit
der Losung der sozialistischen Diktatur des Proletariats, d. h. der voll-
ständigen sozialistischen Umwälzung, „vertauschen".
III. DIE VULGÄR-BÜRGERLICHE DARSTELLUNG
DER DIKTATUR
UND MARX’ ANSICHT ÜBER DIE DIKTATUR
Mehring37 erzählt in seinen einleitenden Bemerkungen zu den von ihm
herausgegebenen Marxschen Artikeln aus der „Neuen Rheinischen Zei-
tung" vom Jahre 1848, daß die bürgerliche Literatur dieser Zeitung unter
anderem den Vorwurf machte, sie habe als einziges „Mittel zur Durch-
führung der Demokratie die sofortige Einführung der Diktatur verlangt"
(Marx’ Nachlaß, Bd. III, S. 53*). Vom vulgär-bürgerlichen Standpunkt
schließen der Begriff Diktatur und der Begriff Demokratie einander aus.
Der Bourgeois, der die Theorie des Klassenkampfes nicht begreift und ge-
wöhnt ist, in der politischen Arena den kleinlichen Zank der verschiedenen
Zirkel und Koterien der Bourgeoisie zu sehen, versteht unter Diktatur die
Abschaffung aller Freiheiten und Garantien der Demokratie, jegliche Will-
kür, jeglichen Mißbrauch der Macht im persönlichen Interesse des Dikta-
tors. Im Grunde genommen schimmert ebendieser vulgär-bürgerliche Stand-
punkt auch bei unserm Martynow durch, der am Schluß seines „neuen
* „Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Fer-
dinand Lassalle", 2. Aufl. Der T Ibers.
9 Lenin, Werke, Bd- 9
122
TW. J. Lenin
Feldzugs" in der neuen „Iskra" die Vorliebe des „Wperjod" und des „Pro-
letari" für die Losung der Diktatur damit erklärt, daß Lenin „schrecklich
gern sein Glück versuchen möchte" („Iskra" Nr. 103, Spalte 2). Um Mar-
tynow den Begriff der Diktatur der Klasse zum Unterschied von der Dik-
tatur einer Person und die Aufgaben der demokratischen Diktatur zum
Unterschied von der sozialistischen zu erklären, wird es nicht ohne Nut-
zen sein, auf die Ansichten der „Neuen Rheinischen Zeitung" einzugehen.
„Jeder provisorische Staatszustand nach einer Revolution", schrieb die
„Neue Rheinische Zeitung" vom 14. September 1848, „erfordert eine
Diktatur, und zwar eine energische Diktatur. Wir haben es Camphausen"
(preußischer Ministerpräsident nach dem 18. März 1848) „von Anfang an
vorgeworfen, daß er nicht diktatorisch auftrat, daß er die Überbleibsel
der alten Institutionen nicht sogleich zerschlug und entfernte. Während
also Herr Camphausen sich in konstitutionellen Träumereien wiegte, ver-
stärkte die geschlagene Partei" (d. h. die Partei der Reaktion) „die Posi-
tionen in der Bürokratie und in der Armee, ja, wagte hier und da selbst
den offenen Kampf."38
„Die Zeitung faßt hier", sagt mit Recht Mehring, „in wenigen Sätzen
zusammen, was sie in ihren langen Abhandlungen über das Ministerium
Camphausen ausführlich begründete." Was sagen uns diese Worte von
Marx? Daß eine provisorische revolutionäre Regierung diktatorisch Vor-
gehen muß (ein Grundsatz, den die „Iskra", die sich vor der Losung der
Diktatur scheute, durchaus nicht verstehen konnte) und daß die Aufgabe
dieser Diktatur die Vernichtung der Überbleibsel der alten Institutionen
ist (genau das, was in der Resolution des III. Parteitags der SDAPR über
den Kampf gegen die Konterrevolution klar gesagt und in der Resolution
der Konferenz, wie wir oben gezeigt haben, weggelassen ist). Drittens
endlich folgt aus diesen Worten, daß Marx die bürgerlichen Demokraten
wegen ihrer „konstitutionellen Träumereien" in der Epoche der Revolu-
tion und des offenen Bürgerkriegs geißelte. Welchen Sinn diese Worte
haben, ist besonders anschaulich zu ersehen aus dem Artikel der „Neuen
Rheinischen Zeitung" vom 6. Juni 1848: „Eine konstituierende National-
versammlung", schrieb Marx, „muß vor allem eine aktive, revolutionär-
aktive Versammlung sein. Die Versammlung in Frankfurt macht parlamen-
tarische Schulübungen und läßt die Regierungen handeln. Gesetzt, es ge-
länge diesem gelehrten Konzil nach allerreifster Überlegung, die beste
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 123
Tagesordnung und die beste Verfassung auszuklügeln, was nutzt die beste
Tagesordnung und die beste Verfassung, wenn die Regierungen unterdes
die Bajonette auf die Tagesordnung gesetzt?" 36
Das ist eben der Sinn der Losung: Diktatur. Man kann daraus ersehen,
wie sich Marx zu Resolutionen verhalten hätte, die den „Beschluß, eine
konstituierende Versammlung zu organisieren", einen entscheidenden Sieg
nennen oder die dazu auffordem, „die Partei der äußersten revolutionä-
ren Opposition zu bleiben".
Große Fragen werden im Leben der Völker nur durch Gewalt entschie-
den. Die. reaktionären Klassen greifen gewöhnlich als erste zur Gewalt,
beginnen den Bürgerkrieg und „setzen die Bajonette auf die Tagesord-
nung", wie es die russische Selbstherrschaft tat und wie sie es seit dem
9. Januar systematisch und unentwegt überall und allenthalben tut. Ist
aber einmal eine solche Lage geschaffen worden, sind die Bajonette wirk-
lich an erster Stelle auf die politische Tagesordnung gesetzt worden, hat
sich der Aufstand als notwendig und unaufschiebbar herausgestellt, dann
werden konstitutionelle Träumereien und parlamentarische Schulübungen
zum bloßen Deckmantel des bürgerlichen Verrats an der Revolution, zum
Deckmantel für das „Abschwenken" der Bourgeoisie von der Revolution.
Und dann muß die wirklich revolutionäre Klasse eben die Losung der Dik-
tatur ausgeben.
Uber die Aufgaben dieser Diktatur schrieb Marx schon in der „Neuen
Rheinischen Zeitung": „Sie (die Nationalversammlung) brauchte nur
überall den reaktionären Übergriffen überlebter Regierungen diktatorisch
entgegenzutreten, und sie eroberte sich eine Macht in der Volksmeinung,
an der alle Bajonette und Kolben zersplittert wären . . . Sie langweilt das
deutsche Volk, statt es mit sich fortzureißen oder von ihm fortgerissen zu
werden."40 Die Nationalversammlung hätte nach der Meinung von Marx
alles tun müssen, um „aus dem faktisch bestehenden Zustande Deutsch-
lands alles zu entfernen, was dem Prinzip der Volkssouveränität wider-
sprach", um dann „den revolutionären Boden, auf dem sie steht, zu be-
haupten, um die Errungenschaft der Revolution, die Volkssouveränität,
vor allen Angriffen sicherzustellen" 41 .
Folglich liefen die Aufgaben, die Marx 1848 der revolutionären Regie-
rung oder der Diktatur stellte, ihrem Inhalt nach vor allem auf eine demo-
kratische Umwälzung hinaus: Schutz vor der Konterrevolution und
9*
124
TV. 1 £enin
faktische Beseitigung alles dessen, was der Volkssouveränität widerspricht.
Und das ist nichts anderes als die revolutionär-demokratische Diktatur.
Nun weiter: Welche Klassen konnten und mußten nach der Meinung
von Marx diese Aufgaben verwirklichen (das Prinzip der Volkssouveräni-
tät wirklich restlos durchführen und die Angriffe der Konterrevolution ab-
wehren)? Marx spricht vom „Volk". Wir wissen aber, daß er die klein-
bürgerlichen Illusionen von der Einheit des „Volkes" und vom Nichtvor-
handensein des Klassenkampfes innerhalb des Volkes stets schonungslos
bekämpft hat. Das Wort „Volk" gebrauchte Marx, nicht um die Klassen-
unterschiede zu vertuschen, sondern um bestimmte Elemente zusammen-
zufassen, die fähig sind, die Revolution zu Ende zu führen.
Nach dem Sieg des Berliner Proletariats am 18. März, schrieb die
„Neue Rheinische Zeitung" , hätten sich zweierlei Resultate der Revolution
gezeigt: „...auf der einen Seite die Volksbewaffnung, das Assoziations-
recht, die faktisch errungene Volkssouveränität; auf der andern die Bei-
behaltung der Monarchie und das Ministerium Camphausen-Hansemann,
d. h. die Regierung der Vertreter der hohen Bourgeoisie.
Die Revolution hatte also zwei Reihen von Resultaten, die notwendig
auseinandergehen mußten. Das Volk hatte gesiegt, es hatte sich Freiheiten
entschieden demokratischer Natur erobert; aber die unmittelbare Herr-
schaft ging über, nicht in seine Hände, sondern in die der großen Bour-
geoisie.
Mit einem Wort, die Revolution war nicht vollendet. Das Volk hatte
die Bildung eines Ministeriums von großen Bourgeois zugelassen, und die
großen Bourgeois bewiesen ihre Tendenzen sogleich dadurch, daß sie dem
altpreußischen Adel und der Bürokratie eine Allianz anboten. Arnim, Ka-
nitz, Schwerin traten ins Ministerium.
Die hohe Bourgeoisie, von jeher antirevolutionär, schloß aus Furcht vor
dem Volk, d.h. vor den Arbeitern und der demokratischen Bürgerschaft, ein
Schutz- und Jrutzbündnis mit der Reaktion“ (von uns hervorgehoben).42
Also nicht nur der „Beschluß, eine konstituierende Versammlung zu
organisieren", sondern selbst ihre wirkliche Einberufung ist für den ent-
scheidenden Sieg der Revolution noch ungenügend! Sogar nach einem
Teilsieg im bewaffneten Kampf (dem Sieg der Berliner Arbeiter über die
Truppen am 18. März 1848) ist eine „nicht abgeschlossene", „nicht voll-
endete" Revolution möglich. Wovon hängt nun ihre Vollendung ab?
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratisdjen Revolution 125
Davon, in wessen Hände die unmittelbare Herrschaft übergeht: ob in die
Hände der Petrunkewitsch und Roditschew, also unserer Camphausen und
Hansemann, oder in die Hände des Volkes, d. h. der Arbeiter und der
demokratischen Bürgerschaft. Im ersten Falle wird die Bourgeoisie die
Macht haben, das Proletariat aber — „die Freiheit der Kritik", die Frei-
heit, „die Partei der äußersten revolutionären Opposition zu bleiben".
Die Bourgeoisie wird sogleich nach dem Siege ein Bündnis mit der Reak-
tion schließen (das würde unvermeidlich auch in Rußland geschehen, wenn
zum Beispiel die Petersburger Arbeiter im Straßenkampf gegen das Mili-
tär nur einen Teilsieg errängen und den Herren Petrunkewitsch und
Co. die Bildung der Regierung überließen). Im zweiten Falle wäre eine
revolutionär-demokratische Diktatur, d. h. der volle Sieg der Revolution
möglich.
Es bleibt noch übrig, genauer zu bestimmen, was Marx eigentlich unter
der „demokratischen Bürgerschaft" verstand, die er, zusammen mit den
Arbeitern, als Volk bezeichnete, im Gegensatz zur Großbourgeoisie.
Eine klare Antwort auf diese Frage gibt folgende Stelle aus dem Artikel
der „Neuen Rheinischen Zeitung" vom 29. Juli 1 848 : „Die deutsche Revolu-
tion von 1 848 ist nur die Parodie der französischen Revolution von 1789.
Am 4. August 1789, drei Wochen nach dem Bastillensturm, wurde das
französische Volk auf einen Tag mit den Feudallasten fertig.
Am 11. Juli 1848, vier Monate nach den Märzbarrikaden, werden die
Feudallasten mit dem deutschen Volk fertig, teste Gierke cum Hanse-
manno.*
Die französische Bourgeoisie von 17S9 ließ ihre Bundesgenossen, die
Bauern, keinen Augenblick im Stich. Sie wußte, die Grundlage ihrer Herr-
* „Zeugen-. Gierke zusammen mit Hansemann." Hansemann war der Mini-
ster der Partei der Großbourgeoisie (also der preußische Trubezkoi oder Rodi-
tschew usw.). Gierke war Landwirtschaftsminister im Ministerium Hansemann
und arbeitete einen Gesetzentwurf aus, einen „kühnen" Gesetzentwurf zur
„Beseitigung aller Feudallasten", angeblich „ohne Entschädigung", in Wirk-
lichkeit jedoch zur Beseitigung der kleinen und unwichtigen, aber zur Bei-
behaltung oder Ablösung der wesentlichen Lasten. Herr Gierke war so etwas
wie die russischen Kablukow, Manuilow, Herzenstein und ihnen verwandte
bürgerlich-liberale Bauemfreunde, die eine „Erweiterung des bäuerlichen
Grundbesitzes" wünschen, aber die Gutsherren nicht kränken wollen.
126
W. 1 Centn
schaft war Zertrümmerung des Feudalismus auf dem Lande, Herstellung
der freien, grundbesitzenden Bauemklasse.
Die deutsche Bourgeoisie von 1848 verrät ohne allen Anstand diese
Bauern, die ihre natürlidhsten Bundesgenossen, die Fleisch von ihrem
Fleisch sind, und ohne die sie machtlos ist gegenüber dem Adel.
Die Fortdauer, die Sanktion der Feudalrechte in der Form der (illusori-
schen) Ablösung, das ist also das Resultat der deutschen Revolution von
1848. Das ist die wenige Wolle von dem vielen Geschrei!"43
Das ist eine sehr lehrreiche Stelle, die uns vier wichtige Thesen an die
Hand' gibt: 1. Die nichtvollendete deutsche Revolution unterscheidet sich
von der vollendeten französischen dadurch, daß die Bourgeoisie nicht nur
den Demokratismus im allgemeinen, sondern auch die Bauernschaft im
besonderen verraten hat. 2. Die Grundlage für die völlige Verwirklichung
der demokratischen Umwälzung bildet die Herstellung einer freien Bauem-
klasse. 3. Die Herstellung einer solchen Klasse bedeutet die Beseitigung
der Feudallasten und die Vernichtung des Feudalismus, aber noch keines-
wegs eine sozialistische Umwälzung. 4. Die Bauern sind die „natürlich-
sten" Bundesgenossen der Bourgeoisie, nämlidi der demokratischen Bür-
gerschaft, die ohne sie der Reaktion gegenüber „machtlos" ist.
Berücksichtigt man die entsprechenden konkreten nationalen Besonder-
heiten und setzt an die Stelle des Feudalismus die Leibeigenschaft, so sind
alle diese Thesen auch auf das Rußland von 1905 voll anwendbar. Und
zweifellos können wir, wenn wir aus der von Marx beleuchteten Erfah-
rung Deutschlands die Lehren ziehen, zu keiner anderen Losung für den
entscheidenden Sieg der Revolution gelangen als zu der Losung: revolutio-
när-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Es steht
außer Zweifel, daß die Hauptbestandteile des „Volkes", das Marx 1848
der Widerstand leistenden Reaktion und der Verrat übenden Bourgeoisie
entgegengestellt hat, das Proletariat und die Bauernschaft sind. Es steht
außer Zweifel, daß auch bei uns in Rußland die liberale Bourgeoisie und
die Herren Oswoboshdenzen die Bauernschaft jetzt verraten und künftig
verraten werden, d. h. sich durch eine Scheinreform aus der Affäre ziehen
und im entscheidenden Kampf zwischen den Gutsbesitzern und der Bauern-
schaft auf die Seite der ersteren schlagen werden. Nur das Proletariat ist
fähig, die Bauernschaft in diesem Kampfe bis zu Ende zu unterstützen.
Schließlich steht außer Zweifel, daß auch bei uns in Rußland der Erfolg
Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 127
des Bauernkampfes, d. h. der Übergang des gesamten Grund und Bodens
an die Bauernschaft, eine vollständige demokratische Umwälzung bedeu-
ten und die soziale Stütze der vollendeten Revolution sein wird, keines-
wegs aber eine sozialistische Umwälzung und nicht die „Sozialisierung",
von der die Ideologen des Kleinbürgertums, die Sozialrevolutionäre, reden.
Der Erfolg des Bauernaufstands, der Sieg der demokratischen Revolution
wird erst den Weg ebnen zum wirklichen und entscheidenden Kampf für
den Sozialismus auf dem Boden der demokratischen Republik. Die Bauern-
schaft wird als grundbesitzende Klasse in diesem Kampf dieselbe ver-
räterische, schwankende Rolle spielen, wie die Bourgeoisie sie jetzt im
Kampf für die Demokratie spielt. Das vergessen heißt den Sozialismus
vergessen, heißt sich und andere über die wahren Interessen und Aufgaben
des Proletariats betrügen.
Um die Marxschen Ansichten aus dem Jahre 1848 lückenlos wieder-
zugeben, ist es notwendig, auf einen wesentlichen Unterschied zwischen
der damaligen deutschen Sozialdemokratie (oder der Kommunistischen
Partei des Proletariats, um in der damaligen Sprache zu reden) und der
heutigen russischen Sozialdemokratie hinzuweisen. Geben wir Mehring
das Wort :
„...als , Organ der Demokratie* hatte sie" (die Neue Rheinische Zei-
tung) „die politische Bühne beschritten, und sowenig sich der rote Faden
verkennen ließ, der sich durch ihre Arbeiten zog, so vertrat sie zunächst
noch mehr die Interessen der bürgerlichen Revolution gegenüber dem Ab-
solutismus und dem Feudalismus, als daß sie schon die Interessen des Pro-
letariats gegen die Bourgeoisie vertreten hätte. Von der besonderen Ar-
beiterbewegung der Revolutionsjahre ist in ihren Spalten wenig zu finden,
wobei allerdings nicht übersehen werden darf, daß neben ihr unter der
Leitung Molls und Schappers ein besonderes Organ des Kölner Arbeiter-
vereins44 zweimal wöchentlich erschien. Immerhin fällt dem heutigen
Leser auf, wie geringes Interesse die Neue Rheinische Zeitung der dama-
ligen deutschen Arbeiterbewegung geschenkt hat, obgleich deren fähigster
Kopf, Stephan Born, in Paris und Brüssel von Marx und Engels gelernt
hatte und auch jetzt von Berlin aus für ihre Zeitung korrespondierte. In
seinen Denkwürdigkeiten erzählt Bom, daß sie ihm nie ein Wort der Miß-
billigung über seine Arbeiteragitation gesagt hätten; dennoch mähen es
spätere Äußerungen von Engels wahrsheinlih, daß sie wenigstens mit der
128
W. 3. Lenin
Art dieser Agitation unzufrieden gewesen sind, mit Recht, insofern als
Born dem, in dem weitaus größten Teile Deutschlands noch ganz unent-
wickelten Klassenbewußtsein des Proletariats manche Zugeständnisse
machen mußte, die vor dem Kommunistischen Manifest nicht bestehen
konnten, mit Unrecht, insofern als Born die von ihm geleitete Agitation
doch auf einer verhältnismäßig sehr beträchtlichen Höhe zu halten
wußte . . . Ohne Zweifel waren sie historisch und politisch auch in ihrem
Rechte, wenn sie das wichtigste Interesse der Arbeiterklasse zunächst in
dem möglichsten Vorantreiben der bürgerlichen Revolution sahen . . . Trotz
alledem bleibt es ein merkwürdiger Beweis dafür, wie der elementare In-
stinkt der Arbeiterbewegung die Konzeptionen der genialsten Denker zu
berichtigen weiß, daß sie im April 1849 sich für eine spezifische Arbeiter-
organisation entschieden und die Beschickung des Arbeiterkongresses be-
schlossen, der besonders von dem ostelbischen Proletariat vorbereitet wor-
den war."
Also erst im April 1849, nach fast einjähriger Herausgabe der revolutio-
nären Zeitung (die „Neue Rheinische Zeitung" begann am 1 . Juni 1 848 zu
erscheinen), sprachen sich Marx und Engels für eine besondere Organisa-
tion der Arbeiter aus ! Bis dahin leiteten sie einfach ein „Organ der Demo-
kratie", das durch keinerlei organisatorische Bande mit einer selbständigen
Arbeiterpartei verbunden war! Diese von unserem heutigen Standpunkt
ungeheuerliche und unglaubliche Tatsache zeigt uns klar, welch großer
Unterschied zwischen der damaligen deutschen und der heutigen russi-
schen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei besteht. Diese Tatsache zeigt
uns, um wieviel weniger in der deutschen demokratischen Revolution (in-
folge der Rückständigkeit des Deutschlands von 1848 sowohl in ökonomi-
scher als auch in politischer Hinsicht — die staatliche Zersplitterung) die
proletarischen Züge der Bewegung, die proletarische Strömung in ihr zu-
tage getreten sind. Das darf nicht vergessen werden bei der Beurteilung
der wiederholten Erklärungen von Marx aus dieser und der etwas späte-
ren Epoche über die Notwendigkeit, eine selbständige Partei des Proleta-
riats zu organisieren. Marx hat erst aus der Erfahrung der demokratischen
Revolution, fast ein Jahr nachher, praktisch diese Schlußfolgerung gezogen:
so spießig, so kleinbürgerlich war damals die ganze Atmosphäre in
Deutschland. Für uns ist diese Schlußfolgerung eine seit langem fest-
stehende, aus der halbhundertjährigen Erfahrung der internationalen
Zwei ^Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution 129
Sozialdemokratie gezogene Erkenntnis — eine Erkenntnis, mit der wir be-
gonnen haben, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands zu orga-
nisieren. Bei uns kann z. B. keine Rede davon sein, daß die revolutionären
Zeitungen des Proletariats außerhalb der sozialdemokratischen Partei des
Proletariats stünden, daß sie auch nur für einen Augenblick einfach als
„Organe der Demokratie" auftreten könnten.
Aber jener Gegensatz, der sich zwischen Marx und Stephan Born eben
erst zu zeigen begann, besteht bei uns in um so entwickelterer Form, je
mächtiger im demokratischen Strom unserer Revolution die proletarische
Strömung hervortritt. Wenn Mehring davon spricht, daß Marx und
Engels mit der Agitation von Stephan Born wahrscheinlich unzufrieden
waren, so drückt er sich allzu mild und ausweichend aus. Man lese, was
Engels 1885 (in der Einleitung zu den „Enthüllungen über den Kommuni-
stenprozeß zu Köln", Zürich 1885) über Born schrieb:
Daß der „Bund der Kommunisten" 45 eine vorzügliche Schule der revo-
lutionären Tätigkeit gewesen, wurde dadurch bewiesen, daß überall Bun-
desmitglieder an der Spitze der extrem-demokratischen Bewegung stan-
den. „In Berlin stiftete der Schriftsetzer Stephan Born, der in Brüssel und
Paris als tätiges Bundesmitglied gewirkt hatte, eine ,Arbeiterverbrüderung‘,
die eine ziemliche Verbreitung erhielt und bis 1850 bestand. Born, ein
sehr talentvoller junger Mann, der es aber mit seiner Verwandlung in eine
politische Größe etwas zu eilig hatte, , verbrüderte1 sich mit den verschie-
denartigsten Krethi und Plethi, um nur einen Haufen zusammenzubekom-
men, und war keineswegs der Mann, der Einheit in die widerstrebenden
Tendenzen, Licht in das Chaos bringen konnte. In den amtlichen Ver-
öffentlichungen des Vereins laufen daher auch die im , Kommunistischen
Manifest1 vertretenen Ansichten kunterbunt durcheinander mit Zunft-
erinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von Louis Blanc und Prou-
dhon, Schutzzöllnerei usw., kurz, man wollte allen alles sein. Speziell
wurden Streiks, Qewerksgenossensdbaften , Produktivgenossenscbaften
ins Werk gesetzt und vergessen, daß es sich vor allem darum handelte,
durch politische Siege sich erst das Qebiet zu erobern, worauf allein solche
Dinge auf die Dauer durchführbar waren" (von uns hervorgehoben). „Als
dann die Siege der Reaktion den Leitern der Verbrüderung die Not-
wendigkeit fühlbar machten, direkt in den Revolutionskampf einzutreten,
wurden sie von der verworrenen Masse, die sie um sich gruppiert, selbst-
130
’W. 1 Lenin
redend im Stich gelassen. Born beteiligte sich am Dresdner Maiaufstand
1849 und entkam glücklich. Die , Arbeiterverbrüderung1 aber hatte sich,
gegenüber der großen politischen Bewegung des Proletariats, als ein reiner
Sonderbund bewährt, der großenteils nur auf dem Papier bestand und eine
so untergeordnete Rolle spielte, daß die Reaktion ihn erst 1850 und seine
fortbestehenden Ableger erst mehrere Jahre nachher zu unterdrücken für
nötig fand. Born, der eigentlich Buttermilch* heißt, wurde keine politische
Größe, sondern ein kleiner Schweizer Professor, der nicht mehr den Marx
ins Zünftlerische, sondern den sanften Renan in sein eignes süßliches
Deutsch übersetzt." 46
So beurteilte Engels die zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der
demokratischen Revolution !
Unsere Neuiskristen streben ebenfalls mit so unvernünftigem Eifer zum
„Ökonomismus", daß sie für ihre „Erleuchtung" das Lob der monarchi-
stischen Bourgeoisie verdienen. Sie sammeln ebenfalls ein buntscheckiges
Publikum um sich, indem sie den „Ökonomisten" schmeicheln und die un-
aufgeklärte Masse mit Losungen von „Selbsttätigkeit", „Demokratismus",
„Autonomie" u. dgl. m. demagogisch anlocken. Ihre Arbeiterverbände
existieren ebenfalls oft nur in den Spalten der Chlestakowschen** neuen
„Iskra". Ihre Losungen und Resolutionen offenbaren ein ebensolches Un-
verständnis für die Aufgaben der „großen politischen Bewegung des Pro-
letariats".
* Als ich Engels übersetzte, unterlief mir hier in der ersten Auflage ein
Fehler, insofern ich das Wort Buttermilch nicht als Eigennamen, sondern als
Gattungsnamen auffaßte. Dieser Fehler machte den Menschewiki natürlich ein
Heidenvergnügen. Kolzow schrieb, ich hätte „Engels vertieft" (nachgedruckt in
dem Sammelband „Zwei Jahre"), und Plechanow erinnert noch jetzt im „To-
warischtsch" 47 daran— mit einem Wort, es fand sich ein ausgezeichneter Vor-
wand, die Trage nadb den zwei Tendenzen in der Arbeiterbewegung des Jah-
res 1848 in Deutschland, der Tendenz Borns (der unseren Ökonomisten ver-
wandt ist) und der marxistischen Tendenz, zu umgeben. Daß man den Fehler
eines Opponenten, betreffe er auch nur den Familiennamen Borns, ausnutzt, ist
nur allzu verständlich. Aber mittels Korrekturen an der Übersetzung die Frage
nach dem Wesen der zwei Taktiken zu umgehen, das heißt in der Kernfrage
des Streits kapitulieren. (Fußnote des Verfassers zur Ausgabe von 1907. Die
Red.)
** Chlestakow — Hauptgestalt in Gogols „Revisor". Der Tibers.